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Diskussion um Kranken­hausschließungen wird lauter

Freitag, 25. September 2020

/spotmatikphoto, stock.adobe.com

Berlin – Während sich die deutschen Krankenhäuser auf steigende Zahlen von COVID-19-Patienten in Herbst und Winter vorbereiten, wird die Diskussion um den Abbau von Krankenhauskapazitäten zunehmend lauter geführt. So erklärte der Gesundheitsökonom Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin in einem Interview mit der taz, dass aus seiner Sicht etwa 800 der 1.400 Akutkrankenhäuser in Deutschland verzichtbar seien.

Dabei gehe es weniger um deren Schließung als darum, wie das Krankenhaus der Zukunft aussehe. „Nehmen wir die Herzinfarkte“, erklärte Busse. „Jeden Tag bekommen 500 Menschen in Deutschland einen Herzinfarkt. Wir verteilen diese Menschen auf 1.300 Krankenhäuser. Das durchschnittliche Krankenhaus hat aber erstens keinen Herzkatheter und zweitens keinen Kardiologen, der rund um die Uhr da ist. Wir verteilen Patienten auf viel zu viele Häuser, die für eine adäquate Versorgung weder technisch noch personell ausgestattet sind.“

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Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hält dagegen. Die Forderungen von Busse, radikal umzudenken, könne man nur mit der Einschätzung „radikal daneben“ beantworten, meinte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum. „Spätestens nach den Erfahrungen der Coronapandemie entbehrt es nicht einer gewissen Tragik, dass er weiterhin nicht erkennt, dass Daseinsvorsorge nicht mit radikaler Zentralisierung zu erreichen ist.“

Dieser Ansicht ist auch der frühere Ärztliche Direktor des Asklepios Klinikums Langen, Ernst Hanisch. Denn „es gibt Hinweise auf eine Assoziation von erhöhter COVID-19-Sterblichkeit in Ländern mit nachgewiesener niedriger Bettenanzahl“, sagte er dem Deutschen Ärzteblatt.

Auch im Hinblick auf die Coronapandemie hält Hanisch die Ansicht für nicht angebracht, die Krankenhäuser, die sich weniger oder nicht an der Versorgung von COVID-19-Patienten beteiligt haben, seien eher entbehrlich. „Da realistisch betrachtet nicht davon auszugehen ist, dass die Pandemie in absehbarer Zeit beherrschbar sein wird, ist das Kriterium, Krankenhäuser, die sich aktuell nicht an der Versorgung von COVID-19-Patienten beteiligt haben, zu schließen, völlig irrational“, meint er. „Es gibt doch noch andere Krankheiten, die behandelt werden müssen.“

Hanisch stört in der Diskussion um Krankenhausschließungen zudem, dass die Kategorie „klein“ oft mit der Kategorie „unnötig“ gleichgesetzt wird: „Es ist ein großer Unterschied, ob man über Kliniken nachdenkt, die möglicherweise nicht zwingend benötigt werden, oder ob man der Ansicht ist, dass per se kleine Kliniken geschlossen werden könnten.“

Kritik an heutiger Qualitätssicherung

Zudem kritisiert Hanisch die Qualitätssicherungsmaßnahmen in Deutschland, bei denen die Krankenhäuser zahlreiche Struktur- und Outcomeparameter dokumentieren müssen. Sinnvoller ist es aus seiner Sicht, den Mitarbeitern eines Krankenhauses mehr Verant­wortung zu geben. Er schlägt vor, in einer Modellregion ein übergeordnetes Ziel zu formulieren, in der die an der Basis Arbeitenden ein praktisches Konzept entwickeln, wie dieses Ziel erreicht werden kann.

Dadurch könne die Motivation der Mitarbeitenden – im Gegensatz zu Top-Down-Modellen – erhöht werden. „Dabei können die Ziele für jede Region anders aussehen“, sagt Hanisch. „Denn in einer Metropolregion wird man andere Lösungen entwickeln als in einer ländlich geprägten Region.“ Der Lohn einer solchen Maßnahme sei eine höhere Zufriedenheit der Beschäftigten. © fos/aerzteblatt.de

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Avatar #722321
Hennighausen
am Sonntag, 27. September 2020, 00:41

Vorschlag von Reinhard Busse ist diskussionswürdig

In unserem Gesundheitswesen "klemmt es an allen Ecken und Enden", könnte man volkstümlich sagen. Die Volksweisheit "für die Gesundheit darf einem nichts zu schade sein" ist auch richtig, wird aber oft erst dann umgesetzt, "wenn es wirklich brennt". Auch die Gesundheit unterliegt in ihrer Gesamtheit der Ökonomie, das zur Verfügung stehend Geld ist begrenzt. Unter dieser praktisch jeden Tag erfahrbaren Prämisse sollte man wirklich überlegen, ob es sinnvoll ist, alle Krankenhäuser in der bisherigen Form zu erhalten. Ein etwas flapsiger Spruch "wo ein Bett ist, ist auch ein Patient", könnte in Zeiten von Corona als politisch unkorrekt angesehen werden, aber auch dieser Spruch beinhaltet aus meiner Lebenserfahrung (aktuell 75 J alt, bin noch im Arbeitsprozess) zumindest ein Körnchen Wahr-heit.
Vereinfacht gesagt: Man muss mit dem vorhanden Geld haushalten und dabei die medizinischen Möglichkeiten als Grundlage nehmen und dann überlegen und prüfen, wie man unter den jeweiligen regionalen und lokalen Bedingungen am effektivsten die Bevölkerung versorgen kann.
Nicht selten spielen bei der Krankenhausplanung regional bestimmte politische Wünsche und Forderungen eine wesentliche Rolle, aber der angemeldete Bedarf muss auch realisierbar und bezahlbar sein!!!
Zu dem Thema Herzinfarkt: Aus einer Fernsehsendung erfuhr ich, dass in unsrem Nachbarland Dänemark ein Teil der Krankenhäuser geschlossen wurde, aber gleichzeitig ein hocheffektives Rettungs-system f. Notfälle, vor allem Herzinfarkte, aufgebaut wurde.
Ich selber kann als Augenarzt diesen Komplex fachlich nicht beurtei-len, aber man sollte die in Dänemark gemachten Erfahrungen erkunden, vielleicht findet man Wichtiges auch für uns in Deutschland. Als Ergänzung möchte ich eine Entwicklung in meinem Fach anführen: Vor ca. 30 Jahren wurden die meisten Operationen des Grauen Stars (Katarakt) stationär durchgeführt, Liegezeit ca. 1 Woche, heute werden nahezu alle Operationen dieser Art ambulant durch-geführt.
Avatar #768286
Nofri
am Freitag, 25. September 2020, 19:49

Italienische Verhältnisse

Wer sowas vorschlägt ist ein alleiniger Kostenrechner und hat nicht einmal bedacht, dass man die täglich 500 Herzinfarktpatienteneben nicht auf die zur Verfügung stehenden Krankenhäuser im Bundesgebiet gleichmäßig verteilen kann, denn da ist schnelles Handeln erforderlich und muss nah am Ort sein. ...Das würde bedeuten man bräuchte Spezialgebilde die quasi alles können und grösser sind. "Kombinate" quasi, die aber schwer händelbar werden, da die Größe meist Qualitätsprobleme mit sich bringt. Spezialisierung dagegen ist mit hoher qualitativer Leistung und Spezialwissen verbunden- vor allem in Gebiet der Medizin. Ich sehe hier wieder einmal nur die Gier und die Zeichen von Gewinn in den Köpfen derer, die so argumentieren. Heilung und Profit passen eben nicht, das sieht man an dieser Vorstellung wieder einmal ganz deutlich. Es geht dabei auch nicht um den Patienten, dieser ist in dieser Weise zum Produkt verkommen, dessen Bearbeitung Profit bringen soll-wenn nicht, dann will man ihn nicht haben...Wohin das führt sieht man in den USA oder in Italien.
LNS

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