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Medizin

Gabapentin bei „Chronic Pelvic Pain Syndrom“ unwirksam

Montag, 19. Oktober 2020

/Nutlegal, stock.adobe.com

Edinburgh – Das Antikonvulsivum Gabapentin, das auch zur Behandlung von neuro­pathischen Schmerzen eingesetzt wird, hat in einer randomisierten Studie im Lancet (2020; DOI: 10.1016/S0140-6736(20)31693-7) die chronischen Unterbauch­schmerzen von Frauen im gebärfähigen Alter nicht stärker gelindert als ein Placebo.

Chronische Unterbauchschmerzen („chronic pelvic pain syndrome“) gehören zu den häufigsten Anlässen für einen Besuch beim Frauenarzt. Die Ursachen können vielfältig sein. Die Bandbreite reicht von einer Endometriose über Adhäsionen („Pelvic Inflamma­tory Disease“) über Myome bis hin zu Veränderungen der Ovarien. Häufig findet sich jedoch in der Ultraschalluntersuchung keine Erklärung für die Beschwerden.

In diesem Fall kommen verschiedene empirische Therapien zum Einsatz, zu denen auch die Behandlung mit Gabapentin gehört. Das Antikonvulsivum wird (nicht nur) in Großbri­tan­nien häufig in dieser Indikation eingesetzt. In 2 Umfragen hatten 74 % der britischen Allgemeinmediziner und 92 % der Gynäkologen angegeben, dass sie Gabapentin bei ihren Patientinnen mit chronischen Unterbauchschmerzen gelegentlich einsetzen.

Wie bei den meisten anderen Mitteln zur Behandlung des „chronic pelvic pain syndrome“ ist die Evidenz für Gabapentin gering. Der Britische Medical Research Council hat deshalb eine größere randomisierte Studie durchgeführt, die für mehr Klarheit sorgen sollte. An der GaPP2-Studie beteiligten sich 306 Patientinnen mit chronischen Unterbauch­schmerzen, für die keine erkennbare Ursache gefunden wurde.

Die Patientinnen wurden auf eine Behandlung mit Gabapentin oder Placebo randomisiert. Die Gabapentindosis konnte bei einer guten Verträglichkeit auf bis zu 2.700 mg am Tag gesteigert werden. Der primäre Endpunkt bestand in der Entwicklung der schlimmsten und der durchschnittlichen Schmerzen, die die Teilnehmerinnen wöchent­lich in den 4 Wochen vor Behandlungsbeginn und ein zweites Mal wöchentlich in den letzten 4 Wochen der 16-wöchigen Behandlung auf einer numerischen Bewertungsskala mit 0 (kein Schmerz) bis 10 (schlimmster vorstellbarer Schmerz) Punkten einstuften.

Nach den jetzt von Andrew Horne von der Universität Edinburgh und Mitarbeitern mitgeteilten Ergebnissen blieb Gabapentin weitgehend wirkungslos. Der schlimmste Schmerz verminderte sich in der Gabapentingruppe von 8,4 auf 7,1 Punkte, während es in der Placebogruppe zu einer Verminderung von 8,6 auf 7,4 Punkte kam.

Bei dem mittleren Schmerz kam es in der Gabapentingruppe zu einer Linderung von 5,5 auf 4,5 Punkte und in der Placebogruppe von 5,5 auf 4,5 Punkte. In beiden Fällen war die Differenz zwischen den beiden Gruppen minimal und statistisch nicht signifikant.

Die guten Erfahrungen, über die Allgemeinärzte und Gynäkologen mit Gabapentin berichten, beruhen deshalb vermutlich auf einer Placebowirkung.

Real waren dagegen die Nebenwirkungen. Schwindel und Schläfrigkeit wurden von den Frauen in der Gabapentingruppe deutlich häufiger angegeben. Auch Müdigkeit und Stimmungsschwankungen sowie Sehstörungen und Veränderungen der Haut wurden tendenziell häufig angegeben.

Die Nutzen-Risiko-Bilanz von Horne und Mitarbeitern fällt deshalb negativ aus. Gabapentin sei zur Behandlung des „chronic pelvic pain syndrome“ nicht geeignet und sollte nicht mehr verordnet werden, schreiben die britischen Mediziner. Sie raten ihren Kollegen Ärzten, es mit anderen Medikamenten, Physiotherapie oder einer kognitiven Verhaltenstherapie zu versuchen. © rme/aerzteblatt.de

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