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Medizin

Wissen hilft gegen Rückenschmerz

Mittwoch, 14. Oktober 2020

/markoaliaksandr, stock.adobe.com

Seattle/Berlin – Bei Patienten mit Rückenschmerzen zeigt die bildgebende Routinedia­gnostik der Wirbelsäule bekanntlich häufig Befunde, die nichts mit den Beschwerden der Patienten zu tun haben. Die Patienten profitieren aber offenbar von dem Wissen über die Zufallsbefunde: Sie benötigten weniger Opioide. Das berichten Radiologen und Neuro­chirurgen der University of Washington im Fachmagazin JAMA (DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2020.15713).

Die Ärzte screenten 250.401 erwachsene Teilnehmer mit Rückenschmerzen aus 98 Einrichtungen der medizinischen Primärversorgung. 238.886 Teilnehmer wurden in 2 Gruppen randomisiert: Für die Patienten der Kontrollgruppe (n=117.455; 49,2 %) wurden herkömmliche radiologische Befundberichte erstellt, in der Interventionsgruppe (n=121.431; 50,8 %) beinhalteten die Befundberichte zusätzlich Hinweise zur Prävalenz solcher Abnutzungserscheinungen und altersbedingten Wirbelsäulenanomalien bei gleichaltrigen Menschen ohne Rückenbeschwerden.

Die Forscher untersuchten dann, ob sich die Zahl der Arztbesuche und die Therapie zwischen den beiden Gruppen unterschied. Als primärer Endpunkt wurde die Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung erhoben, gemessen“ als RVUs („spine-related relative value units“) über 365 Tage. Sekundär wurden die Verschreibungen opioidhaltiger Schmerzmittel durch Ärzte der Primärversorgung analysiert.

Es zeigte sich insgesamt kein Rückgang der Inanspruchnahme der Gesundheitsversor­gung in der Interventionsgruppe. Ein Unterschied zeigte sich allerdings im sekundären Endpunkt: Bei Patienten der Interventionsgruppe waren weniger opiathaltige Schmerz­mittel rezeptiert worden als in der Kontrollgruppe, der Unterschied war zwar insgesamt nicht groß, aber doch statistisch signifikant (36,2% vs. 37%; OR 0,95; p=0,04).

Betrachteten die Forscher nur die Patienten, die vor der bildgebenden Untersuchung keine Opioide benötigt hatten, war der Gruppenunterschied deutlich größer: Im Zeitraum von 12 Monaten wurden 25 % der Patienten, denen die Bildgebung erklärt und die Befunde relativiert worden waren, Opioide verschrieben, in der Kontrollgruppe erhielten 75 % Opioide.

„Schmerztherapeutisch ist das gut nachvollziehbar“, ordnet Hans-Christoph Diener, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), dieses Ergebnis ein. Patienten, die wüssten, dass eine bestimmte in der Bildgebung sichtbare Abnutzungs­erscheinung allgemein häufig sei und nicht in einem kausalen Zusammenhang mit dem Schmerz stehe, seien entspannter, was sich positiv auf das Schmerzempfinden und die Psyche auswirke. „Wissen hilft gegen Schmerzen“, so der DGN-Experte. © hil/aerzteblatt.de

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