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Medizin

SARS-CoV-2: Die meisten Infektionen erfolgen durch Superspreader

Donnerstag, 1. Oktober 2020

/vrx123, stock.adobe.com

Berkeley/Kalifornien – Die weltweit größte Studie zu Kontaktuntersuchungen bei SARS-CoV-2, die ein Forscherteam in Indien durchgeführt hat, zeigt, dass die meisten Infektio­nen von wenigen Personen übertragen werden, wobei Kinder nach der Publikation in Science (2020; DOI: 10.1126/science.abd7672) eine größere Rolle spielen als bisher an­genommen.

Kontaktuntersuchungen sind personalaufwendig und deshalb in reicheren Ländern nur begrenzt durchführbar. In Indien ist die Situation anders. Die Lohnkosten sind gering und die Gesundheitsämter sind häufig personell gut aufgestellt. Dies gilt insbesondere für die südindischen Bundesstaaten Andhra Pradesh und Tamil Nadu.

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Dort waren in den vergangenen Monaten zehntausende von Mitarbeitern unterwegs, um die Kontaktpersonen von Infizierten aufzuspüren. Diese wurden über 2 Wochen täglich aufgesucht und nach Symptomen befragt. Zu den Maßnahmen gehörte eine „Sicherheits­zone“ von 5 km im Umkreis jedes Infizierten.

Einem Team um den Epidemiologen Joseph Lewnard von der Universität von Berkeley in Kalifornien standen für die Analysen Daten zu 575.071 Kontaktpersonen von 84.965 be­stätigten Fällen von SARS-CoV-2 zur Verfügung. Die Ergebnisse deuten auf einige Beson­derheiten für Indien und vergleichbare ressourcenärmere Länder, andere Erkenntnisse könnten auch für Länder mit hohem Einkommen wichtig sein.

Eine Besonderheit für Indien ist sicherlich, dass der Anteil der Todesfälle in der Alters­gruppe von 50 bis 64 Jahren am höchsten war und im höheren Alter wieder abnahm. In den USA (und anderen westlichen Ländern) treten die meisten Todesfälle jenseits des 60. Lebensjahres auf.

Die höhere Sterblichkeit im erwerbstätigen Alter hängt laut Lewnard einmal damit zu­sammen, dass die Lebenserwartung in Indien etwa 10 Jahre niedriger ist. Ein hohes Alter erreichen zudem nur wirtschaftlich besser gestellte Personen, die besser vor Infektionen geschützt sind. In den unteren Schichten ist die Bevölkerung härteren Lebens- und Ar­beitsbedingungen ausgesetzt.

Typisch für Indien dürfte auch der raschere Verlauf der Erkrankung sein. Bis zum Tod ver­gingen median 6 Tage gegenüber 13 Tagen in den USA. Die Kliniken verfügen häufig nicht über Beatmungsgeräte und andere Mittel, um die Patienten länger am Leben zu halten.

Wie in anderen Ländern auch treten tödliche Verläufe häufiger bei komorbiden Patienten auf: 63 % der Verstorbenen hatten mindestens eine Begleiterkrankung, bei 36 % waren es
zwei oder mehr. Etwa 45 % der Verstorbenen waren Diabetiker.

Von allgemeinem Interesse ist, dass die Infektionen nicht gleichmäßig erfolgten. Das Risiko einer Übertragung von einem Indexfall auf einen engen Kontakt betrug in der Familie 9,0 %.

Außerhalb des Haushalts lag sie nur bei 2,6 % und im Gesundheitsbereich nur bei 1,2 %. Das Infektionsrisiko hing davon ab, wie intensiv die Kontakte sind. Besonders hoch war es mit 10,7 % bei Personen, die Kontakt mit Personen ohne Mundschutz hatten.

Anders als vielfach angenommen, gehörten Kinder zu den Personen, die sich am häufigs­ten ansteckten, vor allem, wenn die Index-Patienten das gleiche Alter hatten. Inwieweit hier Besonderheiten in Indien eine Rolle spielen, ist laut Lewnard unklar.

Die Studie bestätigt zudem die Bedeutung von Superspreadern: Insgesamt 70 % der In­dex-Personen infizierten keinen einzigen ihrer Kontakte, während 8 % der Index-Personen für 60 % der beobachteten Neuinfektionen verantwortlich waren. © rme/aerzteblatt.de

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