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Politik

Pandemie: Systeme mit ambulanten Versorgungs­strukturen offenbar im Vorteil

Donnerstag, 1. Oktober 2020

/dpa

Berlin – Gesundheitssysteme in Europa, die ihren Schwerpunkt in ambulanten Versor­gungsstrukturen haben, sind besser durch die COVID-19-Pandemie gekommen als andere.

So wurden in Dänemark, Finnland, Norwegen, Österreich und Deutschland Patienten außerhalb von Krankenhäusern getestet und lange Zeit in der ambulanten Versorgung versorgt. Hier zeigen sich im Vergleich zu anderen EU-Staaten deutlich bessere Ergeb­nisse bei Krankenhauseinweisungen, Intensivbehandlungen sowie Verstorbenen.

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Diese erste Datenauswertungen des European Obsevatory on Health Systems and Policies unter der Co-Leitung von Reinhardt Busse von der TU Berlin wurden beim „healsy20“-­Kon­gress der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) im Rahmen der EU-Ratspräsi­dentschaft heute vorgestellt.

Laut Busse sind beim Umgang der Gesundheitssysteme mit der Pandemie drei Elemente wichtig: Die Bedingungen für das Testen von COVID-19-Patienten, die Zuständigkeit für die Behandlung von Patienten sowie die Relevanz von stationären Intensivbettenkapazi­tä­ten.

Vor allem letzteres sei oftmals in der politischen Reaktion überschätzt worden, so Busse. Denn in keinem EU-Land seien in den ersten Monaten der Pandemie die Betten in Kranken­häuser knapp geworden, nicht einmal in den stark betroffenen Ländern Spanien, Belgien oder Frankreich.

Bei den Intensivbetten reichten die Kapazitäten ebenfalls – in den Niederlanden, in der Lombardei sowie in Schweden mussten allerdings zusätzliche Kapazitäten aufgebaut werden.

Beim Thema Testen sei es wichtig, unter welchen Voraussetzungen und vor allem durch welchen Sektor im Gesundheitswesen die Patienten mit Verdacht getestet wurden. Es ha­be sich gezeigt, dass es in den Ländern weniger Ansteckungen in stationären Einrichtun­gen gegeben hat, in denen in ambulanten Versorgungsein­richtungen getestet wurde und noch wird.

Hier sei ein deutlicher Unterschied in den EU-Ländern zu sehen: So waren in Frankreich 70 Prozent aller positiv-getesteten Menschen in einem Krankenhaus getestet worden. Auch in der italienischen Region Lombardei, aus denen im März Bilder von überlasteten Kliniken um die Welt gingen, sei dies ähnlich geschehen.

Da es in Italien aber 21 verschiedene Gesundheitssysteme gebe, dürfe die eine Erfahrung im Norden von Italien nicht auf das ganze Land angewendet werden, so Busse. In der Re­gion Venetien habe es beispielsweise ambulante Gesundheitszentren gegeben, die bis 22 Uhr geöffnet gewesen seien. Dort seien die Versorgungsdaten bei COVID-19 ähnlich wie in Deutschland.

Große Resilienz und Widerstandskraft attestierte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) auch dem deutschen System. Es gebe über fünf Millionen Beschäftigte im Gesund­heitswesen, dazu gehörten neben Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften, Apothekern bei­spielsweise auch die Medizinisch-Technischen-Assistenten (MTA) in den Laboren, „die auch seit Monaten jedes Wochenende durcharbeiten“, so Spahn auf dem Kongress.

Aus seiner Sicht war es wichtig, dass bereits im Februar ein Test für alle gesetzlich Kran­kenversicherte zur Verfügung gestanden hat – und dass es Versorgungsstrukturen bei Praxen, Krankenhäusern sowie Laboren „in der Fläche“ in Deutschland gebe. Für die kommenden Wintermonate solle es weiterhin Schwerpunktpraxen oder Fieberambu­lan­zen geben, auch wenn er sich nicht auf dieses Wort festlegen wollte.

Für eine mögliche Impfung könne er sich auch vorstellen, dass Risikogruppen im Winter in großen Zentren wie Messehallen geimpft werden können. Dies solle starten, wenn es sichere Impfstoffe gebe. Der Minister betonte, dass man aber erst impfen wolle, wenn die Phase-3-Studien sicher beendet seien. Die Zulassung erfolge dann über die Behörden der Europäischen Union.

Hans Henri Kluge, Regionaldirektor für Europa bei der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO), erklärte, dass die EU-Staaten beim Thema Impfstoff Solidarität auch mit den kleineren und schwächeren Staaten zeigen müsse. Sicher seien auch die großen Staaten erst, wenn es auch Impfstoffe für die kleineren Staaten gebe, so Kluge, zugeschaltet aus Kopenhagen.

Generell müsse das Gesundheitssystem bei der Digitalisierung besser werden, dazu zählte der deutsche Minister nicht nur die elektronische Patientenakte oder die Anbindung des Öffentlichen Gesundheitsdiensts, auch Daten über das Gesundheitssystem müssen besser geliefert werden.

Derzeit werde „in drei oder vier Monaten mehr für die Digitalisierung im ÖGD getan als in den letzten 20 Jahren insgesamt“, so Spahn. Auch müssten Onlinesprechstunden weiter gehen, „dafür bin ich vor Jahren auf dem Deutschen Ärztetag noch müde angelächelt wor­den.“

Für KBV-Chef Andreas Gassen ist das gute Abschneiden Deutschlands in der Pandemie eine Frage des Aufbaus des hiesigen Gesundheitssystems. „Wir haben ja keine andere Therapie als in unseren Nachbarstaaten, aber wir haben ein ambulantes System, das nur schwierige Fälle in die Krankenhäuser einweist“, so Gassen. Dies zeige auch mit Blick auf künftige Reformdiskussionen im deutschen Gesundheitswesen, „dass ambulante Versor­gung am Krankenhaus keine gute Idee ist.“

Für die Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Doris Pfeiffer, war etwas Glück dabei sowie eine schnelle Reaktion der Selbstverwaltung, dass Deutschland gut durch die Pandemie gekommen ist.

Nachdem viele Bereiche im Gesundheitswesen mit Rettungsschirmen oder mit Freihalte­kapazitäten in den Kliniken finanziert und damit gestützt wurden, mache sie sich nun um die über 16 Milliarden Euro Sorgen, die im Jahr 2021 den Krankenkassen fehlen werden. Besonders auch auf der Einnahmenseite könnte dies bei einer möglichen Wirtschaftskrise ein Problem werden, erklärte Pfeifer. © bee/aerzteblatt.de

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