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Medizin

COVID-19: Frühere Infektionen mit anderen Coronaviren könnten vor schweren Verläufen schützen

Donnerstag, 8. Oktober 2020

/freshidea, stock.adobe.com

Boston – Eine frühere Infektion mit harmlosen Coronaviren, die in der Regel nur eine „Erkältung“ verursachen, hat in einer Studie im Journal of Clinical Investigation (2020; DOI: 10.1172/JCI143380) zwar nicht vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 geschützt. Der Verlauf einer COVID-19-Erkrankung war jedoch deutlich abgeschwächt.

Am Boston Medical Center steht den Ärzten zur Diagnose von Atemwegserkrankungen ein Multiplex PCR-System zur Verfügung, das die Gene von 20 häufigen Erregern nach­weisen kann. Darunter sind auch die humanen Coronaviren OC43, HKU1, NL63 und 229E, die in der Regel nur leichte Erkrankungen verursachen.

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Die Infektionen erzeugen eine Immunität, die allerdings von begrenzter Dauer ist. Es kommt deshalb in gewissen Abständen immer wieder zu Erkältungswellen, die von denselben Coronaviren verursacht werden.

Ein Team um den Infektiologen Manish Sagar hat jetzt die Daten von 15.928 Patienten ausgewertet, bei denen in den 5 Jahren vor Beginn der SARS-CoV-2-Epidemie ein Multi­plex-Test durchgeführt worden war. Von diesen sind 1.812 seit März auch auf SARS-CoV-2 getestet worden. In 470 Fällen war das Ergebnis positiv. Darunter waren 33 Patienten (24,8 %), bei denen in den Jahren davor der Multiplex-Test auf ein Erkältungscoronavirus positiv ausgefallen war. Von den 15.053 Patienten, die zuvor ein negatives Ergebnis im Multiplex-Test hatten, wurden jetzt 437 (26,0 %) positiv auf SARS-CoV-2 getestet.

Die beiden Anteile (24,8 versus 26,0 %) unterscheiden sich nicht signifikant (Odds Ratio 0,90; 95-%-Konfidenzintervall 0,9; 0,6 bis 1,4). Sagar schließt daraus, dass eine frühere Infektion mit einem anderen Coronavirus nicht vor SARS-CoV-2 schützt. Dies deckt sich mit den Erfahrungen anderer Forscher, die keine Hinweise auf eine Kreuzimmunität unter den Coronaviren fanden, obwohl es Übereinstimmungen in der Oberflächenstruktur der Viren gibt.

Erstaunlich ist jedoch ein weiterer Befund. Von den 33 SARS-CoV-2-positiven Patienten mit einer anderen Coronavirusinfektion in der Vorgeschichte musste nur einer (4,8 %) wegen einer schweren COVID-19 auf einer Intensivstation behandelt werden. Unter den Patienten ohne Coronavirusinfektion in der Vorgeschichte waren es 65 (28,1 %). Sagar ermittelt eine Odds Ratio von 0,1 (0,0 bis 0,7), was auf eine deutliche Schutzwirkung vor schweren Erkrankungen hindeutet.

Ähnlich war die Analyse in den beiden Endpunkten mechanische Beatmung und Todes­fälle. Von den SARS-CoV-2-positiven Patienten mit einer anderen Coronavirusinfektion in der Vorgeschichte musste kein einziger beatmet werden und es gab nur 5 Todesfälle. Bei den Patienten ohne eine frühere Infektion mussten 38 künstlich beatmet werden. Hier gab es 55 Todesfälle. Die Odds Ratio erreichte in beiden Fällen nicht das Signifikanz­niveau.

Auch der Entzündungsparameter C-reaktives Protein war nach einer anderen Coronavirus­infektion in der Vorgeschichte deutlich niedriger (24,0 versus 55,1 ng/l), ebenso das LDL (284,0 versus 344,5 U/l).

Wieso eine frühere Coronainfektion einen schweren Verlauf von COVID-19 verhindert, obwohl sie nicht vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 schützt, ist unklar. Sagar vermutet, dass die erste Infektion ein lokales Immungedächtnis („Priming“) in der Lunge auslöst, das verhindert, dass sich die Viren weiter ausbreiten.

Stichhaltige Belege hierfür kann der Infektiologe nicht angeben. Trotz der frappierenden Ergebnisse bleibt wie in allen retrospektiven Studien die Möglichkeit, dass eine andere Erklärung übersehen wurde. © rme/aerzteblatt.de

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