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Medizin

Gleichzeitige Stimulation von Zunge und Ohren lindert Tinnitus in offener Studie

Montag, 26. Oktober 2020

/peterschreiber.media, stock.adobe.com

Minneapolis – Eine bimodale Neurostimulation, bei der die Zunge elektrischen und die Ohren akustischen Reizen ausgesetzt werden, hat in einer offenen Studie in Science Translational Medicine (2020; DOI: 10.1126/scitranslmed.abb2830) einen chronischen Tinnitus nachhaltig gelindert.

Etwa 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung leiden unter spontanen Ohrgeräuschen. Forscher führen diesen Tinnitus in Analogie zu den Phantomschmerzen von Amputierten auf den Ausfall von sensorischen Reizen infolge von Hörstörungen zurück.

Ein neuer Behandlungsansatz besteht darin, das Gehirn anderen Reizen auszusetzen, um es von der Bildung „erfundener Geräusche“ abzuhalten, was die Hirnforscher als gezielte Neuroplastizität bezeichnen.

Gute Erfahrungen wurden in tierexperimentellen Studien mit einer Kombination aus akustischen und somatosensorischen Reizen gemacht. Ein irischer Hersteller hat hierfür einen bimodalen Neuromodulator entwickelt. Er besteht aus einem Geräuschgenerator für die Ohren und einer Sonde, die über 32 Elektroden elektrische Signale auf die Zungenspitze abgibt. Die sensiblen Signale werden vom (Nervus lingualis des) Nervus trigeminus an das Gehirn weitergeleitet. Die akustischen Signale erreichen das Gehirn über den Nervus vestibulocochlearis.

Das Gerät wurde bereits vor 4 Jahren in einer Pilotstudie an 54 Patienten getestet. Ein Team um Brendan Conlon vom Hermitage Medical Centre in Dublin berichtete damals in Neuromodulation (2016; DOI: 10.1111/ner.12452), dass die Patienten die tägliche 30- bis 60-minütige Behandlung akzeptierten.

Nach 10 Wochen kam es zu einer Abschwächung der Belästigung durch die Ohrge­räusche, die im „Tinnitus Handicap Inventory“ (THI) und im „Tinnitus Functional Index“ (TFI) erfragt wurde. Beide Fragebogen bewerten den Tinnitus mit 0 (keine Störung) bis 100 Punkte (sehr starke Beeinträchtigung).

Die Forscher haben das Gerät daraufhin an einer größeren Gruppe getestet und dabei 3 unterschiedliche Varianten der bimodalen Stimulation miteinander verglichen. Die TENT-A-Studie („Treatment Evaluation of Neuromodulation for Tinnitus“) wurde an einer Klinik in Dublin und am Tinnituszentrum der Universität Regensburg durchgeführt. Es nahmen 326 Patienten im Alter von im Durchschnitt 48 Jahren teil, die seit 2,6 Jahren unter einem Tinnitus mit einem THI von 43,5 und einem TFI von 47,9 Punkten litten.

Die Patienten führten die Behandlung 12 Wochen lang zuhause täglich über 60 Minuten durch. Primäre Endpunkte waren die Veränderungen im THI und TFI nach 12 Wochen. Eine weitere Bewertung fand nach einem Jahr statt.

Die Patienten wurden auf 3 unterschiedliche Stimulationsmodi randomisiert. Im Modus PS1 wurden die Ohren mit einer Vielzahl von Einzeltönen (500 bis 8000 Hz) beschallt, die mit elektrischen Impulsen auf der Zungenspitze synchronisiert waren. Im Modus PS2 erfolgten die Impulse auf der Zungenspitze mit einer kurzen Verzögerung auf die akustischen Signale. Im Modus PS3 war die Verzögerung mit 2 Sekunden deutlich länger.

Laut den von einem Team um Hubert Lim von der Universität von Minnesota in Minnea­polis vorgestellten Ergebnissen kam es in allen Gruppen zu einer Abschwächung des Tinnitus. Ein Effekt war bereits bei der ersten Untersuchung nach 6 Wochen vorhanden, bis zur 12. Woche gab es keine weitere Verbesserung.

Am Ende der Behandlung war der THI in den Modi PS1, PS2 und PS3 um 14,6, 14,5 und 13,5 Punkte zurückgegangen. Im TFI kam es zu einer Verbesserung um 13,9, 13,8 und 13,2 Punkte. Die Unterschiede zwischen den 3 Gruppen waren nicht signifikant.

Bei den Nachuntersuchungen nach 18, 38 und 64 Wochen machten sich dann doch Unterschiede bemerkbar. In den Modi PS1 und PS2 blieb der Therapieeffekt weitgehend erhalten. Im Modus PS3 war es zu einem erneuten Anstieg gekommen. THI und TFI auch in dieser Gruppe blieben jedoch unter dem Ausgangswert vor Behandlungsbeginn.

Die Ergebnisse scheinen die klassische Hypothese der gepaarten Plastizität („paired plasticity“) zu bestätigen, nach der die elektrischen und akustischen Signale gleichzeitig oder mit kurzen Intervallen erfolgen müssen, um den Tinnitus dauerhaft zu beseitigen. Die Unterschiede zwischen den 3 Modi waren jedoch nicht signifikant, so dass hier noch keine abschließende Bewertung möglich ist.

Eine wesentliche Einschränkung der Studie ist, dass eine Kontrollgruppe, in der die Patienten nach Möglichkeit eine Scheinbehandlung erhalten würden, fehlt. So lässt sich derzeit nicht beurteilen, welchen Anteil ein Placebo-Effekt am Erfolg der Behandlung hatte.

Eine ähnliche Behandlung hatten vor 2 Jahren Forscher der University of Michigan an Meerschweinchen und 20 Patienten erprobt. Nach 4 Wochen täglicher Nutzung war es dort zu einer deutlichen Abschwächung des Tinnitus gekommen, bei 2 Teilnehmern waren die Ohrgeräusche vollständig verschwunden. Die in Science Translational Medicine (2018; DOI: 10.1126/scitranslmed.aal3175) publizierte Studie hatte eine Kontrollgruppe mit Scheinbehandlung, in der es zu keinem Rückgang des Tinnitus kam. © rme/aerzteblatt.de

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