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Medizin

Auch Rötelnvirus kommt aus dem Tierreich

Donnerstag, 22. Oktober 2020

Gelbhalsmaus /creativenature.nl, stock.adobe.com

Insel Riems/Madison/Wisconsin – Der Erreger der Röteln, die erst seit 2 Jahrhun­derten als Erkrankung bekannt sind, hat 2 enge Verwandte im Tierreich, die US-amerikanische und deutsche Forscher jetzt in Nature (2020; DOI: 10.1038/s41586-020-2812-9) vorstellen.

Die Röteln, die der englische Mediziner George Maton erstmals 1814 als Erkrankung beschrieben hat, führen bei Kindern meist nur zu einer leichten Erkrankung mit Haut­ausschlag, Fieber und einer Schwellung der Lymphknoten.

Die Erkrankung wurde lange banalisiert, bis der australische Augenarzt Norman Gregg 1942 erkannte, dass es nach einer pränatalen Infektion zu einem Katarakt und anderen schweren Fehlbildungen kommen kann, die als Rötelnembryopathie bezeichnet werden und der wesentliche Grund für die Impfempfehlung sind.

In Afrika, im westlichen Pazifik und im östlichen Mittelmeerraum, wo nur unzureichend geimpft wird, kommen jedes Jahr noch etwa 100.000 Kinder nach einer pränatalen Infektion mit Fehlbildungen an Innenohr, Herz, Auge und anderen Organen zur Welt.

Der Erreger, das Rubellavirus, wurde erst 1962 entdeckt. Es handelte sich bisher um den einzigen Vertreter aus der Familie der Matonaviridae, und der Mensch galt als sein einziger Wirt. Die Herkunft des Virus lag völlig im Dunkeln. Die Entdeckung von 2 verwandten Viren wirft jetzt die Frage auf, ob das Rubellavirus wie das Masern- und das Mumpsvirus ihren Ursprung möglicherweise im Tierreich haben.

Die beiden Teams haben die Viren eher zufällig entdeckt. Die Gruppe um Martin Beer vom Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems sollte die Todesursache von 3 Zootieren aufklären, einem Esel, einem Baumkänguru und einem Wasserschwein.

Bei einer Metagenomanalyse stießen die Forscher auf die Gene eines bisher unbekannten Virus, das jedoch große Ähnlichkeit zum Rötelnvirus hat. Wegen der nahen Verwandt­schaft zum Rubellavirus und der Region mit den ersten Nachweisen am Strelasund erhielt das Virus den Namen Rustrelavirus.

Bei der Untersuchung der Umgebung des Zoos entdeckten die Forscher, dass Gelbhals­mäuse ebenfalls mit dem Virus infiziert waren. Im Gegensatz zu den Zootieren erkrankten die Nager jedoch nicht. Sie könnten deshalb ein Reservoir für das neu entdeckte Virus sein.

Das Forschungsteam um Tony Goldberg von der Universität von Wisconsin in Madison war in Uganda eigentlich auf der Suche nach Coronaviren bei Zyklopen-Rundblattfleder­mäusen. Die Forscher stießen dabei ebenfalls auf ein bisher unbekanntes Virus aus der Familie der Matonaviridae. Es wurde Ruhuguvirus genannt, einer Wortschöpfung aus dem Entdeckungsort, der Region Ruteete, und dem Wort in der lokalen Tooro-Sprache für den Flügelschlag von Fledermäusen: Obuhuguhugu.

Die 3 Viren haben gewisse Ähnlichkeiten. Die Anordnung der Gene im Genom ist die gleiche und das Ruhugugenom ist in der Aminosäuresequenz seiner 8 Proteine zu 56 % identisch mit dem Rötelnvirus. Ein Protein, das mit den Immunzellen des Wirts inter­agiert, stimmte sogar bis auf 1 Aminosäure mit dem Rötelnvirus überein. Die Unter­schiede zum Rustrelavirus waren etwas größer.

Die Entdeckungen werfen die Frage auf, ob das heutige Rötelnvirus aus den anderen beiden Viren entstanden ist. Dann wären die Röteln wie Masern und Mumps von ihrer Herkunft her eine Zoonose.

Die beiden neuen Viren sind derzeit für den Menschen nicht gefährlich. Ob es wie bei den SARS-Coronaviren zu einem Wirtswechsel kommen kann, ist derzeit reine Spekulation. Die Tatsache, dass das Rustrelavirus offenbar von einem Nager auf Säugetiere wie Esel, Baumkänguru oder Wasserschwein übertragen wurde, ist nach Ansicht von Goldstein jedenfalls ein Warnzeichen.

Eine andere Frage ist, ob das Rötelnvirus tatsächlich nur die Menschen infiziert. Sollte es auch bei anderen Spezies gefunden werden, dürfte die angestrebte Eradikation kaum zu erreichen sein. © rme/aerzteblatt.de

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