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„Langfristig ist soziale Distanz immer ein Belastungsfaktor, wir Menschen brauchen die Mitwelt“

Mittwoch, 21. Oktober 2020

Berlin – Je länger eine Krise andauert und Menschen psychischen Belastungen ausge­setzt sind, desto eher sind die Selbstheilungskräfte überfordert und es kann zu psychi­schen Störungen kommen. Ein Ende der Coronapandemie mit den damit verbun­denen Einschränkungen, der notwendigen sozialen Distanz oder je nachdem auch Isolation, ist derzeit nicht abzusehen.

Aktuelle Studien zeigen, dass vor allem ältere Menschen, Kinder und Jugendliche, Frauen, Ärzte und Pflegekräfte sowie COVID-19-Patienten und ihre Angehörigen besonders psy­chisch belastet sind. Experten fordern, gegen zu steuern.

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5 Fragen an Andreas Heinz, ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte in Berlin und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psycho­somatik und Nervenheilkunde (DGPPN).

DÄ: Welche psychosozialen Unterstützungsangebote sollten angeboten werden, damit aus den vielfältigen psychischen Belastungen keine psychischen Erkrankun­gen entstehen?
Andreas Heinz: Wichtig ist die Reduktion der psychoso­zialen Folgen der Pandemie. Die Förderung von Ge­sund­heit und Resilienz durch einen entsprechenden Lebensstil, zum Beispiel durch Tagesstrukturierung, Bewegungserhalt, gesunde Ernährung und maßvollen Umgang mit Alkohol sowie Schlafhygiene. Zum anderen verdient der Erhalt der sozialen Beziehungen besondere Aufmerksamkeit. Moderne technische Kommunikations­möglichkeiten sollten hier ausgeschöpft werden.

Zudem sind psychotherapeutische Unterstützungsangebote zum Stressmanagement, zur Förderung positiver Aktivitäten (zum Beispiel Kreativität und Musikalität, Sport und Bewegung, Genuss), der Selbstwirksamkeit und zur Schulung der Entspannungsfähigkeit wichtige Ressourcen.

Entscheidend ist aber auch, dass der Zugang zur Regelversorgung für psychisch erkrankte Menschen garantiert wird. Aufgrund der Hygienebestimmungen brauchen wir hier lang­fristig die Möglichkeit, flexibel auf Telefon- und Videokontakte auszuweichen sowie evidenzbasierte Onlineprogramme einzusetzen.

DÄ: Wie schätzen Sie die langfristigen Folgen der Coronapandemie für die psychische Gesundheit ein?
Heinz: Die negativen Folgen von Isolations- und Quarantänemaßnahmen sind gut belegt, vor allem mit Fortschreiten der Krise und den damit verbundenen Einschränkungen. Die Gefahr ist, dass schwer kranke Patienten den Verzicht auf den persönlichen Kontakt nicht lange aushalten. Auch mit erhöhten Suizidraten muss gerechnet werden, insbesondere falls sich die negativen wirtschaftlichen Folgen der Pandemie weiter verschärfen sollten.

Darüber hinaus besteht Forschungsbedarf zu den psychosozialen Folgen von Isolations- und Quarantänemaßnahmen für ältere und hochbetagte Menschen und wie sich soziale Ungleichheit unter Pandemiebedingungen weiter verschärft.

Auch zu bestimmten psychischen Aspekten, wie dem Auftreten von Psychosen, Soma­tisierung, Suizidalität, Substanzmissbrauch und dem möglicherweise vermehrten Auf­treten nicht stoffgebundener Süchte wie beispielsweise der Computerspielsucht wie auch zu Veränderungen im Sozialverhalten (Aggressivität und Reizbarkeit) liegen bisher zu wenige Erkenntnisse vor.

DÄ: Sehen Sie in der psychiatrischen Klinik aktuell vermehrt Menschen, die aufgrund der psychischen Belastungen durch die Coronapandemie kommen?
Heinz: Wir sehen, dass viele Menschen stärker emotional belastet sind, wobei die Ursachen sehr vielfältig ausfallen und oft nur indirekt Bezug zur Pandemie haben. Aber auch Vereinsamung durch weniger Treffen und Reisen oder Sorgen um Angehörige spielen eine Rolle.

Psychische Belastungen in der COVID-19-Pandemie: Allgemeine Verunsicherung

Je länger eine Krise andauert und Menschen psychischen Belastungen ausgesetzt sind, desto eher sind die Selbstheilungskräfte überfordert und es kann zu psychischen Störungen kommen. Aktuelle Studien zeigen, wer besonders gefährdet ist. Experten fordern gegenzusteuern. Eine Pandemie führt zu einer allgemeinen Verunsicherung und Angst vor Ansteckung. Fast jeder sorgt sich um andere und sich selbst.

DÄ: Sollten vorsorglich mehr Angebote in den psychiatrischen Institutsambulanzen, in den Psychiater- und Psychotherapeutenpraxen geschaffen werden für Patienten, die an den psychischen Folgen der Pandemie leiden?
Heinz: Eigentlich funktionieren die Institutsambulanzen soweit wir hören sehr gut. Wichtig ist, dass Telefonkontakte weiter angeboten werden, sehr viele Patientinnen und Patienten haben keinen Zugang zu Videokonferenzen, sei es, dass sie obdachlos sind oder aus individuellen Gründen nicht über die Ausstattung dafür verfügen. Telefonieren können aber fast alle.

DÄ: Und schließlich eine eher philosophische Frage: Was macht die Notwendigkeit zur sozialen Distanz langfristig mit den Menschen oder mit einer Gesellschaft?
Heinz: Langfristig ist soziale Distanz immer ein Belastungsfaktor, wir Menschen brauchen in aller Regel die Mitwelt. Die Menschen leiden unterschiedlich stark unter Vereinsamung oder fehlendem direkten Kontakt, aber die wenigsten kommen damit langfristig ganz unbeschwert klar. Deshalb ist jede Form gesellschaftlicher Solidarität so wichtig. © PB/aerzteblatt.de

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