NewsMedizinGenera­tion-100-Studie: Sport hält im höheren Alter fit und verlängert (vielleicht) das Leben
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Genera­tion-100-Studie: Sport hält im höheren Alter fit und verlängert (vielleicht) das Leben

Montag, 26. Oktober 2020

/Kzenon, stock.adobe.com

Trondheim/Norwegen – Regelmäßiger und intensiver Sport hat in einer prospektiven Beobachtungsstudie in Progress in Cardiovascular Diseases (2020; DOI: 10.1016/j.pcad.2020.09.002) den Rückgang der kardiovaskulären Fitness im Alter verlangsamt. Eine lebensverlängernde Wirkung konnte in einer randomisierten Studie im Britischen Ärzteblatt (BMJ, 2020; DOI: 10.1136/bmj.m3485) jedoch nicht sicher nachgewiesen werden.

Sport gehört neben einer gesunden Ernährung und der Vermeidung von Risikofaktoren wie Rauchen zu den wichtigsten Empfehlungen für ein gesundes Alter. Tatsächlich haben ältere Menschen, die regelmäßig Sport treiben, im Alter häufiger eine bessere kardio­vaskuläre Fitness, wie eine Auswertung der norwegischen Hunt-Studie („Nord-Trøndelag Health Study“) erneut zeigt.

Die Studie sammelt regelmäßig Daten zu den Einwohnern der mittelnorwegischen Provinz Trøndelag. Während der dritten und vierten Welle der Untersuchung wurde bei einer Stichprobe von 1.431 Personen auch die Lungenfunktion untersucht. Bestimmt wurde unter anderem die maximale Sauerstoffkapazität (VO2max). Das ist die Menge Sauerstoff, die der Körper unter körperlicher Ausbelastung während einer Minute aufnehmen kann.

Zwischen den beiden Untersuchungen lagen 10 Jahre. In dieser Zeit ist es bei den meisten Teilnehmern zu einem Rückgang der VO2max gekommen, die sich im zuneh­menden Alter beschleunigte: In der dritten Lebensdekade gingen nur 3 % verloren, in der achten Lebensdekade waren es bereits 20 % über den Zeitraum von 10 Jahren.

Wie ein Team um Bjarne Marten Nes von der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens in Trondheim berichtet, kann sportliche Aktivität diesen Rückgang verlang­samen. So verloren – über alle Altersgruppen – Personen, die sich 150 Minuten in der Wochen mäßig körperlich betätigten (oder 75 Minuten intensiv Sport trieben), im Durchschnitt nur 9,0 % an VO2max, während der Wert bei den körperlich inaktiven Menschen um 15,9 % zurückging. Personen, die 75 oder 150 Minuten in der Wochen intensiv Sport betrieben, konnten den Abfall der VO2max auch im Alter deutlich abflachen.

Die Ergebnisse von Beobachtungsstudien sind jedoch anfällig für Verzerrungen. Nicht ganz von der Hand zu weisen ist, dass die Abwesenheit von Krankheiten erst die Voraussetzung für eine sportliche Aktivität schafft. Vermeiden lässt sich diese reverse Kausalität (und andere Verzerrungen) nur in einer randomisierten Studie, in der die Teilnehmer zu Beginn nach dem Zufallsprinzip verteilt werden.

Eine solche Studie wurde 2012 in Trondheim begonnen. Per Anzeige wurden Einwohner der Kommune, die ein Alter von 70 bis 77 Jahren erreicht hatten, zur Teilnahme einge­laden. Voraussetzung war, dass sie noch gesund waren und sich in der Lage fühlten, an regelmäßigen Sportübungen teilzunehmen. Das Team um Ulrik Wisløff von der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens konnte 1.567 Teilnehmer im Alter von 72,8 Jahren auf 3 Gruppen verteilen.

Die ersten beiden Gruppen wurden angewiesen, 5 Mal in der Woche Sport zu treiben. Die erste Gruppe sollte an 2 der 5 Sporteinheiten ein hochintensives Intervalltraining (HIIT) nach der 4×4-Methode durchführen. Dabei gingen die Senioren nach dem 10-minütigem Aufwärmen jeweils für 4 Minuten bis an ihre Grenzen (90 % der maximalen Herzfrequenz oder Stufe 16 auf der Borg-Skala), um sich danach jedes Mal für 4 Minuten zu erholen.

In der zweiten Gruppe wurde nur eine moderate Sportintensität (70 % der maximalen Herzfrequenz; Stufe 13 auf der Borg-Skala) empfohlen (MICT). Die beiden Gruppen trafen sich getrennt alle 6 Wochen zu einem Training mit einem Sportphysiologen. Die dritte Gruppe erhielt nur allgemeine Empfehlungen zum Thema Sport und Gesundheit.

Der Endpunkt der Studie war die Sterberate der Senioren in den nächsten 5 Jahren. Das Forscherteam war davon ausgegangen, dass die Zahl der Todesfälle in den ersten beiden Gruppen niedriger sein würde als in der dritten Gruppe. Die Hoffnungen ruhten vor allem auf der HIIT-Gruppe.

Wisløff war davon ausgegangen, dass aufgrund des hohen Alters etwa 10 % der Teilnehmer sterben würde. Am Ende kam es nur zu 72 Todesfällen (4,6 %). Die niedrige Sterberate war vermutlich darauf zurückzuführen, dass sich körperlich fitte Senioren gemeldet hatten: 80 % wiesen vor Beginn der Studie eine mittlere oder hohe körperliche Aktivität auf. Insgesamt 87,5 % der Teilnehmer gaben an, sich insgesamt gesund zu fühlen,

Diese positive Auswahl könnte laut Wisløff erklären, warum keine Unterschiede zwischen den 3 Gruppen gefunden wurden. In den beiden Sportgruppen waren 35 Teilnehmer gestorben (Sterberate 4,5 %). In der Kontrollgruppe waren 37 Todesfälle aufgetreten (Sterberate 4,7 %). Wie sich herausstellte, hatten auch die Teilnehmer der Kontrollgruppe regelmäßig Sport getrieben, wie dies zuvor schon ihrem Lebensstil entsprach.

Ein Vorteil war unter diesen Voraussetzungen nicht zu erwarten. Immerhin gab es einen Unterschied zwischen der HIIT- und der MICT-Gruppe. Von den 35 Todesfällen entfielen nur 12 auf HIIT- und 23 auf die MICT-Gruppe. Die Sterberate (3,0 versus 5,9 %) war demnach nur halb so hoch.

Die Hazard Ratio betrug 0,49 und war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,25 bis 0,99 signifikant. Nach der Berücksichtigung der Unterschiede in Geschlecht, Ehestand und Alter ging die statistische Signifikanz allerdings wieder verloren (Hazard Ratio 0,51; 0,25 bis 1,02).

Die Forscher haben damit ihr Ziel verfehlt, die lebensverlängernde Wirkung von Sport im höheren Alter erstmals in einer randomisierten kontrollierten Studie zu beweisen. Der strategische Fehler bestand vermutlich darin, über die Anzeigen vor allem sportlich motivierte Einwohner zu rekrutieren.

Besser wäre es vermutlich gewesen, eine repräsentative Stichprobe gezielt anzusprechen. Immerhin zeigt die Studie, dass sportliche Menschen im Alter eine gute Aussicht auf eine höhere Lebenserwartung haben, wobei intensiver Sport die Chancen verbessern könnte. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

26. November 2020
Genf - Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) hat neue Aktivitätsempfehlungen für verschiedene Bevölkerungsgruppen herausgegeben. Während die Richtlinie klare Vorgaben für die optimale Dauer und
WHO gibt neue Aktivitätsempfehlungen heraus – „für die Gesundheit zählt jede Bewegung“
26. November 2020
Springfield - Wer seine Muskeln trainiert, lebt im Schnitt gesünder und länger. Doch nicht einmal 1/5 aller Europäer kommt einer neuen Studie zufolge auf den empfohlenen Trainingsumfang von mindestens
Europäer trainieren ihre Muskelkraft zu wenig
9. September 2020
Sogndal/Oslo – Beta-2-Agonisten können die Sprint- und Kraftleistung von Athleten, die nicht an Asthma leiden, steigern. Das berichten norwegische Wissenschaftler im British Journal of Sports Medicine
Asthmamedikament steigert Leistungsfähigkeit von Sportlern
12. August 2020
Heidelberg – Eine neu aufgelegte App soll Patienten mit einer Diagnose von Brust-, Darm- oder Prostatakrebs bei der Nachsorge unterstützen. Dazu hilft sie bei der Organisation von Arztterminen,
App unterstützt Krebspatienten bei Nachsorge und Sport
23. Juli 2020
Bonn – Die Arbeitsgruppe Sporternährung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat in einem neuen Positionspapier zusammengefasst, wieviel Protein Sportler benötigen und wie sie es aufnehmen
Sportler brauchen keine Proteinpräparate
22. Juli 2020
Berlin – Profi-Fußballer haben offenbar ein geringeres Risiko, wegen bestimmter psychischer Störungen stationär behandelt werden zu müssen als die Durchschnittsbevölkerung. Das ergabe eine
Profi-Fußballer haben geringeres Risiko für psychische Störungen
11. Juni 2020
Berlin – Nur neun Prozent der von angeborenen Herzfehlern betroffenen Kinder und Jugendlichen treiben täglich eine Stunde Sport. Bei den Herzkindern mit schweren angeborenen Herzfehlern sind es nur
VG WortLNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER