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Medizin

USA: Übersterblichkeit übertrifft Zahl der gemeldeten Todesfälle an COVID-19

Mittwoch, 14. Oktober 2020

/picture alliance / ZUMAPRESS.com | Marie Le Ble

Philadelphia/Richmond – In den USA ist die Sterblichkeit der Bevölkerung in der derzei­tigen Pandemie um ein Drittel stärker gestiegen als die Zahl der COVID-19-Todesfälle, was laut einer Studie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2020; DOI: 10.1001/jama.2020.19545) auf einen Anstieg von Todesfällen an Herzerkrankungen und vermeintlichen Demenzen zurückzuführen sein könnte. Eine weitere Studie zeigt, dass die Epidemie in den USA bisher schwerer verlief als in den meisten – aber nicht allen – vergleichbaren Ländern (JAMA 2020; DOI: 10.1001/jama.2020.20717).

In den USA sind zwischen dem 1. März und dem 1. August 1.336.561 Menschen gestor­ben. Das sind 225.530 oder etwa 20 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum der Jahre zuvor. In der gleichen Zeit sind 150.541 Todesfälle an COVID-19 registriert worden. Das entspricht einem Anteil von 67 Prozent an der Übersterblichkeit.

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Die Diskrepanz könnte zum einen darauf beruhen, dass Todesfälle an COVID-19 nicht erkannt wurden. Zum anderen könnten aber auch Menschen an anderen Erkrankungen gestorben sein, weil sie wegen einer Überlastung des Gesundheitssystems keine ange­messene Behandlung erhielten oder aus Angst vor einer Ansteckung darauf verzichteten.

Für beide Erklärungen fanden Steven Woolf und Mitarbeiter von der Virginia Common­wealth University School of Medicine in Richmond in ihrer Analyse Hinweise. Zum einen kam es zu einem Anstieg der Fälle, bei denen eine Alzheimer-Krankheit oder eine Demenz als Todesursache angegeben wurde.

Es gab zwei Gipfel: Zwischen dem 21. März und dem 11. April, während der ersten COVID-19-Welle, wurden Morbus Alzheimer/Demenz zu 7,3 Prozent häufiger angegeben als in den Vorjahren. Zwischen dem 6. Juni und dem 25. Juni kam es noch einmal zu einem Anstieg um 1,5 Prozent. Er trat zeitgleich zu einer Zunahme von COVID-19-Fällen in den Südstaaten auf.

Hinter den Todesfällen könnten sich ältere Menschen etwa in Pflegeheimen verbergen, bei denen eine SARS-CoV-2-Infektion nicht erkannt wurde. Die Studie kann dies nicht beweisen. Das zeitliche Zusammentreffen mit der Pandemie ist jedoch ein starkes Argument für eine Kausalität, zumal kaum andere Erklärungen vorstellbar sind.

Angestiegen ist auch die Zahl der Todesfälle an Herzerkrankungen. Woolf ermittelt für den Zeitraum zwischen dem 21. März und dem 11. April eine Zunahme um 5,1 Prozent. Kardiale Todesfälle könnten zum einen auf COVID-19 zurückzuführen sein, da Herzerkrankungen zu den Komplikationen der Infektion mit SARS-CoV-2 gehören.

Es könnte sich aber auch um Personen handeln, die bei einem Herzinfarkt aus Angst vor einer Infektion im Krankenhaus den Notarzt nicht alarmiert hatten. Aus Kliniken wurde während der ersten Welle ein Rückgang der Erkrankungen an Nicht-ST-Hebungsinfarkten (NSTEMI) gemeldet, die nicht immer mit starken Schmerzen einhergehen, unbehandelt aber zum Tod führen können.

Auf weitere mögliche Ursachen hatte kürzlich Taylor Ochalek vom Dianne Wright Center for Clinical and Translational Research in Richmond hingewiesen. In der Uniklinik waren zwar zwischen März und Juni auch die Notfallaufnahmen wegen Herzinfarkten gesunken. Gleichzeitig kam es jedoch zu einem Anstieg von Opiat-Überdosierungen um 123 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (JAMA 2020; doi: 10.1001/jama.2020.1747).

Ein internationaler Vergleich, den Ezekiel Emanuel von der Perelman School of Medicine in Philadelphia unter Ländern mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner von mehr als 25.000 US-Dollar durchgeführt hat, fällt für die USA wenig schmeichelhaft aus. Die 198.589 offiziellen Todesfälle an COVID-19 entsprechen einer Mortalitätsrate von 60,3/100.000 Einwohner.

In Australien waren es nur 3,3/100.000, in Kanada 24,6/100.000 und in Deutschland 11,3/100.000. Nur Italien (59,1/100.000) und Belgien (86,8/100.000) hatten vergleichbar viele COVID-19-Todesfälle.

Wenn die Mortalität in den USA der von Australien entsprochen hätte, wären laut Emanuel 187.661 weniger Menschen an COVID-19 gestorben. Bei einem Vergleich mit Kanada wären es 117.622 weniger Todesfälle gewesen. © rme/aerzteblatt.de

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