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Politik

Coronamaßnahmen: Verschärfungen beschlossen, weitere könnten folgen

Donnerstag, 15. Oktober 2020

Bundeskanzlerin Angela Merkel /picture alliance, ASSOCIATED PRESS, Stefanie Loos

Berlin – Mit härteren Auflagen hoffen Bund und Länder den rasanten Anstieg der Infek­tionszahlen insbesondere in deutschen Risikoregionen einzudämmen. Zugleich stellte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nach ihrem Treffen mit den Ministerpräsidenten gestern am späten Abend mögliche weitere Verschärfungen in Aussicht.

„Wir reden von Kontaktbeschränkungen“, sagte Merkel dazu. Man müsse jetzt sehen, ob etwa die Sperrstunde 23 Uhr richtig sei, oder ob man sie bei 22 Uhr machen müsse. „Da muss da nachgeschärft werden.“

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Die Zahl der bestätigten Neuinfektionen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 in Deutschland stieg auf einen Rekordwert. Die Gesundheitsämter meldeten nach Angaben des Robert Koch-Instituts von heute Morgen 6.638 Neuinfektionen binnen eines Tages – rund 1.500 mehr als am Vortag.

Bislang waren Ende März mit knapp 6.300 Neuinfizierten die meisten registriert worden. Allerdings sind die jetzigen Werte nicht mit denen aus dem Frühjahr vergleichbar, weil mittlerweile wesentlich mehr getestet wird und damit auch mehr Infektionen entdeckt werden.

Gestern hatten sich Bund und Länder nach zähem Ringen und achtstündigen Verhandlun­gen darauf geeinigt, die Schwelle für strengere Maßnahmen in deutschen Coronahoch­burgen zu senken.

Diese sollen bereits ab 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner bin­nen sieben Tagen greifen statt bisher bei 50. So soll dort die Maskenpflicht ausgeweitet werden, die Gäste­zahl bei privaten Feiern weiter begrenzt und eine Sperrstunde für die Gastronomie ein­geführt werden.

Die Beschlüsse vom 14. Oktober

Maskenpflicht: In Städten und Regionen mit stark steigenden Coronazahlen soll die Maskenpflicht erweitert werden. Sie soll ab 35 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in sieben Tagen auch überall da gelten, wo Menschen dichter beziehungsweise länger zusammenkommen.

Private Feiern: In Regionen mit einem Wert über 35 Neuinfektionen soll es eine Begrenzung von 25 Teilnehmern im öffentlichen und 15 Teilnehmern im privaten Raum geben. Ab 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen sollen private Feiern auf maximal zehn Teilnehmer im öffentlichen Raum sowie auf höchstens zehn Teilnehmer aus höchstens zwei Hausständen im privaten Raum begrenzt werden.

Kontaktbeschränkungen: Übersteigen die Neuinfektionen den 50er-Wert dürfen sich künftig nur noch maximal zehn Personen im öffentlichen Raum treffen. Sollten die neuen Maßnahmen den Anstieg nicht zum Stillstand bringen, wird dies auf bis zu fünf Personen oder die Angehörigen zweier Hausstände verringert.

Sperrstunde: Ebenfalls bei 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen soll eine Sperrstunde um 23 Uhr für die Gastronomie verhängt werden. Bars und Clubs sollen geschlossen werden.

Veranstaltungen: Wird der 50er-Wert überschritten, wird die Zahl der Teilnehmer bei Veranstaltungen auf 100 Personen begrenzt. Ausnahmen bedürfen eines mit dem zuständigen Gesundheitsamt abgestimmten Hygienekonzeptes.

Beherbergungsverbote: Die Beherbergungsverbote für Urlauber aus innerdeutschen Risikogebieten waren vor den Beratungen am umstrittensten. Bund und Länder fanden auch im Kanzleramt keine Einigung und vertagten das Thema erst einmal bis zum 8. November. Bis dahin soll diese Maßnahme auf ihre Wirksamkeit überprüft werden.

Der Anstieg von 35 auf 50 passiere schnell, warnte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU): „Und deswegen ändern sich die Dinge in Tagen und nicht in Wochen.“ Er sei sich nicht sicher, ob die getroffenen Beschlüsse ausreichten.

Auch der Hauptgeschäfts­füh­rer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, Gerd Landsberg, warnte: „Wir kommen er­kennbar in die Gefahr, dass die Pandemie aus dem Ruder läuft.“ Der Fokus auf Risikogebiete sei richtig, sagte er der Rheinischen Post.

Mehrere Spitzenpolitiker warnten nach dem Treffen vor einem Kontrollverlust im Umgang mit dem Virus. Merkel zeigte sich beunruhigt über einen exponentiellen Anstieg der In­fektionszahlen. „Den müssen wir stoppen. Sonst wird es in kein gutes Ende führen.“

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) betonte, er wisse, was man den Menschen zumute, fragte aber auch: „Was können wir eigentlich noch tun, um jedem be­greiflich zu machen: Wir sind in einer weltweiten Krise? Und in einer weltweiten Krise gibt es Einschränkungen, und die können erheblich dramatischer sein, als das was wir bisher miteinander beschlossen haben.“

Dringlich appellierten Bund und Länder an die Menschen in Deutschland, nun nicht er­forderliche innerdeutsche Reisen in Risikogebiete hinein und aus ihnen heraus zu ver­meiden.

Kanzleramtsminister Helge Braun rief die Bevölkerung dazu auf, mehr zu tun als nun von Bund und Ländern vereinbart. Die Beschlüsse seien ein wichtiger Schritt, würden aber vermutlich nicht ausreichen, sagte der CDU-Politiker heute im ARD-„Morgenmagazin“

„Und deshalb kommt's jetzt auf die Bevölkerung an. Dass wir nicht nur gucken: Was darf ich jetzt? Sondern wir müssen im Grunde genommen alle mehr machen und vorsichtiger sein als das, was die Ministerpräsidenten gestern beschlossen haben.“

Es könne jetzt überhaupt keine Frage mehr geben, „dass das jetzt der Beginn einer sehr großen zweiten Welle ist“, führte Braun aus. „Und am Anfang dieser zweiten Welle haben wir es in der Hand, diese Infektionen aufzuhalten.“ Er warnte, wenn die Infektionen hochgingen, leide am Ende auch die Wirtschaftskraft.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) appelliert an die Bevölkerung, die ver­schärf­ten Schutzmaßnahmen wegen der sprunghaft gestiegenen Infektionszahlen mitzu­tragen. „Wir haben es selbst in der Hand, diese Entwicklung zu stoppen“, sagte er im Deutschlandfunk.

Spahn betonte, Ziel sei es, die Pandemie in eine zu bewältigende Größenordnung zu bringen, „damit Schule und Kita und Einzelhandel geöffnet bleiben können“. Gelinge dies, seien keine weiteren Verschärfungen oder gar ein zweiter Lockdown nötig, schätzte er.

Das beschlossene Stufenmodell, wonach auch bei durchschnittlich 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen schon Einschränkungen etwa bei privaten Fei­ern gelten können, sei ein wichtiger Schritt nach vorn, sagte Spahn. „Es ist nicht nur die Großveranstaltung. Es ist auch das gesellige Zu-Hause-Sein.“

Der Ge­sund­heits­mi­nis­ter betonte, heute werde entschieden, ob Weihnachten „in gewohn­ter Weise stattfinden kann, oder ob wir eine Situation haben werden wie an Ostern, (...) wo wir empfehlen mussten, nicht die Verwandtschaft zu besuchen“. „Das würde ich ei­gentlich gerne vermeiden wollen.“

Angesprochen auf die Skepsis Merkels, ob die Maßnahmen ausreichen, meinte er: „Das werden wir in den nächsten Tagen sehen. Was ich wichtig finde: Wir alle können jeden Tag einen Unterschied machen.“ Diejenigen, die sich nicht an die neuen Regeln hielten, müssten aber mit Konsequenzen rechnen – „zum Teil auch mit empfindlichen Strafen“.

Mit Blick auf das umstrittene Beherbergungsverbot, zu dem es noch keine abschließende Einigung unter den Länderchefs gibt, sprach sich Spahn für ein regional abgestimmtes Vorgehen aus.

Es sei „ohne Zweifel so“, dass eine Nichtunterbringung von Menschen aus Risikogebieten wenig akzeptiert werde. Nötig sei ein einheitlicher Rahmen, der sich aber an die lokale Lage anpassen lasse: „In Regionen mit hohen Infektionszahlen müssen Maßnahmen er­griffen werden.“

Oppositionspolitiker kritisieren fortgesetzten Flickenteppich

Die Opposition im Bund reagiert unzufrieden auf die Bund-Länder-Beschlüsse. „Dass die Infektionszahlen weiter ansteigen werden, ist absehbar, dennoch schaffen es Bund und Länder trotz Notlage nicht, an einem Strang zu ziehen", erklärte der Linken-Gesundheits­experte Achim Kessler.

„Die aktionistische Willkür von unterschiedlichen, teils unwirksamen Maßnahmen wie Beherbergungsverboten oder Sperrstunden bei gleicher Infektionslage ist jedoch Wasser auf die Mühlen derjenigen, die die Corona-Maßnahmen an sich ablehnen“, warnte er.

Anstoß an den weiterhin uneinheitlichen Beherbergungsverboten sowie Beschränkungen für die Gastronomie nahm auch der FDP-Tourismusexperte Marcel Klinge. „Unverhältnis­mäßige Sperrstunden und der weiterhin bestehende Flickenteppich bei den unnötigen Beherbergungsverboten werden nichts bringen, wenn nicht einmal die lange bekannten Regeln zum Social Distancing um- und auch durchgesetzt werden“, erklärte er.

Es würden nun „wieder einmal die regelkonform handelnde Hotellerie und Gastronomie sowie alle Bürger, die sich an die Regeln halten“, für Fehlverhalten von Teilen der Bevöl­kerung bestraft. Das sei nicht richtig, urteilte Klinge.

Auch die rechtspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Katja Keul, kriti­sier­te, dass sich Bund und Länder nicht auf ein einheitliches Vorgehen beim Thema Beher­bergungsverbot einigen konnten. „Eine Vertagung dieser Entscheidung scheint mir in Anbetracht der aktuellen Infektionsentwicklung eher unklug“, sagte sie dem Handelsblatt.

„Wir sind für die nächsten Wochen mehr denn je auf die Akzeptanz der notwendigen Maß­­­n­ah­men in der Bevölkerung angewiesen“, betonte Keul. „Umso wichtiger wäre es, das Vertrauen in die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit von Maßnahmen zu stärken.“

AfD-Fraktionsvize Sebastian Münzenmaier erklärte, die Vertagung des Themas Beherber­gungsverbote sei „ein Skandal“. Veranstalter, Gastronomen und die ganze Tourismuswirt­schaft zahlten nun die Zeche.

Gericht kippt Beherbergungsverbot in Baden-Württemberg

Unterdessen hat heute der Verwaltungsgerichtshof in Baden-Württemberg mit Beschluss von gestern einem Eilantrag gegen das Beherbergungsverbot in dem Bundesland statt­ge­geben. Dieses gilt bislang für Gäste aus deutschen Regionen, in denen 50 oder mehr neue Coronafälle pro 100.000 Einwohner binnen 7 Tagen registriert wurden.

Die Antragsteller kommen aus dem Kreis Recklinghausen in Nordrhein-Westfalen, der über dieser Marke liegt. Sie hatten einen Urlaub im Kreis Ravensburg gebucht. Das Be­her­bergungsverbot ist in Baden-Württemberg damit vorläufig mit sofortiger Wirkung au­ßer Vollzug gesetzt, wie das Gericht in Mannheim mitteilte. Es können keine Rechtsmittel eingelegt werden.

Das Gericht sah den Einschnitt in das Grundrecht auf Freizügigkeit als unverhältnismäßig an. Das Land habe auch nicht darlegen können, dass Hotels und Pensionen „Treiber“ des Infektionsgeschehens seien, so dass drastische Maßnahmen nötig seien. Es sei den An­trag­stellern auch nicht zumutbar, bis zu 48 Stunden vor Ankunft genommene negative Coronatests vorzulegen. Man könne nicht gewährleisten, dass Reisende in so kurzer Zeit einen Coronatest erlangen könnten (Az. 1S3 3156/20).

Auch das niedersächsische Oberverwaltungsgericht hat das Beherbergungsverbot des Landes für Reisende aus deutschen Coronahotspots in einem Eilverfahren für rechts­wi­drig erklärt. Der Beschluss sei unanfechtbar, teilte das Gericht in Lüneburg mit. Geklagt hatte der Betreiber eines Ferienparks. © dpa/afp/kna/may/aerzteblatt.de

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Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Freitag, 23. Oktober 2020, 00:20

Exponentielles Wachstum

Das von MITDENKER zitierte Interview mit Prof. Streeck fand am 29.09.20 statt. Zu diesem Zeitpunkt konnte man sich die Zahlen irgendwie noch schönreden. Seine Aussage „ Wir hatten bislang nie einen exponentiellen Anstieg. Auch jetzt sehen wir eher einen linearen Anstieg.“ ist aber definitiv falsch.

Ein exponentielles Wachstum ist nur auf dem Papier unendlich, in der Realität kommt es zu einem Verbrauch der endlichen Ressourcen. Damit hat jedes exponentielle Wachstum bzw. jede Kettenreaktion eine charakteristische S-förmige Kurvenform. Zuerst haben wir ein Plateau, dann beginnt ein leichter Anstieg, dabei wird der Kurvenradius immer enger. An diesem Punkt hat die zweite Ableitung ihr Maximum. Dann steigt die Kurve weiter an, der Kurvenradius wird immer weiter. Dann kommt ein kurzes lineares Stück, der Wendepunkt, das ist das Maximum der ersten Ableitung. Von da an wird die Kurve flacher, auch dort gibt es einen Punkt mit maximaler Krümmung, das ist dann das Minimum der zweiten Ableitung. Von da an läuft die Kurve in einem Plateau aus.

Das funktioniert bei der real-time PCR, z.B. beim Einsatz von TaqMan-Sonden finden wir bei der gemessenen Fluoreszenz genau diese Kurvenform. Bei der Quantifizierung kann man willkürlich einen Grenzwert festlegen, der Zeitpunkt, wenn das Fluoreszenzsignal diesen Grenzwert überschreitet, ist der Threshold cycle. Bei einigen Geräten bestimmt die Gerätesoftware das Maximum der zweiten Ableitung, das ist dort der crossing point. Diese charakteristische Kurvenform ist auch der Grund, warum reaktive Ergebnisse von Fachpersonal geprüft werden müssen, bevor sie als positiv freigegeben werden.

Die gleiche Mathematik funktioniert aber auch in der Infektionsepidemiologie. Die Basiskurve ist die kumulative Anzahl an Meldefällen. Die erste Ableitung brauchen wir nicht zu berechnen, das ist die tägliche Inzidenz. Und wenn Herr Streeck behauptet, wir hätten nie einen exponentiellen Anstieg, dann ist dies doppelt falsch. Wenn man bei worldometers auf die tägliche Inzidenz für Deutschland schaut, dann hatten wir am 27.03.20 den Pik bei der Inzidenz, das ist der Wendepunkt der Kurve. Der größte Anstieg bei der Inzidenz war in dieser ersten Phase der ersten Welle war am 23. und 26.03.20. Normalerweise liegen Krümmungsmaximum (=Maximum der zweiten Ableitung) und Wendepunkt weiter auseinander, allerdings ist dies kein perfekter exponentieller Anstieg, da frühzeitig massiv interveniert wurde.

In der jetzigen Phase sieht man, dass die Kurve der Inzidenz etwa bis zum 02.10. noch relativ flach verlief, um danach zunehmend anzusteigen. Der Anstieg der Inzidenz vom 20.10. (ca. 7000) zum 21.10. (ca. 10000) ist der größte im bisherigen Verlauf. Der Anstieg der kumulativen Meldezahlen kann selbst mit den besten Taschenspielertricks nicht mehr als linear bezeichnet werden. Und im Augenblick beschleunigt sich dieser Prozess. Erst wenn die tägliche Inzidenz einen Pikwert erreicht hat und stagniert, erst dann ist eine vorsichtige Abschätzung von Krankenhausauslastung und Mortalität möglich.

Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich nur schildern, was ich unmittelbar miterlebe. Meine Region hat diese Woche die 50-er Marke gerissen. Die Covid-19 Station ist innerhalb von drei Tagen fast vollgelaufen. Das wäre alles halb so schlimm. Die Hälfte meiner Meldungen sind primäre Covid-Patienten auf der Isolierstation. Ein Viertel sind initial unverdächtige Patienten von Normalstation und ein weiteres Viertel ist Personal. Dabei handelt es sich nicht um einen einzelnen Ausbruch, sondern die Situation erinnert eher an ein großes Buschfeuer, wenn der Wind die Funken verbreitet und unzählige neue Brandherde überall gleichzeitig erschafft. Und wenn dann einzelne Personen behaupten, man solle die Risikogruppen abschirmen, dann ist das der blanke Hohn. Die einzige wirksame Abschirmung der Risikogruppen besteht in einer flächendeckenden Umsetzung der Basishygiene in der Gesamtbevölkerung (AHA+L). Auf der ITS sieht es noch ruhig aus, aber das ist bei den aktuellen Einweisungszahlen nur eine Zeitfrage.
Avatar #759489
MITDENKER
am Dienstag, 20. Oktober 2020, 22:54

Exponentielles Wachstum?

Zu S. Rex:
Wenn es dauern expon. Wachstum gegeben hätte, was hätten wir dann jetzt für eine Situation?
Aber ich zitiere lieber mal jemand, der sich mit solchen Rechnereien besser auskennt - Prof. Streeck:
https://www.n-tv.de/wissen/Hatten-bislang-nie-exponentiellen-Anstieg-article22066787.html
Avatar #759489
MITDENKER
am Dienstag, 20. Oktober 2020, 22:50

Amtsärzte mucken auf!

Mutiger Beamter:
https://www.merkur.de/bayern/coronavirus-bayern-soeder-gesundheitsamt-chef-maskenpflicht-friedrich-puerner-kritik-zr-13922061.html

Auch weitere Amtsleiter kritisieren das Ganze öffentlich. Z.B. dieser hier:
https://www.reitschuster.de/post/amtsarzt-zerlegt-offizielle-corona-politik/

Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Montag, 19. Oktober 2020, 00:23

Nachtrag zu den Grenzwerten

Leider gehört die Exponentialfunktion nicht zu den Dingen, mit denen unser Gehirn besonders gut umgehen kann. Einer geraden Linie zu folgen oder eine Wurfparabel annähernd berechnen, das können wir gut, weil die Primaten als unsere Vorfahren in ihrer Evolution schon immer mit derartigen Aufgaben konfrontiert waren. Aber ein exponentielles Wachstum können sich die wenigsten Menschen intuitiv vorstellen. Zu diesem Thema gibt es einen schönen Spiegel-Artikel:
https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/exponentielles-corona-wachstum-die-zukunft-kommt-schneller-als-sie-denken-kolumne-a-121911ce-1638-4698-ad9a-28a7f3443d98

Was bedeutet das für uns: Es gibt mehrere relevante Grenzwerte: Den Grenzwert des Kontrollverlustes des ÖGD, den Grenzwert der drohenden Überlastung des Gesundheitssystems und den Grenzwert der Gefahrenwahrnehmung der Bevölkerungsmehrheit. All diese Grenzwerte kann man nicht wirklich genau berechnen, weil bei einer Exponentialfunktion bereits geringe Änderungen der Ausgangswerte großen Einfluss auf das Endergebnis haben.

Es gab z.B. große Diskussionen, ob der (staatliche) Lockdown überhaupt notwendig gewesen wäre, weil bereits vorher der R-Wert gesunken sei. Die Frage ist zumindest teilweise berechtigt, weil Anfang März 2020 die Gefahrenwahrnehmung durch die Öffentlichkeit sehr hoch war und ein Teil der Basishygiene (zumindest Abstand + Hygiene) durch einen Großteil der Bevölkerung umgesetzt wurde. Das Dilemma, vor dem wir aktuell stehen, besteht darin, dass die Grenzwerte, die ein Eingreifen ermöglichen und erfordern (Kontrollverlust ÖGD, Überforderung der Krankenhäuser) zu einem Zeitpunkt greifen müssen, wo die Gefahrenwahrnehmung nicht im gleichen Maße entwickelt ist. Wenn dagegen die Situation so bedrohlich erscheint, dass alle den Ernst der Lage erfassen, dann müssen wir uns darauf einstellen, dass wir noch mehrere Verdopplungszyklen aushalten müssen, bevor sich ein Erfolg der Intervention zeigt.

Wenn jemand auf die Idee kommt, wir sollten einfach mal das Beispiel Schwedens kopieren, dann sollte man folgendes beachten: Ersten hat Schweden im Vergleich zu Deutschland schon einen gehörigen Blutzoll entrichtet, zweitens gibt es auch dort einen Anstieg der Fälle, die Zeit wird zeigen, wie belastbar die Herdenimmunität dort ist. Drittens hat Schweden eine deutlich niedriger Bevölkerungsdicht als Deutschland und viertens hat Schweden sein Experiment im Frühjahr und damit in einer günstigen Jahreszeit gewagt. Jetzt am Beginn der kalten Jahreszeit auf eine Herdenimmunität zu warten ist in etwa so vernünftig wie in ein fallendes Messer zu greifen.

Auch sollte man ein begriffliches Detail konkretisieren. Viele reden von einer zweiten Welle, das ist so nicht ganz korrekt. Die erste Welle ist vorbei, wenn R ohne zusätzliche Intervention auf eins gefallen ist, also wenn durch Durchseuchung oder Impfung ein Gleichgewichtszustand erreicht ist. Davon sind wir weit entfernt Wir haben es hier immer noch mit der ersten Welle zu tun. Die erste Phase der ersten Welle wurde durch den Lockdown abgewehrt. Jetzt haben wir die zweite Phase immer noch der ersten Welle.

Der Umgang mit der Corona-Epidemie ist kein Sprint, sondern ein Marathonlauf. Wir sollten uns bis Ende April auf Beeinträchtigungen einrichten, danach gibt es die Impfung oder wenigstens eine Atempause aufgrund der Saisonalität dieses Virus. Auch wenn einem dieser Zeitraum sehr lang vorkommen mag, besteht kein Grund für Pessimismus. Im März haben wir gesehen, was bereits die intuitive Anwendung von Abstand und Hygiene gebracht hat. Wenn die AHA+L Regeln wirklich konsequent umgesetzt werden und in den Risikobereichen (KITA, Schule, Gesundheitssystem, Altenpflege) durch intelligente Hygienekonzepte ergänzt werden, dann ist ein Lockdown nach meiner Meinung immer noch vermeidbar. Mit der Betonung auf immer noch, weil sich das Zeitfenster für wenig traumatisierende Interventionen langsam schließt.
Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Samstag, 17. Oktober 2020, 08:22

Grenzwerte

@Practicus: Die Grenzwerte wurden im Frühjahr nicht wissenschaftlich berechnet, sondern empirisch bestimmt. In der gegenwärtigen Diskussion wird allerdings ein wichtiges Detail gern außer acht gelassen: Der Grenzwert von 50 Neuinfektionen/100 000 und 1 Woche hatte eine doppelte Legitimierung. Einerseits als Frühindikator für die drohende Überlastung des Gesundheitssystems und zweitens als Indikator für die Überforderung des ÖGD.

Wer die aktuelle Diskussion aufmerksam verfolgt, kann feststellten, dass die Überforderung des ÖGD bereits bei etwa 35 Neuinfektionen/100 000 und Woche beginnt. Das ist auch logisch, weil innerhalb eines halben Jahres kann man zwar Hilfspersonal rekrutieren, aber niemals Fachpersonal im ausreichenden Maße.

Die Maßnahmen gegen Sars-Cov-2 stehen auf drei Säulen: Erstens Eindämmung durch Kontaktverfolgung und Quarantäneauflagen durch den ÖGD. Zweitens Basishygiene (AHA+L) und drittens spezifische Maßnahmen in der Umgebung der Risikogruppen. Wenn der Schutzwall durch den ÖGD bröckelt, müssen die Maßnahmen der Basishygiene verschärft werden. Im weiteren Sinne sind Beherbergungsverbote, Sperrstunden und Lockdown auch zusätzliche Maßnahmen im Sinne einer erweiterten Basishygiene. Bei diesen Maßnahmen (zusätzlich zu AHA+L) sollte allerdings vorher geprüft werden, wie das Aufwand-Nutzen Verhältnis ist. Aus meiner Sicht ist die Compliance bei AHA+L viel wichtiger (weil diese auch das private Umfeld einschließt) als Maßnahmen wie eine Sperrstunde, die nur im öffentlichen Raum wirkt und mit privaten Feiern unterlaufen werden kann.

Für die Überforderung des Gesundheitssystems ist sicher ein deutlich höherer Wert sinnvoll. Wenn man die Dunkelziffer bei der PCR-Testung berücksichtig, könnte ein Grenzwert von 200/100 000 und 1 Wo. sinnvoll sein. Allerdings ist es die Aufgabe eines derartigen Grenzwertes, Zeit für Maßnahmen zu haben. Bei einem R-Wert von 1,5 sollte man schon bei 150 Alarm schlagen, bei einem R-Wert von 1,1 kann man ggf. bis 300 gehen. Die genauen Werte müssten in Computermodellen geprüft werden.

An Eines sollten alle Beteilgten denken: Wenn die Schutzwälle des ÖGD und der Basishygiene versagen, dann bleibt nur der Schutzwall der spezifischen Maßnahmen zum Schutz der Risikogruppen. Und wenn dann die alten Leute für ein halbes Jahr unter Hausarrest stehen, nur weil einige Personen denken, die AHA-L Regeln gehen sie nichts an, dann ist dies in höchstem Maße unsolidarisch.
Avatar #79783
Practicus
am Samstag, 17. Oktober 2020, 02:42

Einfaches Problem

Die "Grenzwerte" sind vor einem halben Jahr nach dem damaligen Verlauf geschätzt bzw "eminenzbasiert" aus der Luft gegriffen worden.
Für die heutige Situation mit einem nahezu ubiquitär verbreiteten Erreger und umfangreichen Testungen auch symptomfreier Menschen müssen diese Schwellenwerte nach wissenschaftlichen Kriterien neu BERECHNET werden, nicht einfach willkürlich "verfügt".
Zahlenwerte mit relevanten Folgn für alle müssen schon nachvollziehbar zustande kommen - bei der verbreiteten Matheschwäche unter Politikern muss man da wohl dicke Bretter bohren...
Avatar #745246
Andre B.
am Freitag, 16. Oktober 2020, 11:54

@wilhem

Was soll denn diese pathetische Frage? Unsere Verfassung bzw. das Grundgesetz hat nicht die AFD zu Stande gebracht. Gott sei dank!
Avatar #760158
wilhem
am Freitag, 16. Oktober 2020, 11:40

Wählen Sie AfD?

Avatar #844785
Herr Rabe
am Freitag, 16. Oktober 2020, 11:39

Rechtswidrige Maßnahmen

Diese sogenannten Maßnahmen müssen:
-geeignet
-erforderlich
-angemessen sein.
Sonst sind sie rechtswidrig. Was hier passiert ist, das unter dem Deckmantel des Gesundheitsschutzes ein autoritäres alles kontrollierendes Regime installiert und gefestigt wird welches mit unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung nichts mehr zu tun hat
Avatar #745246
Andre B.
am Freitag, 16. Oktober 2020, 09:36

Durch Corona-Maßnahmen 200.000 - 400.000 mehr Tote durch Tuberkulose?

»Durch die Corona-Pandemie könnten in diesem Jahr 200.000 bis 400.000 Menschen mehr an Tuberkulose sterben als im Vorjahr.

Das geht aus einem Bericht der Welt­gesund­heits­organi­sation hervor. Grund dafür sei, dass in Ländern mit vielen Betroffenen wie Indien oder Südafrika wichtige Ressourcen in die Bekämpfung des Coronavirus umgeleitet worden seien. Dadurch könnten die bislang erzielten Erfolge im Kampf gegen die Lungenkrankheit zunichte gemacht werden.

Die Infektionskrankheit Tuberkulose zählt zu den zehn häufigsten Todesursachen weltweit.«

>>> https://www.deutschlandfunk.de/covid-19-who-befuerchtet-viele-tuberkulose-tote.2932.de.html?drn:news_id=1183519
Avatar #745246
Andre B.
am Freitag, 16. Oktober 2020, 09:31

p.s. Der von mir leider vergessene dazugehörige Link

>>> https://www.deutschlandfunkkultur.de/folge-der-coronakrise-blutkonserven-werden-knapp.976.de.html?dram:article_id=485489
Avatar #745246
Andre B.
am Freitag, 16. Oktober 2020, 09:17

Blutkonserven: Es herrscht ein akuter Mangel!

Weil die politisch verhängten Massnahmen – darunter strenge Abstandsregeln – eingehalten werden müssen, kommt es bei Blutspendediensten zu massiven Engpässen. Das berichtet der Deutschlandfunk (DLF) in einem Beitrag. Darin heisst es:

«Auf einer aktuellen Videopressekonferenz schlagen Deutschlands Transfusionsmediziner Alarm. Ein Versorgungsengpass mit Blutkonserven droht. Coronabedingt.»

Grund hierfür seien in erster Linie sowohl die Abstandsregeln als auch die Angst der Menschen.

«Wir haben es stark gemerkt, dass die Mitbürgerinnen und Mitbürger, wenn immer möglich, den öffentlichen Raum gemieden haben und auch den Blutspendeterminen ferngeblieben sind» zitiert DLF den saarländischen Transfusionsmediziner Herrmann Eichler.

Das Phänomen des Wegbleibens halte nach wie vor an, so der Arzt, auch nach Ende des bundesweiten Lockdowns:

«Und wir sehen jetzt immer noch ein geringeres Annehmen von Blutspendeterminen. Das heißt, die Krankenhäuser brauchen wieder Blut. Die fahren wieder unter Volllast. Und die Spender bleiben aus oder kommen jedenfalls nicht ausreichend zur Blutspende.»

Das Beispiel verdeutlicht die Sekundärschäden, die von den politischen Entscheidungsträgern verursacht wurden. Denn die Massnahmen führten auch dazu, daß in Betrieben und Schulen keine Blutspendeaktionen mehr stattfinden können, weil die Mitarbeiter und Schüler zu Hause sind. Im Jahr 2019 wurden in Deutschland vier Millionen Blutkonserven gespendet — diese Zahl wird 2020 nicht mehr erreicht werden können. Der Mangel an Blutkonserven hat fatale Auswirkungen: Viele Operationen können ohne die entsprechenden Reserven nicht mehr durchgeführt werden.
LNS

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