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„Es bleibt abzuwarten, ob sich die Impfstoffe bei COVID-19 bewähren werden“

Freitag, 23. Oktober 2020

Berlin – Die Erwartungen sind immens: Von einem oder mehreren COVID-19-Impfstoffen erhofft sich die Weltgemeinschaft die Eindämmung der Pandemie, das Individuum die Rückkehr in einen „normalen“ Alltag. Doch die Impfstoffe der 1. Generation werden sicher nur ein Werkzeug im Kampf gegen SARS-CoV-2 sein können.

Der Grund dafür ist die Komplexität des Immunsystems mit seinen unterschiedlichen Re­aktionen auf natürliche und passive Immunisierungen. Leif Erik Sander, Leiter der For­schungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Berliner Charité, erläutert dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) die derzeitigen Erkenntnisse.

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5 Fragen an Leif Erik Sander, Leiter der Forschungs­gruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Berliner Charité.

DÄ: Warum können die durch eine natürliche Infektion hervorgerufenen Immunantworten nur bedingt mit impf­induzierten Immunantworten verglichen werden?
Leif Erik Sander: Einige attenuierte Lebendimpfstoffe, die von den auslösenden Viren abgeleitet sind, wie zum Beispiel der Masernimpfstoff, simulieren eine natürliche Infektion und lösen daher sehr ähnliche Immunantwor­ten aus.

Bei den meisten anderen Impfstoffen unterscheiden sich die Stärke und die Qualität der Immunantwort von einer natürlichen Infektion. Beispielsweise vermittelt die Zosterimpfung einen sehr guten Immunschutz, während ein Zoster, also die Reaktivierung der Infektion, bekanntermaßen nicht vor weiteren Episoden schützt.

Es gibt auch einige Beispiele, bei denen eine Impfung weniger gut schützt als eine natür­liche Infektion. Dies liegt an der Art und dem Kontext, in dem das Immunsystem mit den Antigenen in Kontakt kommt. Zudem besitzen viele Erreger die Fähigkeit aktiv Immun­ant­­worten zu unterdrücken. Dies wird idealerweise bei einer effizienten Impfungen um­gangen.

DÄ: Eine aktuelle Studie zeigt, dass das Immunsystem auf SARS-CoV-2 ähnlich wie auf andere Viren reagiert, nämlich mit Bildung aller 3 wesentlichen Antikörpergruppen (IgM, IgA, IgG). Ist das nicht als gutes Zeichen zu werten im Hinblick auf die Entwicklung von COVID-19-Impfstoffen?
Sander: Die Bildung von IgM, IgA und IgG gegen SARS-CoV-2 ist nicht unerwartet und vielfach gut dokumentiert. Es gibt eine Reihe von Studien, die belegen, dass die IgG-Titer in den meisten rekonvaleszenten Personen über mehrere Monate stabil bleiben. Auch das ist nicht unerwartet und sicher als ein gutes Zeichen zu werten.

Allerdings fehlen uns die Langzeitdaten um Aussagen zum langfristigen Verlauf treffen zu können. Bei den endemischen „Erkältungs-Coronaviren“ hält die schützende Immunität nicht sehr lange an. Bei einer Impfung ist es aber das Ziel ein Immungedächtnis aufzu­bau­en und damit eben einen langfristigen Schutz zu gewährleisten.

COVID-19-Impfstoffe: Zwischen Vision und Illusion

Die Komplexität des Immunsystems bedingt es, dass COVID-19-Impfstoffe der 1. Generation wahrscheinlich nur eines der Werkzeuge im Kampf gegen die Pandemie sein werden. Derzeit werden 248 Impfstoffkandidaten erforscht, davon 49 in klinischer Prüfung (Stand: 19. Oktober) (1). Zu den 3 Hauptentwicklungslinien gehören Lebendimpfstoffe mit Vektorviren, Totimpfstoffe mit Virusproteinen und

DÄ: Es besteht die Sorge einer möglicherweise nur kurzlebigen B-Zell-Immunität nach einer COVID-19-Impfung. Wodurch ist das bedingt? Und wie könnte man sie verlängern?
Sander: Diese Sorge teile ich nicht. Der Impfschutz ist zunächst einmal getrennt von der natürlichen Immunität gegen SARS-CoV-2 zu betrachten. Die derzeit entwickelten Impf­stoffe sind prinzipiell sehr gut geeignet um langlebige Immunantworten anzuregen.

Allerdings müssen wir auch festhalten, dass wir das immunologische Korrelat eines effek­tiven Impfschutzes gegen SARS-CoV-2 aktuell noch nicht kennen. Das heißt wir werden uns noch gedulden müssen, bevor wir Informationen zur Impfeffizienz und auch zur Dau­er der Immunität vorliegen haben.

DÄ: Verschiedene Impfstofftypen sind in der Entwicklung. Halten Sie eine Methode für besonders aussichtsreich hinsichtlich eines effektiven und langdauernden Schutzes?
Sander: Die aktuell am weitesten entwickelten Impfstoffe, also die mRNA- und Vektor­impf­stoffe, sind sicher vielversprechend, jedoch sind diese Impfstoffplattformen bisher noch nicht in der klinischen Praxis etabliert. Es gibt bislang noch keine zugelassenen adenoviralen Vektorimpfstoffe oder RNA-Impfstoffe, auch nicht gegen andere Erreger.

Daher ist zwar die Hoffnung groß und die vorliegenden Immunitätsdaten sind vielver­spre­chend, aber es bleibt abzuwarten, ob sich diese Impfstoffe bei COVID-19 bewähren werden. Andere Ansätze, wie Proteinimpfstoffe, sind vom Prinzip her älter, aber sie sind seit vielen Jahrzehnten bekannt und bewährt. Hier gibt es ebenfalls mehrere vielver­sprechende Kandidaten.

Inaktivierte Viren sind meiner Meinung nach ebenfalls ein vielversprechender, wenn auch bislang wenig beachteter Ansatz, da sie leicht und billig herzustellen sind, und in ersten Untersuchungen eine gute Wirksamkeit zeigen. Am Ende wird es darauf ankommen viele verschiedene, sichere und effektive Impfstoffe zur Verfügung zu haben um die gewaltige Herausforderung einer flächendeckenden Immunisierung bewältigen zu können.

DÄ: Worauf sollte Ihrer Meinung nach bei SARS-CoV-2-Immunitätsforschung der Blick stärker gerichtet werden?
Sander: Es ist essenziell, dass wir neben der Messung bestimmter Laborwerte, wie zum Beispiel Antikörpertiter, besser verstehen, welche Immunmechanismen letztendlich vor einer symptomatischen SARS-CoV-2 Infektion schützen. Nur wenn wir diese correlates of protection definieren, können wir die Wirksamkeit von Impfstoffen, aber auch den möglichen weiteren Verlauf der Pandemie besser vorhersagen. © zyl/aerzteblatt.de

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