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Medizin

Adipositas: Bariatrische Operation kann Lebenserwartung nur teilweise normalisieren

Donnerstag, 29. Oktober 2020

/shidlovski, stock.adobe.com

Göteborg – Patienten mit einer morbiden Adipositas, die sich in der weltweit größten Langzeitstudie einer bariatrischen Operation mit Magenverkleinerung und/oder Darm­verkürzung unterzogen, lebten nach den jetzt im New England Journal of Medicine (2020; DOI: 10.1056/NEJMoa2002449) veröffentlichten Ergebnissen 3 Jahre länger als eine Vergleichsgruppe mit konventioneller Behandlung. Die Lebenserwartung lag jedoch um 5,5 Jahre unter der schwedischen Bevölkerung.

Bariatrische Operationen gelten derzeit als die effektivste Behandlung der Adipositas. Die Patienten verlieren innerhalb kurzer Zeit deutlich an Gewicht. Bei vielen Patienten bessert sich ein Typ-2-Diabetes (oft schon vor der Gewichtsabnahme). Untersuchungen haben gezeigt, dass die Operation das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs senkt. Auch ein Rückgang der Mortalität konnte bereits in früheren Studien nachge­wiesen werden.

Lena Carlsson Ekander von der Sahlgrenska Universität in Göteborg und Mitarbeiter haben hierzu die Daten der schwedischen SOS-Studie („Swedish Obese Subjects“) ausgewertet.

Sie umfasst 2.007 Patienten mit einem durchschnittlichen Body-Mass-Index von 42,4, die sich zwischen 1987 und 2001 an einer schwedischen Klinik einer baria­trischen Operation unterzogen hatten: bei 69 % war eine vertikale Gastroplastik durchge­führt worden, damals der Standardeingriff zur Magenverkleinerung, 18 % hatten ein Magenband erhalten und bei 13 % war ein Magenbypass angelegt worden.

Von den damals im Durchschnitt 47,2 Jahre alten Patienten sind mittlerweile 457 (22,8 %) verstorben. Dies ergibt eine Sterberate von 10,7/1.000 Personenjahre.

Das Forscherteam verglich die Lebenserwartung einmal mit der von 2.040 Patienten mit einem Body-Mass-Index von 40,1, die sich gegen eine Operation entschieden hatten. Von diesen sind bisher 539 Patienten (26,4 %) gestorben. Die Sterberate beträgt 13,2/1.000 Personenjahre.

Die Sterblichkeit war damit bei den operierten Patienten signifikant niedriger, Carlsson Ekander ermittelt für den Vergleich eine Hazard Ratio von 0,77 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,68 bis 0,87. Die entsprechende Hazard Ratio für einen Tod an Herz-Kreislauf-Erkrankungen betrug 0,70 (0,57 bis 0,85). Auch Krebstodesfälle traten nach der Operation seltener auf (Hazard Ratio 0,77; 0,61 bis 0,96).

Eine zweite Vergleichsgruppe bestand aus einer Stichprobe von 1.135 Personen ungefähr gleichen Alters, die im Rahmen der SOS-Studie ebenfalls befragt und medizinisch untersucht worden waren. In dieser Gruppe, die damals mit einem durchschnittlichen Body-Mass-Index von 25,2 leicht übergewichtig war, sind bisher 125 Todesfälle (11,0 %) aufgetreten. Die Hazard Ratio im Vergleich zur Kontrollgruppe betrug 0,44 (0,31 bis 0,48).

Damit hat die Operation die Sterblichkeit der adipösen Patienten gesenkt. Sie sind allerdings weit davon entfernt, eine normale Lebenserwartung zu erreichen. Anschaulich wird dies im Vergleich der durchschnittlichen Lebenszeit.

Nach den Ergebnissen einer adjustierten Analyse (die Ungleichgewichte in den Patienten­eigenschaften berücksichtigt) lebten die operierten Patienten 3,0 Jahre (1,8 bis 4,2 Jahre) länger als die nicht-operierten Patienten. Sie starben jedoch 5,5 Jahre (3,4 bis 7,6) früher als die Stichprobe aus der schwedischen Bevölkerung.

Die bariatrische Operation ist demnach weit davon entfernt, die Lebenserwartung der Patienten zu normalisieren. Ein Grund könnte darin bestehen, dass die Operation zwar zu einer drastischen Gewichtsabnahme führt, die meisten Patienten danach jedoch weiter übergewichtig oder adipös bleiben und einige auch wieder an Gewicht zulegen.

Es könnte auch sein, dass die morbide Adipositas bereits zu irreversiblen Schäden (etwa einer beschleunigten Atherosklerose) geführt hat. Tatsächlich hatten 78,4 % der Patienten bereits eine arterielle Hypertonie (gegenüber 27,6 % in der Stichprobe aus der Normalbevölkerung), bei 17,2 % lag ein Typ-2-Diabetes (3,4 %) vor. Die Insulinspiegel als Zeichen einer Insulinresistenz (21,5 versus 8,6 mU/l) waren deutlich höher.

Auch ein höherer Anteil an Rauchern (25,8 versus 20,7 %) und ein häufigerer Substanz­missbrauch (2,9 versus 0,9 %) deuten auf einen ungesünderen Lebensstil der adipösen Patienten hin. Die postoperative Letalität von 0,2 % und von 2,9 % bei einer Wiederho­lungs­operation dürfte einen eher geringen Anteil an der im Vergleich zur Normal­bevölkerung erhöhten Sterblichkeit haben. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 30. Oktober 2020, 11:14

GEWICHTSABNAHME ERHÖHT GALLENSTEINRISIKO

Offenbar haben die schwedischen Register-Analytiker übersehen bzw. gar noch nicht registriert oder realisiert:

Bariatrische Magen-OP'sE erhöhen insbesondere bei Patientinnen das Risiko für Gallensteine und Komplikationen. https://www.gesundheitsinformation.de/gallensteine.2368.de.html

"Risikofaktoren
Bekannt ist, dass folgende Faktoren das Risiko für Gallensteine erhöhen:

Alter: Vor allem ab 40 Jahren steigt das Risiko für Gallensteine an.
Veranlagung: wenn in der Familie Gallensteine aufgetreten sind.
Geschlecht: Frauen bekommen häufiger Gallensteine als Männer. Man vermutet, dass das weibliche Geschlechtshormon Östrogen das Risiko für Gallensteine erhöht.
Schwangerschaft.
Einnahme der Verhütungspille oder von Östrogentabletten in den Wechseljahren (Hormontherapie).
Funktionsstörung der Gallenblase: Das Organ kann sich nicht richtig zusammenziehen.
Kurzdarm-Syndrom: eine Folgeerkrankung, die nach chirurgischer Entfernung eines großen Teils des Dünndarms auftreten kann.
Diabetes mellitus.
Leberzirrhose: eine schwere Erkrankung der Leber, die durch Stoffwechselkrankheiten oder hohen Alkoholkonsum verursacht wird.
starkes Übergewicht.
starker Gewichtsverlust in kurzer Zeit: häufig zum Beispiel bei stark Übergewichtigen, deren Magen operativ verkleinert wurde.
spezielle, kalorienreiche Sonden- und Trinknahrung.
Erkrankung, bei der es zum erhöhten Abbau von roten Blutkörperchen kommt (Hämolyse)..."

Kardiologen, bariatrische Chirurgen, Gastroenterologen u n d Epidemiologen müssten auch in Schweden einfach besser zusammenarbeiten!

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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