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Politik

„Antigentests als Screening-Unter­suchungen sicherlich eine Entlastung“

Donnerstag, 22. Oktober 2020

Im Sommer hat der SARS-CoV-2-Ausbruch beim Fleischkonzern Tönnies die Leiterin des Gesundheitsamts Gütersloh, Anne Bunte, vor riesige Herausforderungen gestellt. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) erzählt sie nun, was sie daraus gelernt hat und wie es im Winter weitergehen könnte.

5 Fragen an Dr. Anne Bunte, Leiterin des Gesundheitsamts Gütersloh.

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DÄ: Wie beurteilen Sie die neue bundesweite Test­strategie, die am 15. Oktober in Kraft getreten ist?
Anne Bunte: Mir kommt die neue Teststrategie sehr entgegen. Denn gerade in der derzeitigen Situation sehen wir, dass die PCR-Kapazitäten durch anlasslose Testungen blockiert werden. Zum Beispiel durch Rei­sende, die nicht aus Risikogebieten zurückkehren. Für mich sind solche Routine- oder Schutztestungen nicht verhältnismäßig.

Mittlerweile gibt es aufgrund der Erfahrungen der letzten Monate den klaren Hinweis, dass man bei Menschen ohne Kontaktpersonen im Umfeld und ohne Symptome sehr zurückhaltend testen sollte. Ich spreche da, glaube ich, als diejenige mit der größten Erfahrung nach dem Ausbruch in der Firma Tönnies, bei dem wir mehr als 100.000 Tests durchge­führt haben. Dabei haben wir ganz klar gesehen: Da wo eine echte Indikation vorlag, nämlich bei Kontaktpersonen oder symptomatischen Menschen, da fanden wir auch Infektionen.

Aber überall dort, wo man mit der Frage getestet hat, ob das Virus in die Bevölkerung getragen wird, sind die Tests vielfach genutzt worden, um zu verreisen. Wenn man sich anschaut, wie wenig Positive dabei entdeckt wurden dann war das zu aufwendig. In dieser Hinsicht sind die neuen Antigentests als Screening-Untersuchungen sicherlich eine Entlastung. Wenn man damit das Instrument PCR, als unser zurzeit sensitivstes Instru­ment, ein Stückchen schützt, ist mir das sehr recht.

Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen glauben, wenn man viel testet, habe die Schutzausrüstung einen geringeren Stellenwert. Wir haben auch die Diskussion in der Bevölkerung, ob der Test allein schon schützt oder ob viele Tests auch automatisch viele Infektionen finden.

Da würde ich ganz klar sagen: Tests sind nur eine qualitätssichernde Methode einer guten persönlichen Schutzstrategie und Schutzausrüstung. Der Selbst- und Fremdschutz hat Vorrang vor den Testungen. Das eine ersetzt nicht das andere, sondern beides ist Teil einer Gesamtstrategie.

DÄ: Was sind aus Ihrer Sicht die Herausforderungen in den kommenden kalten Monaten?
Bunte: Die großen Fragen sind: Wo haben wir Unsicherheiten und wen wollen wir schützen? Damit meine ich jetzt nicht Menschen, die sich unsicher fühlen und getestet werden wollen. Die werden derzeit über den freien Markt bedient, der wiederum dazu führt, dass die Ressourcen für die, die wirklich krank sind, teilweise knapp werden.

Aber möchten Sie von einer infektiösen Krankenpflegekraft oder einem ansteckenden Arzt behandelt werden? Ich nicht, selbst wenn es nicht Corona ist. Da dieses Infek­tionsrisiko weiter zunimmt ist zu begrüßen, dass in Kliniken und Praxen jetzt routine­mäßig Schnelltests eingesetzt werden können.

Außerdem müssen die alten Maßgaben weiterhin zählen: Wer krank ist, bleibt bitte zuhause. Wer krank ist, hat sowieso ein Anrecht auf einen Test und wird ärztlich gesehen. Und die Anderen schützen sich und Dritte durch geeignete Schutzausrüstung. Das finde ich einen sehr praktikablen Weg.

Die Herausforderung bleibt aber die Bevölkerung, die aus anderen Gründen einen Test haben will. Das ist sicherlich etwas, das politisch nochmal zu diskutieren ist: Ob jeder einen Rechtsanspruch darauf hat, getestet zu werden.

Dabei bemühen sich sowohl die KVen als auch die Kammern, einen gemeinsamen Weg zu finden – eine große Herausforderung bei den vielen verschiedenen Playern.

DÄ: Wie bewerten sie die bisherige Kommunikation der sich stetig weiterentwickelnden Teststrategien?
Bunte: Im Moment sind viele völlig verunsichert: Was mache ich bei wem, welche Strategien haben wir? Wohin darf ich gehen, wenn ich Reiserückkehrer bin? Das muss gut abgesprochen werden und die Aufgaben müssen klar zugeteilt werden. Je klarer ist, wer welche Aufgaben übernimmt, und je klarer ist, wann welche Tests gemacht werden, desto besser wird das Gesamtsystem funktionieren.

Wenn ich krank bin gehe ich zum Hausarzt. Testzentren sind für mich etwas, wenn aus bestimmten Gründen ein Test gemacht werden soll, bei einem Ausbruch zum Beispiel. Oder wenn Testzentren in einem Gesamtsystem beispielsweise für symptomatische Menschen genutzt werden, die aber nicht schwer krank sind. Die müssen nicht unbedingt einen Arzt sehen, sondern getestet werden, also ohne Sprechstunde.

Die mobilen Abstrichteams sind die Ergänzung. Die schicken wir nicht zu jedem raus, der sagt er will, sondern gezielt beispielsweise zu Kontaktpersonen von Infizierten.

Ich lebe in einem Kreis in dem sich das mittlerweile recht gut eingespielt hat, aufbauend auf Erfahrungen, die wir im Sommer gemacht haben. Das kann man sicherlich nicht verallgemeinern. Aber was ich da erlebt habe, war wirklich ein Miteinander, wirklich hervorragend. Wir haben direkt mit dem KV Vorstand in Dortmund zusammengearbeitet. Unsere Niedergelassenen haben fast ein Viertel unserer Tests in ihren Praxen gemacht – auch hier ein sehr gutes Zusammenspiel.

Auch heute haben wir noch jeden Mittwochabend um sieben eine Telefonkonferenz an der die KV, die Bezirksstelle der Kammer, der Rettungsdienst, die Krankenhäuser und Vertreter der niedergelassenen Kollegen teilnehmen. Da tauschen wir uns intensiv und durchaus kontrovers aus. Ich hoffe sehr, dass diese Struktur weiter tragfähig bleibt.

DÄ: Glauben Sie, dass bei den steigenden Infektionszahlen ihre Personalressourcen im Winter ausreichen werden?
Bunte: Ich habe das seltene Glück, dass ich, sicher auch bedingt durch die Erfahrungen mit dem Tönnies-Ausbruch, 60 neue Stellen bis Ende 2021 besetzen kann. Damit haben wir jetzt mit circa 92 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Coronamanagement, bei 365.000 Einwohnern von Gütersloh, die bundesweit vorgegebene Quote von 5/ 20.000 Einwohnern sichergestellt. Aber auch wir stoßen im Moment an unsere Grenzen, weil die Zahl der Infizierten wieder stark steigt.

Wir werden einfach nochmal ganz anders diskutieren müssen, wo wir die Schwerpunkte legen. Damit sind wir wieder bei der Erwartungshaltung der Menschen. Da müssen Politik und Ärzteschaft gemeinsame Wege finden. Denn es kann nicht sein, dass versprochen wird, dass man alles bekommt und die nötigen Ressourcen dann nicht zur Verfügung stehen.

Teststrategie: Erst schnell, dann sicher

Im Winter dürfte es schwierig werden, alle Menschen mit Erkältungssymptomen per PCR auf SARS-CoV-2 zu testen. Doch Risikogruppen und Gesundheitsberufe müssen geschützt werden. Antigentests sollen daher helfen, schneller und häufiger zu testen. Ob die Strategie aufgeht, wird sich zeigen. Wer, wie und wo im Winter auf das SARS-CoV-2-Virus getestet werden soll – diese zentralen Regelungen wurden in

Wir müssen uns auf die Menschen konzentrieren, die wirklich krank sind und die schützen, die besonders vulnerabel sind. Wenn das unsere Prämisse ist und wir danach unsere Strategien ausrichten, dann haben wir eine Chance, dass wir die Pandemie relativ gut überstehen.

DÄ: Was ist Ihre wichtigste Lehre aus der Pandemiezeit, die Sie mit anderen Gesundheits­ämtern und ärztlichen Kollegen teilen möchten?
Bunte: Das System ergänzt sich. Wir dürfen nicht gegeneinander arbeiten. Wir müssen ein gutes System bauen, wo jeder ein Teil des Ganzen ist. Das muss ineinandergreifen und nicht nebeneinander herlaufen.

Das haben wir hier im Kreis Gütersloh bei dem großen Ausbruch in der Tönnies-Fabrik in beeindruckender Weise erlebt. Wir hatten zwei Diagnostikzentren der KV für Menschen, die nicht symptomatisch waren, und zwei Behandlungszentren für die Symptomatischen, die auch einen Arzt brauchten. Und wir haben mit mobilen Teams gearbeitet.

So haben wir uns ergänzt und Patienten nicht hin und her geschoben. Das ist sicherlich die größte Herausforderung, weil das im föderalen System eben von den Partnern vor Ort abhängig ist. Aber wenn wir diese Zusammenarbeit auch stärker in eine Organisations­struktur hineinbringen, wo jeder seinen Part kennt, wäre das für mich hervorragend.

Da ist noch sehr viel zwischen den Krankenkassen, den KVen und den Ministerien zu klären. Ich würde es extrem schade finden, wenn wieder die Diskussion entsteht: ÖGD oder Hausarzt? Muss das jetzt eine kommunale Struktur machen oder wer sonst? Wir sollten uns wieder auf unsere Kernkompetenzen besinnen. Und die sollten wir einsetzen. © jff/aerzteblatt.de

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