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Ärzteschaft

„Ein Vollbetrieb ist auch in Zeiten von Corona möglich“

Freitag, 23. Oktober 2020

Düren – In den deutschen Krankenhäusern herrscht angesichts steigender COVID-19-Zahlen gespannte Erwartung. Stefan Schröder ist Chefarzt in der Klinik für Anästhesio­logie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Krankenhaus Düren, einem Schwerpunktversorger mit 450 Betten.

Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) erklärt er, welche Lehren sein Kranken­haus aus der ersten Welle der Coronapandemie im Frühjahr gezogen hat und wie es auf den Herbst und Winter vorbereitet ist.

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5 Fragen an Stefan Schröder, Chefarzt in der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Krankenhaus Düren

DÄ: Die Krankenhäuser stehen im Herbst 2020 vor der Herausforderung, den Regelbetrieb zu organisieren und gleichzeitig flexibel auf möglicherweise stark ansteigende COVID-19-Fallzahlen zu reagieren. Wie wollen Sie diese Herausforderung meistern?
Stefan Schröder: Wir haben dafür in unserem Haus ein Stufenkonzept erarbeitet, das eine stetige Ausweitung der Intensivkapazitäten vorsieht.

Wir verfügen heute über eine Inten­siv­station mit 13 Betten, in der wir unter den notwendigen Sicherheits­vorkehrungen auch COVID-19-Patienten behandeln, und eine weitere mit 11 Betten ausschließlich für Nicht-COVID-19-Patienten.

Dazu kommen eine Intermediate-Care-Station und ein Aufwachraum. Während der akuten Phase der Coronapandemie im Frühling haben wir unsere Kapazitäten dabei mithilfe von Bund und Ländern noch einmal aufgestockt und auf den neuesten Stand gebracht. Wir haben 4 zusätzliche Intensivbetten erhalten und unsere Intermediate-Care-Station mit Telemetrie ausgestattet.

Zu unseren 15 Beatmungsgeräten kamen noch 10 high-end-Geräte hinzu. Für die restlichen 15 Intensivbetten stehen uns Transportbeatmungsgeräte und zur Not auch Beatmungs­geräte aus dem OP zur Verfügung.

In der Stufe 1 läuft alles im Normalbetrieb: Wir haben 13 Intensivbetten mit Beatmungs­möglichkeiten für COVID-19-Patienten und 11 für Nicht-COVID-19-Patienten. In der Stufe 2 kommen für die Behandlung von Coronapatienten 5 Intensivbetten mit Beatmungs­möglichkeit im Aufwachraum dazu. Die 6 Betten der Intermediate-Care-Station nutzen wir dann für die Versorgung von Nicht-COVID-Patienten.

Stationäre Versorgung: Grundsätzlich optimistisch

Die Krankenhäuser fühlen sich gut für die zweite COVID-19-Welle gerüstet: Die Infrastruktur steht, es sind viele Intensivbetten vorhanden und der Mangel an Schutzausrüstung ist derzeit behoben. Von der Politik wünschen sie sich jedoch, dass sie von bürokratischen Aufgaben entlastet werden. Die Krankenhäuser haben schnell reagiert: Innerhalb von Tagen stellten sie sich im März auf die Pandemie ein.

In der Stufe 3 kommt der Intermediate-Care-Bereich noch für die Behandlung der COVID-Patienten hinzu, in der Stufe 4 nutzen wir alle Intensivbetten für deren Behandlung, inklusive 5 Betten in einem OP-Saal.

Insgesamt ständen dann 40 Intensivbetten zur Verfügung. Bislang waren wir aber weit davon entfernt, an unsere Auslastungsgrenze zu kommen. Bisher haben wir 54 COVID-19-Patienten bei uns behandelt, davon 16 auf der Intensivstation.

DÄ: Welche Lehren haben Sie aus der akuten Phase der Pandemie im Frühjahr gezogen?
Schröder: Eine Lehre ist natürlich, die zentrale Notaufnahme in zwei Bereiche zu teilen: einen COVID- und einen Nicht-COVID-Bereich. Zudem haben wir eine Isolationsstation eingerichtet, in der getestete Patienten auf das Testergebnis warten.

Unser Ziel ist es jetzt, möglichst lange im Regelbetrieb zu bleiben, um alle unsere Patien­ten versorgen zu können. Ich glaube, dass das auch funktionieren kann. Denn wir haben gesehen, dass ein Vollbetrieb auch in Zeiten von Corona möglich erscheint, wenn man die richtigen Vorkehrungen trifft.

Im März waren von unseren insgesamt 9 OP-Sälen im Zentral-OP nur noch vier in Betrieb. Dort wurden dann zum Beispiel Notfall- und Tumorpatienten operiert. Ab Mai haben wir die OP-Kapazitäten gesteigert und konnten zügig wieder im Vollbetrieb arbeiten.

Ob wir noch einmal elektive Eingriffe verschieben müssen, muss in der Dynamik des Prozesses entschieden werden. Solange die Intensivkapazitäten nicht ausgeschöpft sind, ist das aus meiner Sicht nicht notwendig, da wir das Krankenhaus in COVID- und Nicht-COVID-Bereiche unterteilt haben.

Bei steigenden Coronazahlen ist es in jedem Fall sinnvoll, die verschiedenen Kliniken in einem Krankenhaus gut zu synchronisieren, damit immer genug Intensivbetten und Mitar­­­beiter zur Verfügung stehen.

DÄ: Wie haben Sie die Versorgung von COVID-19-Patienten in Ihrer Region abgestimmt?
Schröder: Wir sind telemedizinisch an das Universitätsklinikum Aachen angebunden, schon seit vielen Jahren. In der Pandemie treffen wir uns einmal am Tag online mit Intensiv­medizinern, Infektiologen und Pharmakologen aus Aachen, um die schweren Fälle zu besprechen, die bei uns liegen. Bislang konnten wir auch auf diese Weise alle unsere schwerkranken Patienten so stabilisieren, dass sie nicht nach Aachen verlegt werden mussten.

Zudem haben wir in der frühen Phase der Pandemie auf Initiative des Rettungsdienstes eine lokale Internetplattform eingerichtet, in der die Krankenhäuser der Region ihre freien Bettenkapazitäten eintragen. Daran sind die drei Dürener Krankenhäuser beteiligt und zwei weitere Häuser im Landkreis. So weiß der Rettungsdienst immer, welche Krankenhäuser er mit COVID-19-Patienten anfahren kann.

Das wurde bald ergänzt durch das Informationssystem Gefahrenabwehr NRW und durch das DIVI-Intensivregister. Mittlerweile ist es natürlich sinnvoll, eine einheitliche, bundes­weite Plattform zu nutzen, über die man sofort sehen kann, welches Krankenhaus welche Kapazitäten frei hat.

DÄ: Welche der Lehren aus der Pandemie sollten nach deren Ende aus Ihrer Sicht in den Regelbetrieb übernommen werden?
Schröder: Wir sind während der Pandemie näher zusammengerückt, sowohl bei uns im Haus als auch in der Zusammenarbeit mit anderen Häusern. Bei uns haben sich die Chef­ärzte der verschiedenen Kliniken, die Pflege und die Verwaltung eng und auf Augenhöhe ausgetauscht.

Wir haben Personalpools gebildet, gemeinsame Fortbildungen besucht und uns gegen­seitig mit Medizintechnik und mit Mitarbeitern ausgeholfen. In der Intensivmedizin wurden wir zum Beispiel von den Chirurgen unterstützt, die infolge der Verschiebung elektiver Leistungen weniger Operationen hatten. So hatten wir alle eine ganzheitlichere Sicht auf das Krankenhaus. Das war ein konstruktives und nettes Miteinander. Ich würde mir wünschen, dass wir das so beibehalten.

Auch mit den anderen Krankenhäusern in der Region haben wir gut zusammengearbeitet. Mittlerweile merkt man aber wieder, dass die deutschen Krankenhäuser in einem Wett­bewerb zueinander stehen.

Wir haben jetzt während der Pandemie Vieles entwickelt, das auch in der Zukunft seine Bedeutung haben wird. Denn es ist ja schon zu erwarten, dass zum Beispiel im Zuge des Klimawandels und der Globalisierung weitere Infektionswellen auf uns zukommen.

DÄ: Haben Sie aktuell persönliche Schutzausrüstung sowie Hygieneartikel in ausreichendem Maß, um Ihre Patienten und die Mitarbeiter zu versorgen?
Schröder: Mit persönlicher Schutzausrüstung und Hygienemitteln sind wir gut ausgerüstet. Da werden wir auch gut über Herbst und Winter kommen. Dieses Thema ist in unserer Geschäftsführung aber auch sehr präsent. © fos/aerzteblatt.de

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