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„Die Bevorratung mit Schutzausrüstung bleibt die Achillesferse der Planung“

Mittwoch, 21. Oktober 2020

München – Mit Beginn des Herbstes steigt die Zahl der COVID-19-Infizierten wieder deutlich an. Wie Deutschland Herbst und Winter in der Coronapandemie überstehen wird, ist heute noch nicht abzusehen. Christoph Spinner, Oberarzt in der Infektiologie am Klinikum rechts der Isar in München, erklärt dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) , wie sich sein Krankenhaus auf die kalte Jahreszeit vorbereitet hat und welche Schwächen des Systems die Pandemie aufzeigt.

Fünf Fragen an Christoph Spinner, Oberarzt in der Infektiologie am Klinikum rechts der Isar in München.

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DÄ: Die Krankenhäuser stehen im Herbst 2020 vor der Herausforderung, den Regelbetrieb zu organisieren und gleichzeitig flexibel auf möglicherweise ansteigende COVID-19-Fallzahlen zu reagieren. Wie wollen Sie diese Herausforderung meistern?
Christoph Spinner: Wir haben aus den Erfahrungen der ersten Welle den Pandemieplan entsprechend ange­passt und modulare Stufen der Versorgung erarbeitet. Hierbei ist es binnen weniger Stunden möglich, Ver­sorgungs­kapazität zwischen Nicht-COVID-19- und COVID-19-Patienten zu verschieben, sodass sowohl Notaufnahme-, Normal- und Intensiv­stationskapazitäten adaptiert werden können.

Nahezu alle Versorgungsstufen wurden im Rahmen der ersten Welle auch in der Realität genutzt. Wir haben unseren Pandemieplan im echten Leben also bereits auf Herz und Nieren geprüft.

Auch in der virologischen Diagnostik gibt es noch Optionen, die Testkapazität im Bedarfs­fall weiter auszubauen, wobei wir derzeit in der Regel sämtliche Testergebnisse für SARS-CoV-2-Diagnostik in unter 24 Stunden erhalten. In der Therapie sind ebenfalls wesent­liche Fortschritte erzielt worden: Neben zugelassenen therapeutischen Optionen gibt es auf das Klinikum rechts der Isar adaptierte Therapieempfehlungen in Kooperation mit dem Antibiotic-Stewardship-Team des Hauses sowie nach wie vor die Option klinischer Studien.

DÄ: Welche Lehren haben Sie aus der akuten Phase der Pandemie im Frühjahr gezogen?
Spinner: Die erste Welle hat uns geholfen, den angepassten Pandemieplan, ebenso wie unsere Hygienekonzepte für Patienten und Mitarbeiter, weiter zu verbessern. Es kam bisher zu keinen relevanten nosokomialen Ausbrüchen: weder bei Patienten noch bei Mitarbeitern.

Neben Besucherkonzepten, adaptiertem Eingangsscreening von Patienten, der Schaffung einer Mitarbeitertestambulanz sowie der Einrichtung eines Expertenteams als Krisenstab hat sich die modulare Struktur unseres Pandemieplans bewährt. Es ist und bleibt hierbei vor allem auch das Ziel, sowohl Nicht-COVID-19- und COVID-19-Medizin auf universitä­rem Niveau erbringen zu können.

DÄ: Wie haben Sie sich für den Herbst und Winter mit den umliegenden Krankenhäusern abgestimmt?
Spinner: Sowohl die Region Oberbayern als auch die Stadt München verfügen über eine erhebliche Krankenhauskapazität für das Ballungsgebiet. Es gibt bereits seit der ersten Welle einen regelmäßigen runden Tisch aller Einrichtungen, gemeinsam mit dem zustän­digen öffentlichen Gesundheitsdienst. Hierbei werden gemeinsame Vorgehensweisen, Empfehlungen und Konzepte erarbeitet, aber auch ein Informations- und Material­austausch im Bedarfsfall bereitgestellt.

Stationäre Versorgung: Grundsätzlich optimistisch

Die Krankenhäuser fühlen sich gut für die zweite COVID-19-Welle gerüstet: Die Infrastruktur steht, es sind viele Intensivbetten vorhanden und der Mangel an Schutzausrüstung ist derzeit behoben. Von der Politik wünschen sie sich jedoch, dass sie von bürokratischen Aufgaben entlastet werden. Die Krankenhäuser haben schnell reagiert: Innerhalb von Tagen stellten sie sich im März auf die Pandemie ein.

DÄ: Welche der Lehren aus der Pandemie sollten nach deren Ende aus Ihrer Sicht in den Regelbetrieb übernommen werden?
Spinner: Die Pandemie hat aus meiner Sicht viele Stärken und Schwächen des Systems offenbart: Während dezentrale Strukturen gezielte und lokal adaptierte Maßnahmen ermöglichen, fehlen insbesondere zentrale Informationstechnologie- und Software­werkzeuge zur Verbesserung der Interaktion zwischen Krankenhäuser, Zuweisern und Patienten sowie der Kontaktkettennachverfolgung und sicheren Kommunikation mit dem öffentlichen Gesundheitsdienst.

Papiergetriebene Prozesse, die es während der ersten Welle im Frühjahr häufig noch gab, sind langsam, aufwändig und hygienisch ungeeignet. Es lohnt sich aus meiner Sicht, die Disruptionskraft der Pandemie zu nutzen, um eine nachhaltige Verbesserung der Versor­gung und Kommunikation im Gesundheitswesen durch Digitalisierung, Bündelung von Strukturen und Verbesserung von Prozessen zu erreichen. Das kann aber nur gelingen, wenn alle Beteiligten mitwirken oder wenn der Druck durch gesetzliche Maßnahmen hoch genug ist.

Das betrifft natürlich auch ökonomische Anreize: Durch die fallpauschalenbasierte Vergütung der Krankenhäuser stehen an vielen Stellen kaum mehr Reservekapazitäten zur Verfügung. Dies führte unter anderem dazu, dass zum einen hektisch zusätzliche Beatmungsgeräte durch politische Verantwortungsträger angeschafft wurden, dass zum anderen aber, wie in unserem Fall, nicht genügend Pflegekräfte für die Patienten­versorgung zur Verfügung stehen. Auch die Rahmenbedingungen des Gesundheitswesens sollten geprüft werden: Sind die heutigen Leistungsanreize wirklich zielgenau?

DÄ: Haben Sie aktuell persönliche Schutzausrüstung sowie Hygieneartikel in ausrei­chendem Maß, um Ihre Patienten und die Mitarbeiter zu versorgen?
Spinner: Derzeit verfügen wir über ausreichende Kapazitäten an Schutzausrüstung und Desinfektionsmitteln – übrigens ebenso wie an Grippeimpfstoffen.

Ob das so bleibt, hängt nicht zuletzt vom Verbrauch ab. Hier haben wir bereits in der ersten Welle gelernt, dass selbst eine Bevorratungsplanung aufgrund der Abhängigkeit vom schlecht planbaren Bedarf kaum zuverlässig machbar ist. So haben wir sehr früh die Pflicht zur generellen Mund-Nasen-Bedeckung im Klinikum eingeführt. Dies führte dann zu einem geradezu explosionsartigen Anstieg des Maskenbedarfs, der in dieser Form in der Bevorratungsplanung nicht vorgesehen war.

Neben der Struktur unseres Pandemieplans mit entsprechender Abstimmung zwischen den beteiligten Fachabteilungen des Hauses haben uns hierbei vor allem langjährige Beziehungen zu Lieferanten und kreative Lösungen des Einkaufs geholfen. Auch, wenn wir derzeit gut versorgt sind, ist uns bewusst, dass wir die Lagersituation sehr kritisch beobachten müssen. Sie ist und bleibt eine Achillesferse aller Planungen. © fos/aerzteblatt.de

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