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Ärzteschaft

„Die wohnortnahe hausärztliche Versorgung bewährt sich in der Pandemie“

Freitag, 23. Oktober 2020

Berlin – Mangelnde Ausstattung mit Schutzausrüstung, an das Infektionsgeschehen anzupassende Praxisabläufe, sich nahezu im Wochenrhythmus ändernde regulative Vorgaben, Bürokratiebelastung und eine unsichere wirtschaftliche Situation der eigenen Praxis – all dies prasselte in der Hochphase der SARS-CoV-2-Pandemie auf die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte ein.

Trotz der ungewohnten und widrigen Umstände wurde die ambulante Versorgung flexibel und schnell angepasst, Patientenströme gelenkt, Informationspolitik betrieben sowie spezielle Infektionssprechstunden und Testzentren eingerichtet. Mit Erfolg: Die ambulanten Versorgungsstrukturen haben maßgeblich zur bisher vergleichsweise gut gelungenen Bewältigung der SARS-CoV-2-Pandemie in Deutschland beigetragen.

Zu den Herausforderungen, Erfahrungen und Zukunftsausblicken führte das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) ein Gespräch mit Doris Reinhardt.

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5 Fragen an Doris Reinhardt, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Pandemiebeauftragte der KV Baden-Württemberg für den Ortenaukreis

DÄ: Wie erleben Sie die ärztliche Versorgung in Zeiten der Coronapandemie?
Doris Reinhardt: Die ärztliche Versorgung in Zeiten der Coronapandemie ist für die ambulante Patienten­versorgung, für das gesamte Praxisteam mit erheb­lichem Mehraufwand und zeitlicher Mehrbelastung und Mehrkosten verbunden.

Die Zunahme der aufwendigen Infektsprechstunden inklusive deren Planung und praktischen Umsetzung belasten den Praxisalltag. Hinzu kommt in den haus-und kinderärztlichen Praxen, dass wir viele individuelle Beratungen zu den unterschiedlichsten Kontaktsze­narien und Überprüfen der Testindikationen machen. Dies erfordert eine kontinuierliche Befassung mit den rechtlichen Rahmenbedingungen und der Teststrategie.

Und dies all ist ja „add on“ zu einer anspruchsvollen Regelversorgung mit Versorgung chronisch kranker Patienten, und einem Praxisalltag mit der Versorgung multimorbider auch hochaltriger Menschen in der eigenen Häuslichkeit und in den Pflegeeinrichtungen.

DÄ: Wie gut lief in Ihrer Region der Aufbau von speziellen Testeinrichtungen und Versorgungsangeboten?
Reinhardt: Im Frühjahr konnten wir zügig ein kollegiales Netzwerk von Praxen und eine zentrale Testeinrichtung aufbauen. In Erweiterung dann der Einsatz eines Coronamobils zur Aufsuchung und Testung immobiler Patienten. Dank der Bereitschaft der hausärzt­lichen Kollegen wurden Betreuteams für die Pflegeheime benannt, die die Patienten­versorgung aber auch in Abstimmung mit dem ÖGD Flächentestungen durchführten, dies auch mehrfach kurzfristig am Wochenende.

In dieser unsicheren Zeit haben wir in unserem Flächenkreis mehrere Coronaambulanzen kurzfristig an den Start gebracht, die zum Glück nur begrenzt in Anspruch genommen wurden. Bei diesen Versorgungsangeboten war und ist die außergewöhnliche Unterstütz­ung durch die KVBW ein Segen. Dank der hervorragenden Kooperation mit den Kollegen und Teams im ÖGD, dem Landkreis, der integrierten Leitstelle, den Kliniken im Krisenstab zogen alle am gleichen Strang und wir profitieren seither 24/7 von der guten Koopera­tion.

DÄ: Was erwarten Sie für den Herbst und Winter?
Reinhardt: Trotz diesem guten Miteinander und mittlerweile auch tatkräftige Unter­stützung durch mehrere Hilfsorganisationen und junge engagierte Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung bei den Teststationen blicke ich natürlich auch mit Sorge auf den Herbst /Winter.

Die Unsicherheit über die Bedarfe und ob das was wir tun das Richtige und Ausreichende sein wird, diese Unsicherheit kann uns niemand nehmen. Mit dieser Unsicherheit muss aber auch die Gesellschaft leben und eine Ambiguitätstoleranz entwickeln.

Apropos Toleranz, nicht alles was wünschenswert ist, ist machbar. Mal sind es die Test­kapazitäten, mal die Laborkapazitäten, mal die Verfügbarkeit von Beratungszeit, die wir nur endlich zur Verfügung stellen können. Und da hat immer das medizinisch Notwen­dige die oberste Priorität und damit der individuelle Patientenwunsch manchmal das Nachsehen.

DÄ: Gibt es Aspekte, die Ihnen besondere Sorgen bereiten?
Reinhardt: Aktuell haben wir gering symptomatische Infektionen sonst gesunder Men­schen. Ich habe im Frühjahr in einer Pflegeeinrichtung als Betreuärztin 14 COVID-Patien­ten ambulant ärztlich betreut, und weiß um die Herausforderung, zeitlich, menschlich und medizinisch – auch für die Mitarbeitenden in der Pflege.

Meine Sorge ist, dass die vulnerablen Personen vermehrt erkranken und schwere Verläufe haben. Im ambulanten allen voran hausärztlichen Bereich haben wir im Frühjahr über 80 Prozent der COVID-Patienten versorgt. Diese Leistung vor allem der Hausärztinnen und Hausärzte mit ihren Praxisteams ist ja kein Zufall.

Diese dezentrale hausärztliche Versorgung mit freiberuflichen Fachärztinnen für Allge­meinmedizin, die in den Praxen und Pflegeheimen gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Praxen und der Pflege Patientinnen versorgen, die zusätzlichen Dienste im Corona­mobil und im Bereitschaftsdienst übernehmen, die sind die tragende Säule der ambulanten Patientenversorgung in einer Pandemie.

Ambulante Versorgung: Vorteil bei Pandemiebekämpfung

Die ambulanten Versorgungsstrukturen haben maßgeblich zur bisher vergleichsweise gut gelungenen Bewältigung der SARS-CoV-2-Pandemie in Deutschland beigetragen. Nun gilt es, diese bewährten Strukturen bestmöglich für die noch kommenden Herausforderungen aufzustellen. Mangelnde Ausstattung mit Schutzausrüstung, an das Infektionsgeschehen anzupassende Praxisabläufe, sich nahezu im Wochenrhythmus

DÄ: Was wünschen Sie sich von der Politik?
Reinhardt: Die wohnortnahe hausärztliche Versorgung bewährt sich in der Pandemie. Die dezentrale haus-und fachärztliche Patientenversorgung hält den Kliniken für schwer erkrankte Patienten den Rücken frei. Die hierzu erforderliche Patientensteuerung erleben wir doch gerade wieder in diesen Tagen. Ganz selbstverständlich erwartet Politik, dass wir nun die Ermittlung von Kontaktpersonen übernehmen und Testungen veranlassen/übernehmen.

Und das mit einer Testverordnung, die freitags mit sofortiger Gültigkeit in Kraft tritt. Da fordere ich von Politik, dass die politische Entscheidung vor der Umsetzung mit den Beteiligten im Hinblick auf Machbarkeit, Sinnhaftigkeit und Verfügbarkeit von Ressourcen und Finanzierung qualifiziert diskutiert wird.

Jede neue Testverordnung beinhaltet neue Fristen, neue Abrechnungsziffern und produ­ziert eine Komplexität die uns Lebenszeit und Versorgungszeit nimmt. Und das vor dem Hintergrund, dass im haus-und kinderärztlichen Versorgungsbereich in der Regelver­sorgung vielerorts genau diese Arztzeit fehlt.

Ich wünsche mir, dass Politik aus dieser Pandemie lernt, dass die Verfügbarkeit von Intensivbetten und die Verfügbarkeit von Haus-und Kinderärzten unmittelbar zusammen­hängt. © aha/aerzteblatt.de

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