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Politik

„Wir dürfen Bewohner von Pflegeheimen nicht noch einmal wegsperren“

Donnerstag, 22. Oktober 2020

Stuttgart – In der Coronapandemie kommt stationären Pflegeeinrichtungen eine besondere Rolle zu. Denn dort leben viele der besonders gefährdeten Menschen. Die Evangelische Heimstiftung ist mit 86 Pflegeheimen der größte Träger von stationären Pflege­einrichtungen in Baden-Württemberg.

Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) erklärt der Geschäftsführer des Unternehmens, Bernhard Schneider, mit welchen Maßnahmen Coronaausbrüche in den Einrichtungen verhindert werden sollen und welche Auswirkungen ein neuerliches Besuchsverbot auf die Bewohner hätte.

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Fünf Fragen an Bernhard Schneider, Geschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung

DÄ: Während des Lockdowns konnten Bewohner von Pflegeeinrichtungen im Frühjahr keine Besuche mehr erhalten. Aus Ihrer heutigen Sicht: Waren die Maß­nahmen angemessen?
Bernhard Schneider: Die Besuchsverbote waren sehr belastend für die Bewohnerinnen und Bewohner. In den ersten Wochen haben viele noch gesagt: „Wir haben Schlimmeres erlebt in unserem Leben.“ Mit den Wochen wurde die Belastung aber größer, vor allem auch, weil zum Besuchs- auch noch ein Ausgehverbot dazukam.

Einem Menschen sagen zu müssen, er dürfe sein Zimmer nicht verlassen, war für unsere Mitarbeitenden sehr schwierig. Wir sind ein christliches Unternehmen, unser wichtigstes Gebot ist die Selbstbestimmung der Menschen, die wir betreuen. Dass es ihnen quasi per Gesetz genommen wurde, war schwer zu akzeptieren.

Die Coronawelle hat uns alle im März und April tatsächlich überrollt, nicht nur in den Pflegeheimen, sondern überall. Wir wussten zu wenig über das Virus, es gab keine Masken, es gab zu wenig Tests. Mitarbeitende waren verunsichert, Angehörige besorgt und die Menschen überall hatten schlichtweg Angst.

Dass in einer solchen Situation die Pflegeheime durch eine politische Verordnung geschlossen und Besuche verboten wurden, war zum Schutz der Menschen notwendig – das darf aber auf keinen Fall noch einmal passieren. Wir haben über 7 Monate Pandemie hinter uns und es kann nicht sein, wenn der komplette Lockdown immer noch unsere einzige Antwort darauf wäre.

DÄ: Welche Lehren sollte man aus den Erfahrungen des Lockdowns im Frühling ziehen?
Schneider: Wir haben gelernt, mit dem Virus umzugehen. Wir wissen, dass sich das Infektionsgeschehen eindämmen lässt, wenn sich alle an die AHA-Regeln halten: Abstand, Hygiene, Alltagsmasken. Wir haben genügend Schutzausrüstung wie Masken, Desinfek­tionsmittel, Kittel und Handschuhe und es gibt Teststrategien – es wird also in der Regel schnell und umfassend getestet. Wir sind deshalb zuversichtlich, dass wir mit einer möglichen zweiten Welle umgehen können und dass wir einen zweiten Lockdown nicht brauchen.

Für die Evangelische Heimstiftung haben wir außerdem auch eine interne Evaluation durchgeführt und wissen nun, welche Maßnahmen in unseren 86 Pflegeheimen am wirkungsvollsten waren. Daraus haben wir eine Strategie für eine mögliche zweite Welle entwickelt, mit dem Ziel, unsere Einrichtungen für Gäste offen zu halten und trotzdem den Infektionsschutz zu gewährleisten. Damit haben wir die Lehren aus der ersten Welle im Frühjahr gezogen und sind vorbereitet – auch wenn wir natürlich hoffen, dass wir nicht alles brauchen, was wir in der Schublade haben.

DÄ: Derzeit häufen sich wieder Meldungen, dass es in einzelnen Pflegeeinrichtungen in Deutschland zu COVID-19-Ausbrüchen gekommen ist. Mit welchen Maßnahmen wollen Sie dies für den Herbst und Winter in Ihren Einrichtungen vermeiden – ohne ein Besuchsverbot?
Schneider: Die steigenden Zahlen machen uns große Sorgen. Das Wichtigste ist jetzt, dass wir uns alle an die AHA-Regeln halten. Auch unsere Evaluation hat gezeigt, dass diese einfachen Maßnahmen ausreichen, um das Infektionsgeschehen zu begrenzen.

Wenn das nicht überall getan wird, kann es natürlich sein, dass die Zahlen weiter steigen. Und dann haben wir zwei Szenarien, auf die wir uns vorbereitet haben. Fall 1: Die Inzi­denz im Landkreis steigt über die kritische Marke. Fall 2: Wir haben in einer unserer Einrichtungen eine Coronainfektion beziehungsweise einen begründeten Verdacht.

Den Fall 1 mussten wir vor Kurzem leider bereits in einigen Einrichtungen einleiten, denn der Landkreis Esslingen hatte die kritische Marke von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner überschritten. Alle unsere Einrichtungen haben dann die Maßnahmen wie folgt verschärft:

Erstens wurde die Einhaltung der AHA-Regeln noch strenger kontrolliert. Unsere Gäste waren einsichtig. Sollten Einzelne dies nicht sein, werden wir uns nicht davor scheuen, auch Hausverbote auszusprechen. Zweitens wurde eine aktive Zugangskontrolle einge­führt, indem bei allen Gästen die Temperatur gemessen wurde, bevor sie den Wohnbe­reich betraten.

Pflegeheime: Angst vor dem Ausbruch

Mit dem Anstieg der Neuinfektionen in Deutschland steigt auch die Sorge in den Pflegeheimen vor einem Eindringen des Virus. Die Heime versuchen, sich mit strengen Hygienemaßnahmen vor dem Virus zu schützen, um ein erneutes Besuchsverbot zu verhindern. Das funktioniert nicht immer. Während der ersten Welle der Coronapandemie kam es zu verschiedenen Ausbrüchen von COVID-19 in stationären

Drittens wurden die Besuche begrenzt, indem keine Gruppen mehr ins Haus kommen durften. Das geht jetzt noch gut, wäre gerade in der Adventszeit aber natürlich ein großer Verlust. Wenn es aber notwendig wird, dann werden wir die Besuche auch im Dezember begrenzen. Und viertens wurden unsere Hygiene- und Personalkonzepte erweitert, indem Kreuzungswege vermieden werden, die Teams nur noch wohnbereichsbezogen arbeiten und Dienstreisen verboten sind.

Darüber hinaus wollen wir in Kürze Schnelltests einsetzen. Wir haben ein Testkonzept entwickelt und testen gerade einige Produkte in einer Pilotphase in zwei Einrichtungen, gemeinsam mit unseren Betriebsärzten. Wir wollen damit lernen, wie wir die Tests in einer Einrichtung durchführen: Wer wird getestet, wann und von wem? Bieten wir die Tests nur für Mitarbeitende und Bewohner an oder wollen wir in bestimmten Situationen auch Besucher testen, bevor sie die Einrichtung betreten?

Und wie würde das logistisch aussehen: Gibt es eine Wartestation vor dem Haus, müssen wir feste Zeiten vergeben usw.? Das sind alles Fragen, die wir jetzt gerade klären, bevor wir dann die Schnelltests in die Fläche geben und in allen Einrichtungen einsetzen.

DÄ: Wenn es in einer Ihrer Einrichtungen zu einem Ausbruch kommen sollte: Wie werden Sie dann reagieren?
Schneider: Wenn es in einer unserer Einrichtungen eine Coronainfektion beziehungsweise einen begründeten Verdacht gibt, dann werden folgende Maßnahmen zusätzlich zu den geltenden Regeln ergriffen: Erstens bleiben die infizierten beziehungsweise verdächtigen Bewohner in ihren Zimmern isoliert, die man nur mit FFP-2-Masken und Schutzaus­rüstung betreten darf.

Zweitens würden wir für den betroffenen Wohnbereich ein Besuchermanagement einführen und zum Beispiel in einem Zeitfenster von zwei Stunden höchstens fünf Besucher zulassen, die natürlich über das Infektionsgeschehen und die Verhaltensregeln informiert und mit Schutzausrüstung ausgestattet werden.

Wichtig ist aber, dass alle anderen, nicht betroffenen Wohnbereiche für Angehörige offenbleiben und dass auch in den betroffenen Bereichen Besuche weiterhin möglich sind, im Zweifel mit FFP-2-Masken und Schutzausrüstung.

Wir kommunizieren offen mit Angehörigen und Besuchern, wenn wir eine Infektion beziehungsweise einen Verdacht haben, wir bieten Schutzkleidung an und wenn Ange­hörige dann entscheiden, dass sie auf den Besuch nicht verzichten wollen, dürfen sie den Bereich auch betreten.

DÄ: Wie zuversichtlich sind Sie, dass es – trotz derzeit steigender Infektionszahlen – zu keinem Ausbruch in Ihren Einrichtungen kommen wird?
Schneider: Eine hundertprozentige Gewissheit gibt es natürlich nicht und das macht uns auch Sorge. Wir haben bereits schmerzlich erfahren müssen, wie schlimm es ist, wenn dieses tückische Virus in die Einrichtungen kommt.

Wir haben aber auch gesehen, wie schlimm es für Angehörige ist, ihre Eltern oder Großeltern nicht sehen zu können, sich nicht kümmern zu können und was es mit den Bewohnern macht, wenn sie ihre Liebsten nicht sehen dürfen. Das müssen wir auf jeden Fall verhindern.

Ich fürchte trotzdem, dass, wenn die Infektionszahlen weiter steigen, jemand auf die Idee kommen könnte, die Heime wieder zu schließen. Das werden wir nicht zulassen. Die Gesellschaft muss akzeptieren, dass auch alte Menschen ein Grundrecht auf Teilhabe, Selbstbestimmung und Freiheit haben. Das darf ihnen niemand nehmen, indem man sie auf ihre Schutzbedürftigkeit reduziert.

Deshalb mein Appell an Politik und Gesundheitsbehörden: Sperren Sie die Alten nicht mehr weg – sie sind Teil unseres Lebens und müssen es bleiben, auch in Zeiten von Corona. © fos/aerzteblatt.de

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