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Debatte im Ethikrat zur Sterbehilfe zeigt Meinungsbandbreite

Donnerstag, 22. Oktober 2020

/pattilabelle, stockadobecom

Berlin – Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Februar 2020, mit dem das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung für verfassungswidrig erklärt wurde, sorgte in Fachkreisen und in der politischen Öffentlichkeit für intensive Debatten. Heute griff der Deutsche Ethikrat diese Diskussionen im Rahmen einer öffentlichen Plenarsitzung auf.

Die mehrstündige Debatte im Ethikrat machte deutlich, dass der Karlsruher Richterspruch keineswegs widerspruchsfrei ist. Der Bayreuther Jurist Stephan Rixen etwa betonte, dass die Richter einerseits das Selbstbestimmungsrecht sehr hoch bewertet hätten. Andererseits aber hätten sie Einwände gegen eine gesellschaftliche Normalisierung des Suizids benannt und den Weg für Beratungsangebote geöffnet, die bewusst Alternativen zur Selbsttötung eröffneten.

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Einen breiten Raum in der Debatte nahme die Frage ein, wie der Gesetzgeber sicherstellen kann, dass ein Selbsttötungsentschluss frei verantwortlich ist. Die Kölner Strafrechtlerin Heike Rostalski sah hier die Gefahr eines „Paternalismus durch die Hintertür“. Das wäre der Fall, wenn der Bundestag etwa eine Beratungsregelung einführte oder zeitliche Fristen vorgäbe, um die Dauerhaftigkeit eines Suizidwunsches zu dokumentieren.

„Auch kurzfristig getroffene Entscheidungen können freiverantwortlich sein“, sagte sie. „Auch ein Suizid aus Liebeskummer ist nicht pauschal ein unfreier.“

Mehrere Mitglieder des Ethikrats warnten davor, die Debatte auf Sterbenskranke und schwer depressive Menschen zu verkürzen. Von den rund 100.000 Suizidversuchen pro Jahr in Deutschland sei nur ein kleiner Teil mit schweren Krankheiten zu erklären, sagte der Siegener Philosoph Carl Friedrich Gethmann.

Er kritisierte, ein Suizidwunsch werde weithin als krankhaft bewertet – und nicht als eine mögliche individuelle Lebensentscheidung, die Anspruch auf Respekt habe.

Der Heidelberger Gerontologe Andreas Kruse warnte vor einem Trend zur Erleichterung des Suizids. Der Respekt vor Selbstbestimmung müsse gewahrt bleiben. Doch gefordert sei zugleich die Stärkung der Suizidvorbeugung durch die Beseitigung jener Konfliktlagen, die Menschen faktisch in eine ausweglose Situation brächten.

Suizid bedeute immer auch ein Versagen von sozialen Bezügen und sei Ausdruck von Isolation, mahnte Kruse. Gerade Senioren hätten oft den Eindruck, das Alter werde als minderwertige Lebensphase bewertet. Notwendig sei eine Kultur der Beteiligung und der Kommunikation, damit die letzte Lebensphase als Abrundung des Lebens begriffen werden könne.

Kruse warnte, das Karlsruher Urteil könnte dazu beitragen, statt einer anspruchsvollen medizinischen, pflegerischen oder psychologischen Versorgung eher die Lebensbeendigung durch Suizid ins Zentrum öffentlichen und individuellen Interesses zu stellen.

Im Ethikrat wurden grundlegende Unterschiede in der Bewertung von Suizid deutlich: Während Gethmann betonte, dass die Frage der Beendigung des eigenen Lebens „in den Freiheitsraum der individuellen Lebensentscheidungen“ gehöre, wandte sich der Tübinger katholische Theologe Franz-Josef Bormann gegen „grenzenlose individuelle Selbstbestimmung“.

Wenn Suizidbeihilfe zur Normalität werde, könne das Alte und Kranke unter Druck setzen, Familie oder Gesundheitssystem von Kosten oder Versorgung zu entlasten. Für den Einzelnen bedeute ein Suizid auch einen gewaltförmigen und abrupten Abbruch der eigenen Biografie – und eine Absage an den Wert des Lebens. © kna/aha/aerzteblatt.de

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