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Politik

„Unsere Mitglieder empfinden die Serie ‚Ehrenpflegas‘ als Verletzung“

Donnerstag, 22. Oktober 2020

Berlin – Es ist erst wenige Tage her, dass Familienministerin Franziska Giffey (SPD) die gemeinsam mit Arbeits- und Gesundheitsministerium initiierte Werbekampagne „Ehrenpflegas“ vorstellte. Die fünfteilige Webserie, die auf dem YouTube-Kanal des Bundesfamilienministeriums (BMFSJ) zu sehen ist, soll die bereits Anfang 2020 eingeführte generalistische Pflegeausbildung unter Jugendlichen bekannter machen.

Doch in den sozialen Medien stieß die Serie auf viel Kritik – vor allem von Pflegefach­kräften. Zwei Petitionen mit bereits knapp 22.000 Unterzeichnern fordern ein sofortiges Ende der rund 700.000 Euro teuren Kampagne. Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK), erklärt dem Deutschen Ärzteblatt, warum die Kampagne aus Sicht vieler Kritiker nicht gelungen ist – und wie man es besser machen könnte.

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Fünf Fragen an Christel Bienstein Präsidentin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK).

DÄ: Franziska Giffeys Behörde hat sich Mühe gegeben, besonders Jugendliche für den Pflegeberuf zu begeis­tern. Der Constantin-Konzern, dessen Tochter-Unter­nehmen neben der Comedy-Reihe „Fack ju Göhte“ auch Hollywood-Filme produziert, entwickelte die Serie. Die Hauptrollen übernahmen die aus populären Serien des Streamingdienstes Netflix bekannten Schauspieler Lena Klenke, Danilo Kamperidis und Lisa Vicari. Warum stößt sie bei vielen Pflegefachkräften auf Kritik?
Bienstein: Unsere Mitglieder empfinden die Serie als Verletzung ihres beruflichen Selbstverständnisses, des Berufsethos und sie fühlen sich in ihrer Professionalität missachtet. Dieses Empfinden teilen wir als Verband. Unsere Kritik bezieht sich vor allem auf zwei Aspekte:

Insbesondere in der ersten Folge wird suggeriert, dass die Pflegeausbildung auch für alle geeignet sei, die sonst keine Perspektive haben. Aber professionelle Pflege können nicht alle leisten. Wir brauchen junge Menschen, die lernen wollen, die Verantwortung über­nehmen wollen und die das Zeug dazu haben, Menschen professionell zu Versorgen.

Der zweite Kritikpunkt ist, dass mit der Serie Klischees bedient werden, gegen die wir seit Jahren ankämpfen. Die Auszubildende für die Gesundheits- und Krankenpflege ist sexy und etwas oberflächlich, die Kinderkrankenpflege wird von der Streberin angestrebt und „Boris“, der wenig Intellekt, aber ein gutes Herz hat, geht in die Altenpflege. Gerade dann, wenn man die generalistische Ausbildung bewerben will, muss man doch die Chance nutzen und zeigen, dass alle drei beruflichen Felder die Kompetenz der Pflege­fachpersonen gleichermaßen fordern.

DÄ: Wie bewertet der DBfK selbst die Kampagne?
Bienstein: Wir haben uns ja bereits deutlich von der Serie distanziert. Natürlich verstehen wir den Versuch, mit einem satirischen Format eine sehr junge Zielgruppe überhaupt auf den Beruf aufmerksam zu machen, aber dass ausgerechnet bei einer Recruitingkampagne für die Pflegeberufe auf Satire und Überzeichnung gesetzt wird, wundert uns sehr.

Es wurde ja auch schon von einigen anderen angemerkt, dass „Fuck ju Göthe“ sicher nicht genutzt würde, um mehr Studierende ins Lehramt zu bringen. Und auch die Versicherungs­wirtschaft würde vermutlich eher nicht mit der TV-Serie „Stromberg“ auf Personalsuche gehen.

Das BMFSFJ hat mit der Sinus-Jugendbefragung herausgefunden, dass insbesondere bei den Abiturientinnen und Abiturienten ein hohes Potenzial besteht, sie als Zielgruppe für den Beruf zu gewinnen.

Was für diese jungen Leute letztendlich entscheidend für die Berufswahl ist, sind Aufstiegschancen, Gehalt und dass der Beruf von ihnen als sinn­stiftend wahrgenommen wird. Das muss doch der Ansatz sein, mit dem man junge Menschen anspricht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die „Ehrenpflegas“ diese Zielgruppe anspricht.

DÄ: Was hätten die Verantwortlichen besser machen können?
Bienstein: Man könnte die Fachverbände frühzeitig in die Planung einbinden und deren Expertise nutzen. Wir alle wissen, dass Berufsbedingungen, Gehalt und Image der Pflege­berufe dringend verbessert werden müssen. Gute Rahmenbedingungen sprechen nicht nur potenzielle Auszubildende an, sondern halten dann auch die Fachkräfte im Beruf – das ist in der Pflege nicht anders als in anderen Berufen mit dieser hohen fachlichen Anforderung.

Von diesen nachhaltigen und wichtigen Änderungen ganz abgesehen, sollte in einer Recruitingkampagne der Beruf im Fokus stehen und zumindest realitätsnah dargestellt werden. Es nützt ja nichts, wenn man Menschen in die Ausbildung lockt, die sich dann wundern, dass ihr gutes Herz allein dann doch nicht zum Examen führt.

„Ehrenpflegas“ ist eine Coming-of-Age-Serie, in der der Pflegeberuf nur eine austausch­bare Folie bildet, vor der sich die Charaktere entwickeln. Die Entwicklung beispielsweise von der Figur des „Boris“ kommt ja auch nicht wirklich durch seine Ausbildung zustande, sondern wird von seiner Gutherzigkeit motiviert. Damit wird wieder das Klischee bedient, dass für Pflegeberufe mehr Herz als Hirn gebraucht werde.

DÄ: Ist eine mediale Werbekampagne für den Pflegeberuf überhaupt sinnvoll oder wünschen Sie sich andere Maßnahmen von der Politik?
Bienstein: Mediale Kampagnen sind sicher auch geeignet, um das Image eines Berufs zu verbessern und mehr Menschen auf den Beruf aufmerksam zu machen. Gerade in den sogenannten Sozialen Berufen sieht es unserer Erfahrung nach so aus, dass viele einfach nicht wissen, welche Fachkompetenz von der jeweiligen Berufsgruppe gefordert ist. Das würde das Image des Berufs weit besser stärken als der Versuch den Beruf als cool darzu­stellen. Aber letzten Endes werden alle Kampagnen verpuffen, wenn sich die Rahmenbe­din­­gungen pflegerischer Arbeit nicht deutlich verbessern.

DÄ: Wo läuft die Anwerbung neuer Fachkräfte besser als in Deutschland?
Bienstein: Es gibt auch Positivbeispiele aus Deutschland. Aus Hamburg gibt es im Zuge der Kampagne „Das ist Pflege“ ein Video das auch mit Humor arbeitet und gleichzeitig echte Momente aus dem Pflegealltag zeigt.

Auf internationaler Ebene ist mir das Video zur „This is Nursing“-Kampagne des Royal College of Nursing of the United Kingdom aufgefallen. Hier werden in schnellem Schnitt unterschiedlichste Situationen aus der Pflege und der Ausbildung gezeigt, die sehr emo­tional sind. Pflege wird dort klar als lohnenswerte Herausforderung gezeigt, die beson­dere Anforderungen an besondere Menschen stellt. Wir wünschen uns, dass eine solche Sichtweise auf die Pflege auch in Deutschland herrschen würde. © alir/aerzteblatt.de

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