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Ausland

Kein Richtungswechsel in Schweden trotz zweiter Coronawelle

Dienstag, 27. Oktober 2020

/picture alliance, TT NYHETSBYRAN, Claudio Bresciani

Stockholm – Während in Deutschland und einer Reihe anderer europäischer Länder die Coronarestriktionen zur Eindämmung der zweiten Infektionswelle derzeit verschärft wer­den, geht Schweden im Umgang mit der Pandemie weiterhin seinen viel diskutierten Son­derweg.

In dem skandinavischen Land gilt weiter keine Maskenpflicht, von Maßnahmen wie einer nächtlichen Ausgangssperre ist keine Rede. Einige Empfehlungen zum Umgang mit der Pandemie haben die schwedischen Behörden zwar verschärft, zugleich wurden Maßga­ben für Senioren aber gelockert.

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Dabei nimmt auch in Schweden die Zahl der täglichen Neuinfektionen mit SARS-CoV-2 seit Mitte September zu. Vergangenen Donnerstag meldeten die Behörden mit 1.614 Neu­ansteckungen binnen 24 Stunden den höchsten Wert seit Juni.

Gegen Schwedens Strategie spricht auch, dass das Land während der ersten Welle eine der höchsten Sterberaten in Europa hatte. In dem 10,2-Millionen-Einwohner-Staat star­ben bereits mehr als 5.930 Menschen an den Folgen einer Infektion mit SARS-CoV-2. An­gesichts der zweiten Infektionswelle nehmen die Behörden jetzt Anpassungen vor.

Seit Anfang vergangener Woche wird den Bewohnern der Universitätsstadt Uppsala ange­sichts deutlich gestiegener Infektionszahlen zu Semesterbeginn geraten, öffentliche Ver­kehrsmittel und physische Kontakte zu Menschen außerhalb des eigenen Haushalts zu meiden. Die Empfehlungen für die 70 Kilometer von Stockholm entfernte Stadt gelten bis zum 3. November.

Schwedens Chefepidemiologe Anders Tegnell warnt aber entschieden vor landesweiten Restriktionen. „Die Leute können sich an so strenge Anweisungen nur eine begrenzte Zeit lang halten und das Timing ist entscheidend“, mahnt er. „Wir dürfen nicht zu früh anfan­gen und auch nicht zu lange warten.“

Schweden zählt zu den wenigen Ländern, die nicht das Tragen eines Mund-Nasen-Schut­zes zur Eindämmung des Coronavirus empfehlen. Die Gesundheitsbehörde sieht für eine Schutzwirkung der Masken keine ausreichenden Belege.

In der Hauptstadt Stockholm scheint das Leben trotz Corona seinen normalen Gang zu gehen. Fast niemand trägt eine Maske, Bahnen und Busse sind oft voll. Geschäfte und Restaurants sind auch in Pandemiezeiten weiterhin uneingeschränkt geöffnet.

Mehrere Umfragen ergaben allerdings, dass 80 Prozent der Schweden ihr Verhalten we­gen der Pandemie geändert haben. Sie scheinen den Aufforderungen der Behörden zu folgen, verstärkt im Homeoffice zu arbeiten, ihre persönlichen Kontakte einzuschränken und sich öfter die Hände zu waschen.

Tatsächlich sind die Schweden für ihre Disziplin beim Einhalten von Regeln für das Mit­ein­ander bekannt. Auch Roger Palmqvist, ein Stockholmer um die 60, vertraut deshalb auf die Coronastrategie der Regierung. Möglicherweise würde Schwedens Strategie nicht überall funktionieren und niemand zwinge andere Länder zu diesem Vorgehen, sagte er. „Aber die Schweden sind so, wissen Sie, die halten sich an die Regeln.“

Diese Regeln kommen ab und an auf den Prüfstand. Am vergangenen Donnerstag verkün­dete die Regierung von Stefan Löfven Einschränkungen für Nachtclubs und nahm zu­gleich überraschend die seit Beginn der Pandemie geltende Empfehlung zurück, Men­schen ab 70 Jahren sollten zu Hause bleiben. Als Grund wurde das Risiko genannt, dass die Senioren wegen ihrer Isolation Gesundheitsprobleme wie Depressionen bekommen.

Bereits Anfang Oktober war das Besuchsverbot in Altenheimen aufgehoben worden. Es zählte zu den wenigen strengen Restriktionen in Schweden. Weiterhin verboten sind An­sammlungen von mehr als 50 Menschen, bei Kultur- und Sportereignissen wurde die Ober­grenze jüngst auf 300 Zuschauer angehoben.

Gerade zu Beginn der Pandemie warfen viele Kritiker Schweden vor, mit ihrer Politik eine Art Russisch Roulette zu spielen und hohe Opferzahlen insbesondere bei alten Menschen in Kauf zu nehmen. Aus Sicht des Chefs der schwedischen Behörde für öffentliche Ge­sundheit, Johan Carlson, zeigt das Hin und Her bei Lockdown-Maßnahmen in anderen Ländern aber, dass dieses Vorgehen kein „Weg ist, dem man folgen sollte“.

Und auch die Regierung in Stockholm betont, dass die Coronamaßnahmen langfristig durchsetzbar sein müssen. Schließlich sei der Kampf gegen die Pandemie „ein Marathon und kein Sprint“. © afp/aerzteblatt.de

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Avatar #760158
wilhem
am Mittwoch, 28. Oktober 2020, 13:03

Passte zu Ihren Enlasssungen zu Masken

Sie posten auch oft dieselben Links, also ....
Avatar #745246
Andre B.
am Mittwoch, 28. Oktober 2020, 13:00

@wilhem - Warum wiederholt ...?

Die gleichen Links wurden von Ihnen doch schon in einem anderen Thread zur Verfügung gestellt. Warum also ist es nötig, diese jetzt erneut in die Diskussion einzubringen, denn Wiederholungen führen auch nur sehr selten zu neuen Erkenntnissen dies bezüglich.
Avatar #760158
wilhem
am Mittwoch, 28. Oktober 2020, 12:46

Masken

Effectiveness of Face Masks in Preventing Airborne Transmission of SARS-CoV-2
https://msphere.asm.org/content/5/5/e00637-20

"Low-cost measurement of face mask efficacy for filtering expelled droplets during speech".
Artikel:
https://advances.sciencemag.org/content/6/36/eabd3083?te=1&nl=running&emc=edit_ru_20200822
Autoren u.a.:
Eric Charles Westman
https://scholars.duke.edu/person/ewestman
Warren S. Warren
https://scholar.google.com/citations?hl=de&user=KHuz_EMAAAAJ&view_op=list_works&sortby=pubdate
Martin Fischer
https://scholar.google.com/citations?hl=en&user=iHeiZEMAAAAJ&view_op=list_works&sortby=pubdate
David Grass
https://scholar.google.com/citations?hl=en&user=uQ4PgrwAAAAJ&view_op=list_works&sortby=pubdate

Als Preprint ist der Artikel bereits am 22.06.2020 auf medRxiv erschienen:
https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.06.19.20132969v1

"To mask or not to mask: Modeling the potential for face mask use by the general public to curtail the COVID-19 pandemic"
( https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2468042720300117 )
"In conclusion, our findings suggest that face mask use should be as nearly universal (i.e., nation-wide) as possible and implemented without delay, even if most masks are homemade and of relatively low quality. This measure could contribute greatly to controlling the COVID-19 pandemic, with the benefit greatest in conjunction with other non-pharmaceutical interventions that reduce community transmission. Despite uncertainty, the potential for benefit, the lack of obvious harm, and the precautionary principle lead us to strongly recommend as close to universal (homemade, unless medical masks can be used without diverting healthcare supply) mask use by the general public as possible."
Avatar #745246
Andre B.
am Mittwoch, 28. Oktober 2020, 12:43

Herr Tegnell ist inzwischen auch auf "Bewährung"

Herr Prof. Tegnell muss inzwischen natürlich sehr vorsichtig sein was eine Äußerungen angeht, denn seine getroffenen Empfehlungen haben in der Vergangenheit bereits große Kontroversen verursacht. Tegnell wurde im März 2019 wegen seines Vorgehens in dem von ihm mitentschiedenen Massenimpfprogramm gegen die Schweinegrippe scharf kritisiert. Von 5 Millionen um das Jahr 2009 geimpften Schweden führte die Impfung bei ca. 500 jüngeren Patienten zu einer Narkolepsie. Narkolepsie ist eine Tagesschläfrigkeit, die zur Gruppe der Schlafsüchte zählt.

"Tegnell nahm die Ergebnisse durchwachsen auf und sagte über den Impfstoff Pandemrix, von dem seit 2009 bekannt ist, dass er neurologische Veränderungen hervorrufen kann: „Es ist schwierig, 400 Kinder mit Narkolepsie gegen 100 Tote aufzuwiegen.“

Zum Tragen von Masken äußerte er sich aber ebebfalls sehr kritisch:

"Am 10. August 2020 sagte Tegnell der Bild vor dem Hintergrund in Schweden stark gefallener Infektionszahlen zu einer allgemeinen Maskenpflicht: „Das Resultat, das man durch die Masken erzeugen konnte, ist erstaunlich schwach, obwohl so viele Menschen sie weltweit tragen. Es überrascht mich, dass wir nicht mehr oder bessere Studien darüber haben, welche Effekte die Masken tatsächlich herbeiführen. Länder wie Spanien oder Belgien haben ihre Bevölkerung Masken tragen lassen – trotzdem gingen die Infektionszahlen hoch. Zu glauben, dass Masken unser Problem lösen können, ist jedenfalls sehr gefährlich."

>>> https://de.wikipedia.org/wiki/Anders_Tegnell
Avatar #760158
wilhem
am Mittwoch, 28. Oktober 2020, 10:34

Anders Tegnell: “Herdenimmunität anzustreben, ist weder ethisch noch sonst wie vertretbar”


Berlin, 27. Oktober 2020: Schweden verfolge keinen “Laissez-faire-Ansatz” in der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie. Das sagte der Staatsepidemiologe Schwedens, Anders Tegnell, im Interview mit ZEIT ONLINE. Der Leiter der schwedischen Behörde für öffentliche Gesundheit (Folkhälsomyndigheten) sagte: “Wir haben auf freiwillige Maßnahmen gesetzt, das stimmt. Aber die Schweden haben ihr Verhalten stärker verändert als fast alle anderen Europäer.”
Der Mediziner Tegnell sagte, Schweden strebe keine Herdenimmunität an: “Herdenimmunität anzustreben, ist weder ethisch noch sonst wie vertretbar. Selbst wenn jüngere Menschen weniger schwere Verläufe haben und seltener sterben – es kann dennoch vorkommen. Das zu akzeptieren, ist aus einer Perspektive der öffentlichen Gesundheit nicht gut.” Außerdem gebe es in der Geschichte keine Infektionskrankheit, bei der eine Herdenimmunität ohne Impfung die Übertragung vollends aufgehalten habe. Das werde auch bei Covid-19 nicht passieren.
Hätte man eine Herdenimmunität angestrebt, so Tegnell, “hätten wir uns als Gesundheitsbehörde völlig anders verhalten. Dann hätten wir den Menschen empfohlen, rauszugehen, so viele Leute wie möglich zu treffen und diese seltsamen Corona-Partys zu feiern.” Stattdessen arbeite man “hart daran, das Virus einzudämmen”, und wolle in Schweden “das Infektionsniveau in der gesamten Bevölkerung so niedrig wie möglich halten”.
Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern gab es in Schweden im Frühjahr keinen teilweisen Lockdown, also kein weitgehendes Herunterfahren des öffentlichen Lebens. Diese Entscheidung verteidigte Anders Tegnell im Interview mit ZEIT ONLINE: “Ein Lockdown hat gravierende Konsequenzen.” Berichte aus verschiedenen Ländern zeigten, dass Kinder Angstprobleme entwickelten, dass es mehr häusliche Gewalt und mehr Arbeitslosigkeit gebe. “Das muss Teil der Diskussion sein, wenn wir über den Nutzen solcher Maßnahmen sprechen”, sagte Tegnell. Hinzu komme, dass Lockdowns keine langfristige Lösung in der Pandemiebekämpfung seien. Solche langfristigen Lösungen seien aber für die Akzeptanz der Maßnahmen wichtig, so Tegnell. In Schweden gelten seit März fast durchgehend dieselben Regeln, etwa ein Verbot von Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern. Außerdem sind Schulen nur für jüngere Schüler geöffnet.
In Schweden gibt es seit Beginn der Pandemie keine Maskenpflicht, auch nächtliche Ausgangssperren, wie es sie in anderen europäischen Ländern gibt, diskutiert das Land nicht. Seit Ende September steigen auch in Schweden die Neuinfektionen. Besonders hoch sind die Infektionszahlen in der Universitätsstadt Uppsala. Die Behörden raten den Bewohnerinnen dort, öffentliche Verkehrsmittel und Kontakte zu Menschen außerhalb des eigenen Haushalts zu meiden.
Rund 5.900 Menschen sind in dem Zehn-Millionen-Einwohner-Land bisher an den Folgen von Covid-19 gestorben. Dass in Schweden anteilig viel mehr Menschen starben als in den skandinavischen Nachbarländern oder Deutschland, führt Tegnell vor allem auf Ausbrüche in Pflegeeinrichtungen im Frühjahr zurück. Er sei zuversichtlich, dass es in diesem Herbst besser gelingen werde, alte und vulnerable Gruppen zu schützen. Tegnell: “Man muss zwei Dinge auseinanderhalten: unsere Gesamtstrategie und Schwedens Schwachstelle, die Pflegeeinrichtungen.”
Avatar #781744
eprichter
am Dienstag, 27. Oktober 2020, 15:40

Sterberate in Schweden niedriger als in Artikel angegeben

Die Sterberate in Schweden ist vergleichsweise niedrig im Vergleich zu anderen europäischen Ländern (Frankreich, Spanien, Niederlande, UK) das kann abgelesen werden an der standardisierten Übersterblichkeitswerten, die durch das European mortality monitoring auf https://www.euromomo.eu/graphs-and-maps abrufbar sind.
LNS

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