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Medizin

Long COVID: Hinterlässt die Erkrankung langfristige kognitive Störungen?

Mittwoch, 28. Oktober 2020

/psdesign1 - stock.adobe.com

London – Patienten, die sich von einer Infektion mit SARS-CoV-2 erholt hatten, erzielten in einem „Intelligenztest“, den der Sender „BBC2 Horizon“ derzeit im Internet durchführt, schlechtere Ergebnisse als der Rest der Teilnehmer. Der Rückstand entspricht nach den in medRxiv (2020; DOI: 10.1101/2020.10.20.20215863) veröffentlichten Ergebnissen etwa 8,5 IQ-Punkten in einem Standard-Intelligenztest oder einer frühzeitigen Alterung um 10 Jahre. Die Aussagekraft der Studie ist nach Einschätzung von Experten jedoch gering.

Der „Great British Intelligence Test“ wurde im Dezember letzten Jahres als Citizen Science Projekt begonnen. Die Bevölkerung ist aufgerufen, im Internet 9 kurze Tests zu verschiedenen kognitiven Fähigkeiten zu absolvieren. Es handelt sich nicht um einen Intelligenztest im klassischen Sinn, der vermutlich die Geduld vieler Teilnehmer überfordern würde. Der Test ist außerdem so gestaltet, dass auch Menschen mit leichten kognitiven Einschränkungen ihn durchführen können.

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Nach den kognitiven Tests werden die Teilnehmer gebeten, einen detaillierten Fragebogen zu ihrem soziodemografischen, wirtschaftlichen und beruflichen Hintergrund sowie zum Lebensstil auszufüllen. Seit Mai werden die Teilnehmer als Reaktion auf die Pandemie auch nach einer SARS-CoV-2-Infektion und nach Begleiterkrankungen gefragt, die das Risiko auf einen schweren Verlauf von COVID-19 erhöhen.

Ein Team um Adam Hampshire vom Imperial College London hat die Antworten von 84.285 Teilnehmern ausgewertet, von denen 3.466 angaben, zuletzt eine Atemwegserkrankung durchgemacht zu haben. Die meisten hatten aufgrund einer leichten Erkrankung auf medizinische Hilfe verzichtet, 176 waren ambulant behandelt worden, 147 waren im Krankenhaus ohne Beatmung versorgt worden, weitere 60 Patienten mussten zwischenzeitig mechanisch beatmet werden. Die meisten davon gehörten zu einer Gruppe von 361 Teilnehmern, bei denen SARS-CoV-2 in einem Abstrich nachgewiesen wurde.

Die Auswertung ergab, dass die Teilnehmer, die angaben, sich von COVID-19 erholt zu haben, in den Tests schlechtere Ergebnisse erzielten. Das Ausmaß der Defizite nahm mit dem Grad der Behandlung bei Atembeschwerden zu. Am größten waren sie bei den Personen, die im Krankenhaus behandelt werden mussten, vor allem aber, wenn sie dort mechanisch beatmet wurden.

Die Schwächen betrafen vor allem die semantischen Fähigkeiten (Wortdefinitionen, verbale Analogien). Hier schnitten vor allem die beatmeten Patienten besonders schlecht ab. Vermindert, wenn auch in einem geringeren Ausmaß, war auch die visuelle Aufmerksamkeit. Hier gab es keine Unterschiede zwischen den nur hospitalisierten Patienten und denen, die auch mechanisch beatmet werden mussten. Die geringsten Ausfälle gab es im räumlichen Arbeitsgedächtnis.

Die Defizite waren „nicht unwesentlich“, schreibt Hampshire. Bei den mechanisch beatmeten Patienten entsprächen sie dem durchschnittlichen Rückgang der globalen Leistung im Verlauf von 10 Lebensjahren. Die Defizite waren größer als bei 512 Teilnehmern mit einem Schlaganfall in der Vorgeschichte und auch größer als bei 1.016 Teilnehmern mit bekannten Lernschwächen. In einem klassischen Intelligenztest würden die Defizite der mechanisch beatmeten Patienten laut Hampshire 8,5 IQ-Punkte betragen.

Die vom Londoner Science Media Center befragten Experten wiesen auf einige Schwächen der Studie hin. So sei unklar, ob die Defizite tatsächlich auf die Infektion mit SARS-CoV-2 zurückzuführen sind. Tatsächlich ist bekannt, dass mechanisch beatmete Patienten auch bei anderen Krankheiten häufiger eine längere Zeit benötigen, um sich mental zu erholen. Die Studie macht keine Aussagen darüber, wie lange die Erkrankung bei der Befragung zurück lag. Offen ist auch, ob die Störungen von Dauer sind.

Eine weitere Schwäche (aller Querschnittsstudien) ist, dass sie keinen Vorher-Nachher-Vergleich ermöglicht. Es ist deshalb nicht auszuschließen, dass die Betroffenen bereits vor ihrer Erkrankung kognitive Störungen aufwiesen (etwa aufgrund ihrer Grunderkrankungen). Hampshire glaubt allerdings, den Einfluss der Vorerkrankungen mit statistischen Methoden ausschließen zu können. Auch der Einfluss von anderen Residualsymptomen der Erkrankung sei gering, will heißen, dass die Patienten sich ansonsten von der Erkrankung erholt haben.

Die Ergebnisse der Studie dürften in der Presse auf einen fruchtbaren Boden fallen. Dort finden sich derzeit viele Berichte über ein „Long-COVID“-Syndrom („brain fog“), über die einige Patienten klagen. Nachrichten über die „long haulers“ stoßen beim Publikum auf eine starke Resonanz, da sie Ängste erzeugen könnten und deshalb zu einer selektiven Berichterstattung führen. Tatsache ist allerdings, dass es bei COVID-19 zu zentralnervösen Komplikationen kommen kann. Die Entwicklung von kognitiven Störungen wäre biologisch plausibel. Wie häufig sie sind und wie lange sie anhalten, lässt sich nach Ansicht der Experten jedoch derzeit nicht abschätzen.

© rme/aerzteblatt.de
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Kommentare

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Avatar #661910
kueltigin
am Donnerstag, 29. Oktober 2020, 07:12

Ehrlich?

Was ist mit allgemein hospitalisierten und beatmeten Patienten? Es ist schon lange bekannt dass bei ihnen der İQ sinkt. Hat also per se nichts mit COVİD zu tun.
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