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Politik

Studie: Restart-Autoren präsentieren Hygienekonzept für Großveranstaltungen

Donnerstag, 29. Oktober 2020

Probanden bei dem Konzertversuch Restart 19 im August 2020 in Leipzig/ picture alliance, Hendrik Schmidt

Halle – Keine Vollauslastung, keine Stehkonzerte, Maskenpflicht und Essen nur noch am Platz. Das sind nur einige der Empfehlungen, die die Autoren der Studie Restart-19 heute in Halle vorstellten.

Im August hatten die Wissenschaftler der Universitätsmedizin Halle mit Unterstützung der Länder Sachsen-Anhalt und Sachen in Leipzig die weltweit erste Untersuchung dazu durchgeführt, unter welchen Bedingungen Großveranstaltungen auch in der Pandemie noch stattfinden könnten.

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Es sei geradezu Schicksal, dass die Vorstellung der Ergebnisse quasi parallel zur Regie­rungserklärung der Kanzlerin stattfinde, erklärte Michael Gekle, Dekan der Universitäts­medizin Halle, der durch die Präsentation führte. Denn Kultur- und Sportstätten sollen nun vorübergehend wieder schließen – unabhängig von ihrem Hygienekonzept.

„Was die Kanzlerin sagt, gilt jetzt erst mal“, erklärte auch Sachsen-Anhalts Minister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung, Armin Willingmann. Doch es gelte schon jetzt, Vorbereitungen für die Zeit zu treffen, wenn sich der Zustand wieder etwas nor­ma­lisiert habe.

Und für diese Vorbereitung präsentierten die Autoren um Stefan Moritz, Leiter der Infek­tiologie an der Universitätsmedizin Halle, einen umfassenden Maßnahmenkatalog. Rund 1.400 Probanden hatten dafür im Sommer ein Konzert des Sängers Tim Bendzko besucht und dabei drei verschiedene Hygienekonzepte durchgespielt.

Dabei hatte jeder Proband einen elektronischen Tracker dabei, der unablässig Daten auf­zeichnete. Aus diesen Daten erstellten die Forscher mehrere Modelle, unter anderem da­zu, wie viele für eine Infektion relevante Kontakte bei Großveranstaltungen unter ver­schie­denen Bedingungen zustande kommen.

Nur noch Kontakt mit einer Person

Beim ersten der drei Szenarien, dass den Normalbetrieb widerspiegelt sollte und die Veranstaltungshalle mit bis zu 8.000 Menschen ohne Abstände gefüllt hätte, würden den Angaben zufolge pro Person knapp 60 Kontakte zusammenkommen, etwa neun davon länger als 15 Minuten.

Bei Szenario zwei und drei wurden den Angaben zufolge mehrere Einlässe geöffnet, das Catering nach Sitzplatzbereichen aufgeteilt sowie Abstände zwischen Sitzplätzen und Toiletten eingerichtet. Im strengsten Szenario drei hätten dabei nur noch zwei Personen zusammengesessen, jeweils im Abstand von 1,50 Metern zu anderen Zuschauern.

Auf diese Weise passten nur knapp 1.700 Menschen in die Halle. Es sei aber auch zu nur noch einem für eine Infektion bedeutsamen Kontakt von mehr als 15 Minuten gekommen – mit dem direkten Sitzbachbarn. Es sei davon auszugehen, dass es sich dabei in der Re­gel um eine Person aus dem gleichen Haushalt handele, so Moritz.

„In Szenario drei kommt es nur noch zu vier Prozent der Begegnungen im Verhältnis zur vollbesetzten Halle im Szenario eins“, erklärte Moritz.

Die Empfehlung des Wissenschaft­lers: Ausschließlich Sitzkonzerte, strenge Regulierung bei Einlässen und Pausen, damit keine unnötigen Wartezeiten entstehen. Viele Eingänge, Essen und Trinken möglichst nur am Platz. „So lässt sich die Anzahl der Kontakte auf den Sitzpartner reduzieren. Der Sitzplan fixiert die möglichen Kontakte“, so Moritz.

Verteilung der Aerosole untersucht

Mit einem aufwendigen Studiendesign hatten die Wissenschaftler auch die Verteilung der Aerosole in der Halle gemessen. Dabei verglichen sie unter anderem das in der Arena Leip­zig vorhandene Lüftungskonzept mit Belüftungsanlagen unter den Sitzen und an der Decke sowie Abzugvorrichtungen an allen vier Hallenecken mit einem alternativen Kon­zept einer Ablüftungsanlage an der Decke.

„Das alternative Lüftungskonzept erwies sich als deutlich schlechter“, so Moritz. Ganze Seen an Aerosolen hätten sich im simulierten Modell am Computer im Zuschauerraum ausgebreitet. Der einzelne Zuschauer hätte deutlich mehr Fremdaerosole eingeatmet als er direkte Kontakte gehabt hätte.

Welches Belüftungssystem nun optimal für die pandemische Lage ist, ließ sich anhand der Ergebnisse nicht feststellen. „Aber wir konnten zeigen, dass eine adäquate Raumluft­technik sehr wichtig ist“, so Moritz. Die Autoren schlagen vor, ein Bewertungssystem für Belüftungsanlagen zu erstellen und Investitionsprogramme von Bund und Ländern auf­zulegen, um Veranstaltungsstätten bei der Umrüstung zu unterstützen.

Darüber hinaus erstellten die Forschenden ein epidemiologisches Modell, das zeigen soll, welche Konsequenzen eine Großveranstaltung für die pandemische Lage der Veranstal­tungsstadt oder -region bedeuten kann.

Rafael Mikolajczyk, Direktor des Instituts für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik an der Universitätsmedizin Halle, und sein Team zogen als Grundlage eine Stu­die aus dem Jahr 2007 heran, in der die Kontaktstrukturen der Menschen in europäi­schen Städten gemessen wurden.

Unter Berücksichtigung dessen, wie viele Kontakte Menschen im eigenen Haushalt, durch Arbeit und Schule sowie in der Öffentlichkeit täglich haben, berechneten die Autoren, wie viel mehr Ansteckungen durch eine Großveranstaltung entstehen könnten.

„Veranstaltungen ohne Hygienekonzept können ein hohes Risiko darstellen und eine große Bedeutung für die Pandemie haben“, so Mikolajczyk. Die Studie habe aber gezeigt, dass ein geeignetes Konzept dieses Risiko merklich minimieren kann.

Bei einer Inzidenz von 100 Fällen pro 100.000 Einwohner pro Woche, was nach aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts in etwa dem derzeitigen Stand in Deutschland ent­spricht, käme es bei einer Veranstaltung mit geeigneter Belüftung, bei der alle Teilneh­mer Masken tragen und das strengste der drei möglichen Hygienekonzepte befolgt wird, den Angaben zufolge zu nur einer zusätzlichen Ansteckung.

Die Forscher gingen dabei davon aus, dass ein Mund-Nasen-Schutz das Ansteckungsrisiko im Schnitt um knapp 50 Prozent reduziert. Bei gleicher Ausgangslage, aber einer schlech­ten Belüftung, keinerlei Hygienekonzept und keiner Maskenpflicht könne es im Schnitt zu 70 Ansteckungen kommen. Für den Raum Leipzig würden dies zusätzlich zu den rund 2.400 Fällen pro Monat weitere 170 Ansteckungen bedeuten.

Basierend auf den Ergebnissen schlug Moritz vor, bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von un­ter 50 das zweite Szenario anzuwenden und die maximale Zuschauerzahl pro Woche auf 50 Prozent der üblichen Auslastung des Veranstaltungsortes zu deckeln. Liege die Sieben-Tage-Inzidenz bei über 50 sei das strengste Szenario sinnvoll sowie eine Deckelung der Zuschauer auf 25 Prozent der üblichen Hallenkapazität.

Zudem sollten Veranstalter darüber nachdenken, wie in der Studie sogenannte Hygiene-Stewards einzusetzen, die das Einhalten der Maskenpflicht überprüfen. „Ein normaler Mund-Nasen-Schutz reicht unserer Meinung nach aus“, ergänzte Moritz.

Bei der Studie hatten alle Teilnehmer höher filtrierende FFP2-Masken getragen, ein Groß­teil hatte aber in einer anschließenden Umfrage angegeben, diese als unangenehm em­pfunden zu haben. Über 70 Prozent erklärten aber, einen normalen Mund-Nasen-Schutz bei einer Veranstaltung tragen zu wollen. © alir/aerzteblatt.de

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