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Medizin

Psilocybin: Psychedelische Droge lindert in Studie schwere Depressionen

Mittwoch, 18. November 2020

/kichigin19, stock.adobe.com

Baltimore – Die zweimalige Gabe von Psilocybin, einem in bestimmten Pilzen enthal­tenen Halluzinogen, hat, unterstützt durch eine Psychotherapie, in einer randomisierten „Proof of Principle“-Studie das Gemüt von Patienten mit mittelschweren bis schweren Depressionen innerhalb eines Tages aufgehellt.

Bei etwa der Hälfte der Patienten wurde laut dem Bericht in JAMA Psychiatry (JAMA, 2020; DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2020.3285) eine Remission der Depression erzielt, die über mindestens 8 Wochen anhielt.

Nach der Einnahme von Psilocybin kommt es zu visuellen und akustischen Halluzina­tionen und Bewusstseinsveränderungen, die einige Stunden anhalten. Die auf dieser „Reise“ gemachten Erfahrungen sollen Menschen mit Depressionen und anderen men­talen Störungen helfen, ihre ständig wiederkehrenden Gedanken und Ängste beiseite zu legen und sich mit neuem Lebensmut von ihrer psychischen Krise zu befreien.

So ließen sich laienhaft die Effekte beschreiben, die Neuropsychiater auf die Stimulation von sero­toninergen und glutaminergen Neuronen im Cortex cerebri zurückführen.

Ein Team um Roland Griffiths vom Johns Hopkins Center for Psychedelic and Consciousness Research in Baltimore experimentiert seit einigen Jahren mit der Droge aus den „Zauberpilzen“, die er den Patienten in Gelatinekapseln zusammen mit einem Glas Wasser verabreicht. Vor 4 Jahren hat sein Team über positive Ergebnisse an 51 Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen berichtet, die nach der Behandlung von ihren Depressionen und existenziellen Ängsten befreit wurden.

Jetzt stellen die Forscher die Ergebnisse einer weiteren Studie vor, an der 24 Patienten teilnahmen, die im Alter von 40 Jahren seit durchschnittlich 21,5 Jahren immer wieder unter Depressionen litten. Die aktuelle Episode hatte seit etwa 24 Monaten angehalten, als sie zur Studienteilnahme eingeladen wurden: 13 Patienten wurden sofort behandelt, die anderen 11 mussten 8 Wochen warten. Sie dienten in dieser Zeit als Vergleichs­gruppe.

Die Behandlung bestand aus der zweimaligen Gabe von Psilocybin im Abstand von weniger als 2 Wochen. Die Patienten wurden in mehreren Sitzungen auf die Einahme des Halluzinogens vorbereitet. Sie erfolgte in einem Raum, der wie ein Wohnzimmer aus­staffiert war.

Die Teilnehmer wurden gebeten, es sich auf einer Couch bequem zu machen, nachdem sie das Mittel eingenommen hatten. Sie setzten eine Schlafmaske auf und hörten während der Behandlung entspannende Musik.

Während des etwa 5-stündigen Aufent­haltes waren 2 Betreuer anwesend. In den folgenden Tagen wurden die psychedelischen Erfahrungen mit den Therapeuten aufbereitet.

Primärer Endpunkt waren die Veränderungen in der GRID-Hamilton-Skala, einem Standardinstrument zur Bewertung von Depressionen. Ein Wert von 24 oder mehr zeigt eine schwere Depression an, eine mittelschwere Depression liegt bei 17 bis 23 Punkten, eine leichte bei 8 bis 16 Punkten vor, während 7 oder weniger Punkte als normaler Gemütszustand bewertet werden.

Vor Beginn der Studie hatten die Teilnehmer einen GRID-Hamilton-Score von 22,8 Punkten, 1 Woche später war er auf 8,0 gefallen und 4 Wochen nach der Behandlung lag der Wert im Durchschnitt noch bei 8,5 Punkten. In der Vergleichsgruppe hatte sich der GRID-Hamilton-Score mit 23,8 und 23,5 Punkten erwartungsgemäß nicht verändert.

Die Wirkung der Behandlung setzte rasch ein. Bereits am Tag nach der Behandlung be­richteten die Patienten im „Quick Inventory of Depressive Symptomatology-Self Rated“ von einer deutlichen Verbesserung ihres Gemütszustands.

Die Effektstärke war nach Einschätzung von Griffiths 2,5 Mal größer als bei einer Psycho­therapie und mehr als 4 Mal größer als bei konventionellen Antidepressiva. Insgesamt 16 Teilnehmer (67 %) befanden sich nach 1 Woche und 17 Patienten (71 %) nach 4 Wochen in einer klinischen Remission (definiert als mindestens 50-prozentige Reduktion des GRID-Hamilton-Scores).

Bei 14 Teilnehmern (58 %) war der GRID-Hamilton-Score nach 1 Woche und bei 13 (54 %) nach 4 Wochen auf einen Wert von 7 oder weniger gefallen, was eine weitgehende Symptomfreiheit anzeigt.

Griffiths vergleicht die Wirkung mit der von Ketamin, die vermutlich ebenfalls über den Glutamatrezeptor vermittelt wird und in den klinischen Studien ebenfalls rasch eintrat (während dies bei konventionellen Antidepressiva erst nach mehreren Wochen der Fall ist). Die Wirkung von Ketamin hält ebenfalls über mehrere Wochen an.

Die mehrmalige Anwendung von Ketamin ist wegen einer möglichen Abhängigkeit prob­lematisch, während Psilocybin in dieser Hinsicht, jedenfalls nach Ansicht von Griffiths, unbedenklich ist. Die Pilotstudie kann die Wirkung – und die Sicherheit – jedoch nicht abschließend belegen. Der Stellenwert der Behandlung dürfte von den Ergebnissen größerer Studien abhängen, so diese denn zustande kommen. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #836436
BigBang
am Dienstag, 24. November 2020, 08:09

Psychedelische Droge

Hatte in einer Doku aus der Schweiz angeschaut indem psychisch Kranke und Menschen die an Depressionen erkrankt waren wurden mit LSD therapiert und sehe da es hilft. Leider muss man schweitzer Staatsbürger sein um damit behandelt zu werden. Ich bin an paranoide Schizophrenie mit schwerer Depressionen erkrankt. Warum wird etwas verboten was einem helfen kann verdammt nochmal ?!
Avatar #79783
Practicus
am Sonntag, 22. November 2020, 00:48

Crux des BtMG

Durch die Einordnung psychotroper Substanzen als nicht verkehrsfähige Betäubungsmittel ist ein spezifisch deutsches Handicap.
BtM dürfen ausschließlich zur Krankenbehandlung eingesetzt werden - und zwar nur in den bekannten Indikationen.
Das verbietet jegliche Studien, bei denen ja die Stoffe gesunden Probanden verabreicht werden müssen.
Deshalb gibt es bis heute zB keine verkehrsmedizinisch validierte Untersuchung zu den Auswirkungen von Cannabis auf die Fahrtauglichkeit, da die BtM-Verabreichung auch im Ausland für deutsche Forscher verboten ist.
Studien mit Psilocybin laufen in Basel und Zürich seit vielen Jahren, die Briten forschen an Extasy (MMDA) bei der Suchtbehandlung, auch mit LSD laufen entsprechende Projekte - in Deutschland rechtlich unmöglich...
Avatar #790904
Christian Leppla-Zei
am Samstag, 21. November 2020, 13:50

Mal sehen, wann das in der Praxis ankommt

Ein amerikanischer Autor wies auf diese Studien in einem seiner letzten Bücher hin. Er nahm alle bekannten Halluzinogene im Selbstversuch und traf danach die führenden Forscher zu Gesprächen. Spannend, das gerade die USA auch hier wieder mal Vorreiter sind - siehe Thema Hanf.

Die Ergebnisse/Hinweise, dass bereits 1-2 Sitzungen bei langjährig bestehenden Depressionen zu tiefgreifenden Verbesserungen führten, sollte jeden Mediziner hellhörig werden lassen. Die Hersteller der gängigen Antidpressiva bekommen von solchen Meldungen vmtl eher selbst Depressionen...
Avatar #836044
Christine Salzer
am Samstag, 21. November 2020, 12:59

BÄK-Zuständigkeit fürs Update des BTMG

Es wird wohl dasselbe Elend wie beim Hanf: jeder der sich gegen Psychopharmaka wehrt, bekommt die Indikation um die Ohren gehauen, schlimmstenfalls anhand gemutmaßter Gefährdungslagen. Aber sobald es um die Zuordnung von Wirkstoffen zum BTMG geht, ist allein der Toxikologe zuständig, der wiederum ablehnt irgendein Gift irgendwo als indiziert zu bewerten. Die Dosis der Pandora ist dank Berufshaftpflichtversicherern selten als LD50 nachgewiesen worden und wird wohl auch nach Mengele mangels Sammelklagen im Patientenrecht ewig Geheimnis des Quacksalbers an der nächsten Straßenecke bleiben, falls der überhaupt Buch über seine Kundschaft führt.

https://www.bfarm.de/DE/Bundesopiumstelle/Betaeubungsmittel/_node.html
LNS

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