NewsMedizinStudie: Sterberisiko von Krebspatienten steigt bereits nach kurzen Therapie­verzögerungen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Studie: Sterberisiko von Krebspatienten steigt bereits nach kurzen Therapie­verzögerungen

Donnerstag, 5. November 2020

/ArtushFoto, stock.adobe.com

Kingston/Kanada –Eine frühzeitige Therapie kann bei vielen Krebserkrankungen die Überlebenschancen erhöhen. Ein Einfluss war in einer Meta-Analyse im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2020; 371: m4087) für die Behandlung von einigen häufigen Krebserkrankungen bereits nach 4 Wochen nachweisbar.

Krebszellen zeigen im Prinzip ein ähnliches exponentielles Wachstum wie derzeit die SARS-CoV-2-Viren. Zunächst bleibt die Erkrankung lange Zeit unbemerkt. Wenn die ersten Symptome auftreten, kann das Wachstum, wenn überhaupt, nur noch durch radikale Maßnahmen gestoppt werden, die bei Krebs in einer Operation, einer Chemotherapie oder Immuntherapie und/oder in einer Bestrahlung bestehen. Bei einigen Tumoren wie dem Prostatakarzinom ist keine Eile geboten. In vielen Fällen wird die weitere Entwicklung abgewartet, um die Patienten vor den Folgen der Therapie zu schützen. Das andere Extrem bildet eine akute Leukämie, die unbehandelt innerhalb weniger Wochen zum Tod führt.

Bei vielen Patienten kommen heute modale Therapien zum Einsatz, deren Planung und Abstimmung Zeit erfordert. Bei vielen Erkrankungen gibt es aber auch Wartezeiten, die sich aus den begrenzten Behandlungskapazitäten ergeben. Dieses Problem hat sich während der COVID-19-Epidemie vielerorts verschärft, weil die Patienten die Behandlungen hinauszögern, was später zu einer zusätzlichen Engpässen führt.

Britische und kanadische Forscher haben jetzt versucht, in einer Meta-Analyse den Einfluss von Therapieverzögerungen auf die Mortalität zu berechnen. Dies ist nur bedingt möglich, da es für viele Erkrankungen keine zuverlässigen Daten gibt und retrospektive Beobachtungsstudien immer mit Verzerrungen verbunden sind. So kann es sein, dass schlechtere Ergebnisse bei einem späteren Therapiebeginn darauf zurückzuführen sind, dass Ärzte (bewusst oder unbewusst) bei Engpässen zunächst jene Patienten bevorzugen, deren Überlebenschancen sie am höchsten einstufen.

Die von einem Team um Timothy Hanna von der Queen’s University in Kingston/Kanada und Ajay Aggarwal von der London School of Hygiene and Tropical Medicine in England vorgestellten Ergebnisse sind deshalb mit Vorbehalt zu interpretieren. Die Untersuchung basiert auf der systematischen Analyse von 34 Studien zu 17 verschiedenen Krebser­krankungen, die von einer Behandlung profitieren. Für 13 dieser Indikationen waren negative Auswirkungen einer Therapieverzögerung auf die Sterblichkeit nachweisbar.

Das Hinauszögern einer Operation um 4 Wochen war bei Kopf- und Hals-Tumoren mit einem Anstieg des Sterberisikos um 6 Prozent verbunden (Hazard Ratio 1,06; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,04 bis 1,08). Beim Brustkrebs kann eine verspätete Operation ebenfalls das Sterberisiko erhöhen (Hazard Ratio 1,08; 1,03 bis 1,13). Bei Lungenkrebs war dagegen kein signifikanter Zusammenhang feststellbar (Hazard Ratio 1,06; 0,93 bis 1,19).

Eine vierwöchige Verzögerung einer neoadjuvanten systemischen Behandlung war beim Blasenkrebs mit einem deutlichen Anstieg des Sterberisikos verbunden (Hazard Ratio 1,24; 1,03 bis 1,50). Bei Brustkrebs betrug die Hazard Ratio bei einer Verzögerung der adjuvanten Therapie 1,09 (1,07 bis 1,11) und bei einer Verzögerung der neoadjuvanten Behandlung 1,28 (1,05 bis 1,56).

Beim Kolorektalkarzinom ging die Verzögerung der Chemotherapie mit einer Verschlech­terung der Prognose einher (Hazard Ratio 1,13; 1,09 bis 1,17). Für die adjuvante Chemotherapie des nicht-kleinzelligen Lungenkrebs war die Assoziation bei einer Hazard Ratio von 1,01 (0,99 bis 1,04) minimal und nicht signifikant. Ähnliches traf auf die adjuvante Chemotherapie der Blase zu (Hazard Ratio 1,04; 0,98 bis 1,11).

Die Daten zur Strahlentherapie waren begrenzt, sind laut Hanna und Aggarwal jedoch mit einem Anstieg der Mortalität bei einer Verzögerung vereinbar. Die Hazard Ratio betrug bei Kopf- und Hals-Tumoren nach 4 Wochen 1,09 (1,05 bis 1,14) und für die adjuvante Strahlentherapie beim Zervixkarzinom 1,23 (1,00 bis 1,50). Eine verzögerte adjuvante Strahlentherapie nach einer brusterhaltenden Operation blieb dagegen in den ersten 4 Wochen ohne negative Auswirkungen (Hazard Ratio 0,98; 0,88 bis 1,09).

Die Auswirkungen stiegen bei einer Verzögerung um 8 oder 12 Wochen weiter an. Eine um 8 Wochen hinausgezögerte Brustkrebsoperation ist laut der Meta-Analyse mit einem um 17 Prozent erhöhten Sterberisiko verbunden. Bei einer Verzögerung um 12 Wochen stieg das Sterberisiko sogar um 26 Prozent. Bei häufigen Erkrankungen wie dem Mammakarzinom könnten Therapieverzögerungen auf Bevölkerungsebene zu einer spürbaren Übersterb­lichkeit führen. Wenn alle Brustkrebsoperationen um 12 Wochen hinausgeschoben werden müssten, könnte dies für Großbritannien jedes Jahr mit 1.400 zusätzlichen Todesfällen verbunden sein./rme © afp/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

30. November 2020
Berlin – Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in einer Adventsbotschaft Hoffnung auf die Überwindung der Coronakrise gemacht. „Die Pandemie wird uns die Zukunft nicht nehmen“, schrieb
Steinmeier und Merkel rufen zu Geduld bei Einhaltung der Coronaauflagen auf
30. November 2020
Berlin – Die meisten SARS-CoV-2-Übertragungen im Krankenhaus finden von einem Mitarbeiter auf einen anderen Mitarbeiter statt. Das erklärte die Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin
COVID-19 im Krankenhaus: Übertragungen finden meist im Pausenraum statt
30. November 2020
Potsdam – Brandenburgs Ge­sund­heits­mi­nis­terin Ursula Nonnemacher (Grüne) ist wegen einer Coronainfektion im familiären Umfeld in häuslicher Quarantäne. Das teilte Ministeriumssprecher Gabriel Hesse
Brandenburgs Ge­sund­heits­mi­nis­terin in Quarantäne
30. November 2020
Berlin – Als Konsequenz aus der Coronakrise will der Bund in Deutschland an 19 Standorten eine nationale Gesundheitsreserve mit wichtigem Material wie Schutzmasken aufbauen. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter
Regierung beschließt Aufbau nationaler Notfallreserve für Schutzausrüstung
30. November 2020
Berlin – Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) geht nach jetzigem Stand davon aus, dass der erste Coronaimpfstoff gegen SARS-Cov-2 Mitte Dezember zugelassen wird. „Das macht mich schon auch
Spahn rechnet mit SARS-CoV-2-Impfstoffzulassung Mitte Dezember
30. November 2020
Berlin – Die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci sieht beim Einsatz von Antigenschnelltests in der Coronapandemie noch Hürden. Für dieses Jahr seien für Berlin sechs Millionen dieser Tests
Kalayci sieht rechtliche Hürden bei Antigenschnelltests
30. November 2020
Berlin – Die Berliner Coronaampel ist zum ersten Mal seit der Einführung im Mai auch beim Kriterium Intensivbettenbelegung auf Rot gesprungen. Der gestern nachgemeldete Samstag-Wert von 25,3 Prozent
LNS LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER