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Politik

Intensivpflegekräfte stellen sich auf steigende Arbeitsbelastung ein

Dienstag, 10. November 2020

/picture alliance, Marijan Murat

Hamburg/Bonn – Deutsche Intensivpflegende stellen sich darauf ein, dass die Intensiv­stationen den gesamten Winter über vorwiegend mit COVID-19-Patienten gefüllt sein werden.

„Aktuell sind sechs unserer zwölf Intensivbetten mit SARS-CoV-2-Infizierten be­legt“, sagt Tobias Ochmann, der als Fachkrankenpfleger für Intensivpflege in einem Ham­burger Krankenhaus der Schwerpunktversorgung arbeitet.

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„Schon in einigen Wochen wird aber vermutlich die gesamte Station mit COVID-19-Pa­tienten belegt sein. Dann wird auch die Arbeitsbelastung wieder deutlich ansteigen. Und ich fürchte, das wird den ganzen Winter so anhalten.“

Die Versorgung von COVID-19-Patienten sei „maximal aufwendig“, erklärte Ochmann. Zum einen koste das An- und Ausziehen der Schutzausrüstung viel Zeit. Manchmal benö­tige man dafür sogar die Unterstützung von Kollegen.

Zum anderen seien die Patienten sehr krank und das Therapiemanagement und die damit verbundenen pflegerischen Maßnahmen seien entsprechend komplex. „Die teilweise stundenlang andauernde Arbeit in der Schutzausrüstung ist zudem eine hohe körperliche Belastung“, betonte er. Denn die Ausrüstung sei weder klimatisiert noch atmungsaktiv.

Versorgung ist sehr aufwendig

Im Frühjahr seien viele Patienten intubiert gewesen. „Bei ihnen war das medikamentöse Therapieregime sehr aufwendig. Hinzu kamen zum Beispiel die Delirprophylaxe oder die Notwendigkeit, sie mit Tubus von Zeit zu Zeit auf den Bauch zu wenden. Das geht nur mit viel Erfahrung und hohem Personal- und Zeitaufwand.“

Heute würden die Patienten eher später intubiert als noch im Frühjahr. „Deshalb sind sie jetzt oftmals wach und wir sprechen viel mit ihnen“, so Ochmann. „Denn sie bekommen schlecht Luft und haben große Angst zu sterben.“

Ochmann hält es für wahrscheinlich, dass die Intensivstationen in Deutschland aufgrund der Personalsituation schnell an ihre Kapazitätsgrenzen kommen werden. Er hält es aber für falsch, mit SARS-CoV-2 infizierte, aber symptomfreie Pflegende in der aktuellen Situa­tion zur Arbeit zu zwingen – so, wie es heute bereits mancherorts passiere.

„Über viele Jahre und Jahrzehnte wurde es versäumt, den Pflegemangel im Krankenhaus und speziell in der Intensivmedizin zu bekämpfen“, sagte Ochmann, der auch stellver­tre­tender Sprecher der Sektion Pflege in der Deutschen Gesellschaft für Internistische In­ten­sivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) ist. Für die politischen Versäumnisse der Vergan­genheit nun die Gesundheit der Intensiv­pfle­genden zu gefährden, sei „das völlig falsche Signal“.

Intensivpflegende nicht verheizen

In der DGIIN engagiert sich auch der Intensivpfleger Carsten Hermes als Sprecher der Sek­tion Pflege. „Man darf die Pflegenden nicht schon in dieser Phase der Pandemie ver­heizen“, meint er.

„Sollte es dazu kommen, dass wir eine Katastrophenmedizin durchführen müssen und keine anderen Optionen bestehen, wäre es angemessen, infiziertes, symptomfreies Pfle­gepersonal arbeiten zu lassen.“

Aber noch nicht in der aktuellen Lage. Jetzt gehe es darum, das Personal zu schonen. Und dazu gehöre, dass Krankenhäuser ihr Elektivprogramm aussetzten, wenn es um medizi­nisch nicht akut notwendige Operationen gehe. „Das muss dann vor Ort in jedem Einzel­fall entschieden werden“, so Hermes.

Solange es finanzielle Anreize beziehungsweise Notwendigkeiten gebe, das Elektivpro­gramm aufrechtzuerhalten, würden viele Krankenhausträger dies jedoch tun. „Da verhal­ten sich die Kliniken wie normale Bürger vor dem Lockdown: Bis zur letzten Minute wird ausgereizt, was juristisch möglich ist“, sagte Hermes.

Er glaubt, dass die derzeit im DIVI-Intensivregister als frei gemeldeten Intensivbetten nur mithilfe zusätzlichen Personals betrieben werden können. „Aus meiner Sicht werden schon heute alle Intensivbetten, die betrieben werden können, auch betrieben. Dazu ge­hören manchmal auch die auf dem Flur“, sagte er.

„Dafür sind sie ja da und meine Erfahrung zeigt: Erst, wenn sich ein Bett nicht mehr rech­net oder wenn das für die Betreibung notwendige Personal definitiv nicht vorhanden ist beziehungsweise Leiharbeiter zu teuer sind, wird ein Bett wirklich gesperrt.“

4.000 bis 5.000 offene Stellen

Das größte Problem in der zweiten Welle der Coronapandemie ist für Hermes der Perso­nal­mangel in der Intensivpflege. Hermes geht davon aus, dass es auf den Intensivstatio­nen derzeit etwa 4.000 bis 5.000 offene Stellen gibt.

„Genau weiß das niemand, weil diese Zahlen nicht erhoben werden“, sagte er. „Wir wissen in Deutschland nicht, welche Pflegekräfte mit welcher Qualifikation wo eingesetzt wer­den. Unter anderem dafür ist die Einrichtung von Pflegekammern so wichtig.“

Hermes untermauert die Bedeutung von ausreichend vorhandenen und erfahrenen Inten­siv­pfle­gen­den. „Je besser der Pflegeschlüssel – qualitativ und quantitativ – ist, desto bes­ser ist auch das Outcome für die Patienten“, sagte er. „Das gilt natürlich auch und gerade für COVID-19-Patienten, weil ihre Behandlung sehr personalintensiv ist.“

Patienten, die auf Intensivstationen mit einer ausreichenden Personalbesetzung behan­delt werden, hätten insofern eine größere Chance auf ein gutes Outcome – nicht nur im Hinblick auf das reine Überleben, sondern auch im Hinblick auf ein gutes funktionelles und kognitives Outcome.

Sinkende Motivation

„Schon lange vor der Coronapandemie gab es in nahezu allen Intensivstationen einen Pflegepersonalmangel“, sagte Ochmann. „Darauf weisen wir schon seit langem hin. Wir wurden nur nie gehört. Erst jetzt, wenn hochrangige Mediziner dieses Problem ebenfalls beschreiben, kommt es auf die politische Tagesordnung. Das zeigt natürlich auch die bis­herige Wertschätzung und Wahrnehmung unseres Berufs.“

„Pflege ist keine ärztliche Disziplin“, betont Hermes. „Obgleich die inhaltlichen Äußerun­gen von Medizinern zum Beispiel der DGIIN oft sehr richtig sind, kommt die eigentliche Profession nicht öffentlichkeitswirksam zu Wort und kann spezifische Unterschiede zwi­schen den Disziplinen nicht aufzeigen.“

Aus Hermes´ Sicht sind die Intensivpflegenden in der aktuellen zweiten Pandemiewelle nicht mehr so motiviert wie während der ersten. Das geht auch aus einer Umfrage der DGIIN hervor, deren Ergebnisse im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht wurden.

„Es wird verstärkt Ausfälle geben: durch eine Infektion mit COVID-19, durch eine andere Erkrankung, aber auch dadurch, dass sich die Pflegenden in der jetzigen Situation um ihre Familie kümmern müssen“, meint Hermes. Und da viele Intensivpflegenden in Teil­zeit arbeiteten und daher nicht der Hauptverdiener in der Familie seien, seien sie es, die zu Hause blieben und dort alles am Laufen hielten.

Aus der Umfrage geht auch hervor, dass die Hälfte der Teilnehmer Ressentiments aus der Gesellschaft bemerkt hätten, da sie beruflich Kontakt mit COVID-19-Patienten haben. „Da gehört der Ausschluss aus dem Sportverein oder aus privaten Zusammenkünften ebenso dazu wie die Bitte, den Supermarkt vielleicht ein anderes Mal aufzusuchen, wie Mitglie­der der Sektion selbst erlebt haben“, berichtet Hermes.

Fehlerhafte Schutzausrüstung

„Leider ist nach wie vor auch die Schutzausrüstung ein Thema in den Intensivstationen“, sagte Ochmann. „Hier sind die Unterschiede erheblich. Zwar gibt es in vielen Intensivsta­tio­nen ausreichend Schutzausrüstung, doch die Qualität ist zum Teil sehr schlecht.“ Man­che Stationen hätten hingegen deutlich zu wenig adäquates Schutzmaterial für ihre Mit­ar­beiter.

„Vor kurzem erst habe ich eine Anfrage von einem Kollegen bekommen, ob er eine FFP2-Maske ohne CE-Zertifizierung im einem OP-Saal einsetzen dürfe, in dem ein COVID-19-Patient operiert wird“, berichtet Hermes.

„Das darf er eigentlich natürlich nicht. Aus meiner Sicht liegen derzeit noch manche Zen­trallager mit Schutzausrüstungen voll, die im Frühjahr aus der Not heraus eingekauft wur­den. Statt diese teilweise fehlerhaften Ausrüstungen jedoch wegzuschmeißen, wer­den sie mancherorts aus wirtschaftlichen Grünen eingesetzt – unter Gefährdung der Ge­sundheit von Mitarbeitern und Patienten. Das ist ein Skandal.“

Verbindliche Personalschlüssel

„Wir müssen so schnell es geht das Problem des Personalmangels in der Pflege lösen“, sagte Hermes. „Denn nur so können wir die Arbeitsbedingungen auf den Intensivstatio­nen verbessern.“ Wichtig dafür sei die Einführung und die Einhaltung verbindlicher Perso­nalschlüssel.

Zudem müssten Personalverantwortliche verstehen, dass Pflege sehr viel mehr sei als eine reine patientennahe Tätigkeit. „Aufgaben zum Beispiel in der Praxisanleitung, der Forschung und der Gesundheitsfürsorge gehören ebenso dazu und müssen zwingend in die Stellenschlüssel eingerechnet werden“, fordert Hermes.

„Wichtig ist auch, dass die Pflege erlösrelevant wird und von den Krankenhäusern nicht als Kostenfaktor gesehen wird“, meint Ochmann. „Dafür müsste man anhand spezieller In­dikatoren die Qualität und den Aufwand der Pflege messen und entsprechend vergüten.“

„Wir würden uns wünschen, dass man jetzt in der Pandemie die richtigen Schlüsse für die Zukunft zieht“, erklären Ochmann und Hermes. „Mit einer besseren Personalausstattung, einer deutlich besseren, der Verantwortung angemessenen Bezahlung und abrechenba­ren pflegerischen Qualitätsvorgaben könnten wir eine tatsächliche Wertschätzung für das Pflegepersonal ausdrücken und die Arbeitsbedingungen verbessern. In der Folge würde man dann auch besser mit einer Pandemie umgehen können.“ © fos/aerzteblatt.de

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Avatar #88255
doc.nemo
am Dienstag, 10. November 2020, 14:37

Kein Problem!

Pflegepersonalmangel? Niedersachsen hat vorgemacht, wie man mit dem Problem umgehen kann: dort wurde eben mal flugs die Wochenarbeitszeit für Pflegekräfte per Allgemeinverfügung auf 60 Stunden hochgesetzt. Und wenn das nicht reicht? Wo sich per Federstrich das Grundgesetz teilweise außer Kraft setzten lässt, wird man doch wohl so ein popliges Arbeitszeitgesetz temporär abschalten können. Die Woche hat 168 Stunden, das wird doch wohl reichen, um alle anfallenden Aufgaben erledigen zu können, oder? Zur Not gibt es ja auch noch die Dienstverpflichtung…
LNS

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