szmtag Androgenetische Alopezie: Erhöht Finasterid das Suizidrisiko?
NewsMedizinAndrogenetische Alopezie: Erhöht Finasterid das Suizidrisiko?
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Androgenetische Alopezie: Erhöht Finasterid das Suizidrisiko?

Dienstag, 24. November 2020

/cunaplus, stock.adobe.com

Boston – Kann der Wirkstoff Finasterid, der die Steroid-5alpha-Reduktase hemmt und damit möglicherweise die Konzentration eines Neurosteroids im Gehirn senkt, bei jungen Männern, die das Mittel zur Behandlung einer androgenetischen Alopezie einnehmen, schwere Depressionen bis hin zum Suizid auslösen?

Oder haben die Berichte über Selbstmorde, die vor allem in der angelsächsischen Presse für Aufsehen sorgen, zu einer verzerrten Wahrnehmung von Selbstmorden bei jungen Männern geführt, die aufgrund ihrer Haarlosigkeit unter psychischen Problemen litten?

US-Forscher versuchten, die Frage in JAMA Dermatology (2020; DOI: 10.1001/jamadermatol.2020.3385) mit einer Analyse der Datenbank VigiBase zu lösen.

Finasterid wurde ursprünglich zur Behandlung der benignen Prostatahyperplasie entwickelt. Das Mittel kann die Prostata verkleinern und damit den Harnfluss verbessern. Zu den Nebenwirkungen gehört jedoch eine erektile Dysfunktion, wobei nicht ganz klar ist, ob die Potenzstörungen über das Ende der Behandlung hinaus anhalten. Die US-Fachinfor­mationen weisen seit 2012 auf diese Möglichkeit hin, die vor allem jüngere Anwender psychisch belasten könnte.

Seit der Änderung der Fachinformationen ist es in verschiedenen Pharmakovigilanz-Datenbanken zu einem Anstieg der Meldungen von unerwünschten Arzneimittel­wirkungen (UAW) zu psychischen Gesundheitsproblemen bei jüngeren Anwendern gekommen bis hin zu Suiziden. In den USA hat sich im selben Jahr eine Selbsthilfegruppe gegründet, die sich seither um die Anerkennung eines „Post-Finasterid-Syndroms“ bemüht.

In den Zulassungsstudien sind keine psychischen Störungen aufgefallen. Ihre Erfassung ist jedoch schwierig, da es sich um subjektive Symptome handelt, die nicht durch Labor­tests und andere Routineuntersuchungen erfasst werden. Die Studien zu Finasterid wurden zudem überwiegend an älteren Patienten mit Prostatahyperplasie durchgeführt, bei denen es später keine UAW-Meldungen von unerwünschten Arzneimittelwirkungen gab.

Ein Team um Quoc-Dien Trinh vom Brigham and Women’s Hospital in Boston hat jetzt die UAW-Meldungen zu Finasterid ausgewertet, die die Vigilanzdatenbank VigiBase der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) gesammelt hat. Bis Mitte 2019 sind dort 356 UAW-Meldungen zur Suizidalität und 2.926 UAW-Meldungen zu psychischen Störungen einge­gangen, fast alle aus Amerika und Europa.

Die Forscher haben mit einer „disproportionality analysis“ untersucht, ob sich hinter den Meldungen ein Sicherheitssignal verbirgt. Die Analyse prüft, ob die UAW-Meldungen zu Finasterid häufiger auftraten als der Durchschnitt der UAW-Meldungen zu anderen Wirkstoffen. Das Ergebnis ist die Reporting Odds Ratio (ROR).

Trinh ermittelt für die Suizidalität eine ROR von 1,63, die mit einem 95-%-Konfidenz­intervall von 1,47 bis 1,81 signifikant war. Für psychische Nebenwirkungen betrug die ROR sogar 4,33 (4,17 bis 4,49). Beides spricht dafür, dass es nach der Einnahme von Finasterid tatsächlich zu Problemen kommen könnte, wobei sie auf jüngere Männer beschränkt zu sein scheinen, die das Mittel zur Behandlung einer androgenetischen Alopezie anwendeten.

Die Ergebnisse aus 2 Sensitivitätsanalysen sprechen allerdings gegen den Verdacht. Die erste zeigt, dass die Meldungen erst seit 2012 angestiegen sind. Vorher war in der Analyse kein Sicherheitssignal nachweisbar. Dies spricht dafür, dass die Medienmel­dungen nach 2012 den Anstieg der Meldungen ausgelöst haben könnten, was zu einem „Reporting bias“ geführt haben könnte.

Das zweite Gegenargument liefert eine Analyse zu Dutasterid, das einen ähnlichen (aber nicht völlig identischen) Wirkungsmechanismus hat wie Finasterid. In den UAW-Meldungen fanden sich keine Hinweise auf ein „Post-Dutasterid-Syndrom“.

Auch Minoxidil, das einen anderen Wirkungsmechanismus hat, wurde nach der Anwen­dung bei der androgenetischen Alopezie nicht mit psychischen Problemen in Verbindung gebracht. Dies spricht gegen die Annahme, das die androgenetische Alopezie und nicht deren Behandlung für die Suizidalität verantwortlich ist.

Nach Ansicht des Editorialisten Roger S. Ho von der Grossman School of Medicine in New York kann die Studie den Verdacht am Ende weder bestätigen noch widerlegen. Den verordnenden Ärzten bliebe in dieser Situation nur die Möglichkeit, die Patienten bei der Verordnung auf die Kontroverse hinzuweisen und dann mit dem Patienten zu entschei­den, ob das Mittel für ihn die richtige Wahl ist. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS
VG WortLNS LNS LNS
Anzeige

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER