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Medizin

Kaiserschnitt: Anhaltende Störung der Darmflora erklärt erhöhtes Asthmarisiko

Dienstag, 17. November 2020

/picture alliance, GAETAN BALLY

Kopenhagen – Kinder erkranken nach einem Kaiserschnitt häufiger an Asthma, wenn sich ihre Darmflora bis zum Alter von einem Jahr nicht normalisiert hat. Das kam in einer prospektiven Kohortenstudie aus Dänemark in Science Translational Medicine (2020; DOI: 10.1126/scitranslmed.aax9929) heraus.

Frühere Studien hatten gezeigt, dass nach einer Sectio caesarea das Asthmarisiko für das Kind erhöht ist. Die Ursache war bisher nicht klar. Eine Vermutung ging dahin, dass die langsamere Entwicklung der Darmflora den Säugling empfänglicher macht für allergische Reaktionen.

Die Darmflora ist für den Aufbau einer normalen Immunität wichtig, weil das Immun­system die Vielfalt der Antigene, die die Mikroorganismen im Darm tragen, nutzt, um eine Toleranz gegenüber ungefährlichen Keimen zu entwickeln. Ohne sie steigt die Gefahr von späteren Immunreaktionen gegen harmlose Antigene, die sich klinisch als atopische Erkrankungen bemerkbar machen.

Die „Copenhagen Prospective Studies on Asthma in Childhood2010“ (COPSAC2010) bot die Möglichkeit, die Hypothese zu prüfen, da Stuhlproben der Säuglinge archiviert worden waren. Die Studie begleitet eine Kohorte von Kindern seit der Schwangerschaft ihrer Mütter.

Die Kinder wurden in den ersten 6 Lebensjahren regelmäßig untersucht. Im Alter von 1 Woche, 1 Monat und 1 Jahr wurden Stuhlproben gesammelt. Ein Team um Søren Sørensen von der Universität Kopenhagen hat die Zusammensetzung der Mikro­organismen analysieren lassen und mit späteren Asthmaerkrankungen in Verbindung gesetzt.

Von den 700 Kindern waren 151 (22 %) per Kaiserschnitt geboren worden. In der ersten Stuhlprobe nach einer Woche waren kaum Unterschiede in der Darmflora erkennbar. Die Darmflora befand sich in diesem Alter noch in einer frühen Entwicklungsphase.

Nach einem Monat hatte sich bei den vaginal geborenen Kindern bereits eine reich­haltige Darmflora ausgebildet. Bei den per Kaiserschnitt geborenen Kindern war die Artenvielfalt deutlich geringer. Forscher führen dies auf den fehlenden Anschub durch die vaginalen Bakterien zurück, die die Kinder bei einer natürlichen Geburt bei der Passage durch die Vagina aufnehmen. Bei einem Kaiserschnitt fehlt dieser Kontakt und die Entwicklung der Darmflora verzögert sich.

In der Regel holen die per Kaiserschnitt geborenen Kinder den Rückstand auf. Tatsächlich war bei den meisten nach einem Jahr kein Unterschied mehr zu den vaginal geborenen Kindern erkennbar. Es gab aber auch Kinder, bei denen es zu einer verzögerten Entwick­lung­ der Darmflora kam. Sørensen bezeichnet sie als Kaiserschnitt-Signatur, die er mit einem Score bewertet. Von den Kaiserschnitt-Kindern mit einem hohen Score im Alter von einem Jahr erkrankten bis zum Alter von 6 Jahren 20 % an Asthma.

Bei den Kaiserschnitt-Kindern mit einem niedrigen Score, sprich einer normalen frühen Entwicklung der Darmflora, betrug der Anteil nur 7 % und unterschied sich nicht wesent­lich von den vaginal geborenen Kindern, von denen 6 % an Asthma erkrankten. Für die Kaiserschnitt-Kinder mit einem hohen Score ermittelt Sørensen eine Odds Ratio von 3,56, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,09 bis 11,65 signifikant war.

Damit könnte die Kaiserschnitt-Signatur ein wesentlicher Grund für die erhöhte Asthma­neigung von Kindern nach einem Kaiserschnitt sein. Die Signatur war gekennzeichnet durch eine verminderte Häufigkeit von Bacteroides, Faecalibacterium, Roseburia, Ruminococcus, Akkermansia, Alistipes und Dialister und einer stärkeren Verbreitung von Veillonella.

Wie genau die Darmbakterien das Asthmarisiko erhöhen, ist nicht bekannt. Sørensen vermutet, dass eine geringere Produktion von mikrobiellen Metaboliten wie kurzkettigen Fettsäuren (SCFA) von Bedeutung ist. Die SCFA entstehen durch eine bakterielle Fermen­tation von Ballaststoffen. Die SCFA Butyrat und Propionat gelten als gesundheitsfördernd.

Butyrat wird unter anderem von Faecalibacterium, Roseburia, Ruminococcus und Anaerostipes produziert, während Arten in Bacteroides, Alistipes, Roseburia, Dialister und Akkermansia Propionat produzieren. SCFA sollen die Integrität der Darmbarriere verbes­sern und an der lokalen Immunabwehr gegen Krankheitserreger beitragen.

Sie könnten auch wichtig für die Regulation systemischer Immunantworten sein, indem sie die Expansion regulatorischer T-Zellen fördern, die einen bremsenden Einfluss auf das Immunsystem haben. © rme/aerzteblatt.de

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BjörnK
am Donnerstag, 19. November 2020, 13:10

...kleine Anmerkung, die vielleicht im Originalartikel enthalten sein könnte oder auch nicht...

Leider habe ich keinen Zugang zum Originalartikel, um die Datenintegrität zu prüfen - diese wird häufig nicht richtig geprüft. Folgendes ist damit (zu mindestens bei mir) unbekannt und wird vollständig halber von mir kurz umrissen.
Ein wesentlicher Einfluss auf das Ergebnis (Outcome->QUALY(1 Year, 2 Year,…)) der Schwangerschaft bzw. Geburt ist die technische / medizinische Umsetzung. Das heißt die Unterscheidung von I.) vaginaler; II.) primärer und II.) sekundärer sowie ein relativer elektive (ausdrücklicher Wunsch der Frau) Sectio. Insbesondere muss im Vorfeld evaluiert werden, ob (und wenn im welchen Ausmaß) eine „Fear of Childbirth“ FOC vorliegt – relativer elektiver Sectio. Bei einen Kaiserschnitt liegt in der Regel immer ein erniedrigter oder Mangel an Oxytocin vor. Daher müsste man diese Gruppen streng voneinander trennen.
Oxytocin wirkt bei der Schwangerschaft und Geburt hauptsächlich am Muskelgewebe der Gebärmutter. Die Zahl der Oxytocinrezeptoren steigt aus diesem Grund mit jeder Schwangerschaftswoche an. Gegen Ende der Schwangerschaft sowie unter der Geburt führt das Hormon zur Auslösung und Anpassung der Wehentätigkeit. Nach der Geburt bewirkt Oxytocin Kontraktionen der Milchgänge und regt die Produktion der Muttermilch an. Zusätzlich zum frei im Blut zirkulierenden Oxytocin wird dieses auch parallel im Gehirn freigesetzt, welches die Aktivität bestimmter Gruppen von Nervenzellen gezielt verändert. Es hilft, die Gefühle der Mitmenschen besser zu erkennen. So verstärkt Oxytocin bei beiden Geschlechtern das Vertrauen in Mitmenschen, macht bindungsfähiger, baut Stress ab und wirkt angstlösend. Bei einen Mangel / erniedrigte Werten kann es vorkommen, wie bei einer Sectio, dass das intuitive Verständnis der Bedürfnisse des Babys schwerer fällt, daher die Mütter sich schneller überfordert fühlen. Das Selbstverständnis im Umgang mit dem Kind stellt sich manchmal nicht so schnell ein oder das Stillen bereitet mehr Schwierigkeiten.Aus diesem Grund wird es auch „Kuschelhormon“, "Bindungshormon" oder „Treuehormon“ genannt wird.
So hat es einen großen Einfluss auf die Ausprägung der Mutter-Kind-Beziehung. Die hohen Oxytocin-Spiegel beim Stillen beruhigen die Mutter und senken bei ihr den Spiegel des Stresshormons Cortisol.
Bei erniedrigtem Oxytocinspiegel im letzten Schwangerschaftsdrittel kommt es häufiger zu einer Wochenbettdepression und Stillproblematiken.
LNS

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