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Medizin

Polypille beugt Herz-Krei­slauf-Erkrankungen in Schwellenländern vor

Dienstag, 17. November 2020

/peterschreiber.media, stock.adobe.com

Hamilton/Ontario und Bangalore/Indien – Die einmal tägliche Einnahme einer Kombi­nation aus einem Cholesterinsenker und 3 Blutdrucksenkern hat in einer Studie zur kardiovaskulären Primärprävention die Zahl der Herz-Kreislauf-Ereignisse in mehreren asiatischen Schwellenländern gesenkt.

Die Wirkung konnte nach den auf der Jahrestagung der American Heart Association vorgestellten und im New England Journal of Medicine (2020; DOI: 10.1056/NEJMoa2028220) publizierten Ergebnissen durch die zusätzliche Einnahme von niedrigdosiertem Acetylsalicylsäure (ASS) weiter verstärkt werden, ohne dass es zu einem Anstieg der Blutungsrisiken kam.

Bewegungsmangel und ein ungesunder Ernährungsstil haben dazu beigetragen, dass auch in den Schwellenländern die Zahl der Todesfälle an Herzinfarkt, Schlaganfall und anderen vermeidbaren Herz-Kreislauf-Erkrankungen ansteigt. Gleichzeitig ist das Gesundheitswesen vielerorts noch unterentwickelt.

Die Idee, die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch eine kostengünstige Polypille zu senken, die ohne medizinische Voruntersuchungen von älteren Menschen einge­nommen werden könnte, stößt deshalb gerade in den Schwellenländern auf großes Interesse.

Die Idee wurde vor 17 Jahren von Nicolas Wald vom Wolfson Institute of Präventive Medicine (IPM) im British Medical Journal (2003; DOI: 326: 1419-23) vorgestellt. Der Präventivmediziner rechnete damit, dass die Einahme eines Cholesterinsenkers (Atorvastatin oder Simvastatin) zusammen mit 3 blutdrucksenkenden Medikamenten (zum Beispiel einem Thiazid, einem Betablocker und einem ACE-Hemmer) jeweils in halber Standarddosis die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen um mehr als 80 % senken könnte.

Diese Vorhersage hat sich zwar als zu optimistisch erwiesen, eine gewisse protektive Wirkung war jetzt jedoch in der „International Polycap Study (TIPS)-3“ nachweisbar. An der Studie beteiligten sich 5.714 Personen aus neun Ländern. Fast 90 % kamen aus Indien, den Philippinen, Malaysia, Indonesien oder Bangladesch.

Das mittlere Alter war 63,9 Jahre und die meisten hatten kardiovaskuläre Risikofaktoren: 83,8 % hatten einen erhöhten Blutdruck oder eine Hypertonie, 36,7 % einen erhöhten Blutzucker oder einen Typ-2-Diabetes. Das mittlere LDL-Cholesterin war mit 120,7 mg/dl für das bestehende Herz-Kreislauf-Risiko zu hoch.

Die Teilnehmer nahmen über durchschnittlich 4,6 Jahre täglich eine Tablette ein, die bei einem Viertel eine Polypille mit 40 mg Simvastatin, 100 mg Atenolol, 25 mg Hydro­chlorothiazid und 10 mg Ramipril war. In einer zweiten Gruppe wurde die Polypille mit ASS in der niedrigen Dosierung von 75 mg kombiniert. Eine dritte Gruppe nahm nur ASS ein, die vierte erhielt ein doppeltes Placebo.

Primärer Endpunkt der Studie war ein kardiovaskuläres Ereignis (Myokardinfarkt, Schlaganfall, wiederbelebter Herzstillstand, Herzinsuffizienz oder Revaskularisierung) oder ein Herz-Kreislauf-Tod. In der Gruppe, die nur ASS erhielt, bestand der primäre Endpunkt nur aus einem Herzinfarkt, Schlaganfall oder einem Herz-Kreislauf-Tod.

Wie das Team um Salim Yusuf von der McMaster Universität in Hamilton/Ontario und Prem Pais vom St. John’s Research Institute (SJRI) in Bangalore/Indien berichten, trat der primäre Endpunkt in der Polypillengruppe bei 126 Teilnehmern (4,4 %) auf gegenüber 157 Teilnehmern (5,5 %) in der Placebogruppe. Das entspricht einer relativen Reduktion um 21 %. Die Hazard Ratio betrug 0,79 und war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,63 bis 1,00 signifikant.

Der Vorteil konnte durch die Kombination mit ASS noch einmal gesteigert werden. Der primäre Endpunkt trat dann bei 59 Teilnehmern (4,1 %) auf gegenüber 83 Teilnehmern (5,8 %) in der Placebogruppe. Dies entspricht einem Rückgang um 31 % (Hazard Ratio 0,69; 0,50 bis 0,97). Wenn die Analyse auf Personen beschränkt wurde, die die Polypille dauerhaft einnahmen, betrug die Reduktion sogar 39 % (Hazard Ratio 0,61; 0,41 bis 0,91).

Für die alleinige Einnahme von ASS war keine sichere präventive Wirkung nachweisbar. Der primäre Endpunkt trat in der ASS Gruppe bei 116 Teilnehmern (4,1 %) und in der Placebogruppe bei 134 Teilnehmern (4,7 %) auf. Die Hazard Ratio von 0,86 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,67 bis 1,10 nicht signifikant.

Die Wirkung der Polypille blieb damit hinter den Vorhersagen von Nicolas Wald zurück. Yusuf und Pais führen dies auf den relativ geringen Abfall des LDL-Cholesterins um 15,2 mm Hg und des Blutdrucks um 5,8/3,2 mm Hg zurück. In früheren Studien zur Polypille sei das LDL-Cholesterin doppelt so stark abgefallen und der Blutdruck um 1/3 stärker gesenkt worden, schreiben sie.

Dafür traten in der aktuellen Studie keine Sicherheitsprobleme auf. Die häufigsten Nebenwirkungen waren ein stärkerer Abfall des Blutdrucks (Hypotonie), Schwindel und Husten. Ein Anstieg von schweren Blutungen durch ASS ist ausgeblieben, was die Autoren auf die niedrige Dosis zurückführen. Personen mit Blutungen in der Vorgeschichte oder gastrointestinalen Symptomen waren jedoch von der Teilnahme ausgeschlossen.

Für Yusuf und Pais bestätigen die Ergebnisse das Konzept der Polypille. Sie sei eine kostengünstige Strategie, mit der die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen global um 30 % gesenkt werden könnte. Wenn die Hälfte aller Männer ab 50 Jahren und der Frauen ab 55 Jahren die Polypille und Aspirin einnehmen würde, könnten pro Jahr weltweit 3 bis 5 Millionen kardiovaskuläre Ereignisse vermieden werden, glaubt Yusuf, der an der McMaster University das Population Health Research Institute leitet. © rme/aerzteblatt.de

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Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
Avatar #737120
dokeszt
am Mittwoch, 18. November 2020, 10:36

Cave: kein signifikanter Unterschied im primären Endpunkt

"Die Hazard Ratio betrug 0,79 und war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,63 bis 1,00 signifikant."
Bei Einschluss von 1,00 im Konfidenzintervall ist die Hazard Ratio nicht signifikant.
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