NewsMedizinStudie stellt günstige Wirkung von Omega-3-Fettsäuren bei Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen infrage
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Studie stellt günstige Wirkung von Omega-3-Fettsäuren bei Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen infrage

Mittwoch, 18. November 2020

/dima_pics - stock.adobe.com

Cleveland/Ohio – Eine hochdosierte Behandlung mit Omega-3-Fettsäuren hat Patienten mit erhöhten Triglyzeriden und kardiometabolischen Vorerkrankungen in einer weltweiten Studie nicht vor (weiteren) Herz-Kreislauf-Erkrankungen geschützt.

Die auf der Jahrestagung der American Heart Association vorgestellten und im Ameri­kanischen Ärzteblatt Journal of American Medical Association (2020; DOI: 10.1001/jama.2020.22258) publizierten Ergebnisse stellen die Resultate früherer Studien infrage, zumal die Behandlung nicht ohne Nebenwirkungen blieb. Die Studie war im Januar vorzeitig abgebrochen worden als sich ein fehlender Nutzen abzeichnete.

Fischöl wird seit längerem eine protektive Wirkung nachgesagt. In den 1970er-Jahren wurde bereits beobachtet, dass Inuit, die sich überwiegend von Fisch ernähren, seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben als die übrige Bevölkerung.

Die protektive Wirkung wird auf die in Meeresfischen enthaltenen Omega-3-Fettsäuren zurückgeführt. Eine Reihe von Beobachtungsstudien hat seither gezeigt, dass eine hohe Zufuhr der verschiedenen Omega-3-Fettsäuren mit einer verminderten Rate von atherosklerotischen Erkrankungen verbunden ist.

Die Behandlung ist in der Bevölkerung populär und verschiedene Hersteller bieten Fischölkapseln als Nahrungsergänzungsmittel an. Der medizinische Nutzen ist allerdings unklar. Die Ergebnisse klinischer Studien waren nicht eindeutig. Eine Meta-Analyse auf der Basis von 10 Studien mit 47.803 Teilnehmern konnte vor 2 Jahren keinen lang­fristigen Vorteil der Behandlung auf die Rate von Herz-Kreislauf-Ereignissen erkennen (JAMA Cardiology, 2018; DOI: 10.1001/jamacardio.2017.5205).

Das Bild änderte sich im gleichen Jahr mit der Publikation der REDUCE-IT-Studie. Dort waren 8.179 Patienten mit erhöhten Triglyzeriden über 4,9 Jahre mit Icosapent oder Placebo behandelt worden. Das Präparat enthält Eicosapentaensäure (EPA), die zu den Omega-3-Fettsäuren gehört.

Es ist in den USA seit 2012 zur Behandlung der Hyper­triglyzeridämie zugelassen und die REDUCE-IT-Studie bestätigte, dass die hochdosierte Behandlung mit 4 Gramm/Tag die Zahl der schweren kardiovaskulären Ereignisse signifikant senkt (absolute Rate von 17,2 % gegenüber 22 %; Hazard Ratio 0,75; 0,68 bis 0,83).

Die STRENGTH-Studie sollte eine ähnliche Wirkung für ein weiteres Präparat zeigen, dass neben Eicosapentaensäure (EPA) mit Docosahexaensäure (DHA) noch eine weitere Omega-3-Fettsäure enthielt. An der doppelblinden multizentrischen Studie nahmen an 675 Zentren in Nordamerika, Europa, Südamerika, Asien, Australien, Neuseeland und Südafrika 13.078 Patienten mit einer Hypertriglyzeridämie teil, bei denen bereits kardiometabolische Erkrankungen vorlagen: Etwa 70 % der Patienten hatten einen Diabetes und 46 % eine koronare Herzkrankheit.

Die Patienten wurden auf eine Behandlung mit der EPA/DHA-Kombination in einer Dosis von 4 Gramm/Tag oder Placebo randomisiert. Die Behandlung erfolgte wie in der REDUCE-IT-Studie zusätzlich zur Standardtherapie, zu der auch die Behandlung mit Statinen gehört, die allerdings keine Wirkung auf die Triglyzeridkonzentration hat.

Die Behandlung mit der EPA/DHA-Kombination senkte erwartungsgemäß die Trigly­zeridwerte und zwar im gleichen Ausmaß wie die EPA-Monotherapie in der REDUCE-IT-Studie um etwa 18 %. Die erhoffte Auswirkung auf die schweren kardiovaskulären Ereignisse blieb jedoch aus.

Wie das Team um Steven Nissen vom Cleveland Clinic Heart and Vascular Institute berichtet, trat der primäre Endpunkt, ein Composite aus Myokardinfarkt, Schlaganfall, Koronar­revaskularisation, instabile Angina pectoris oder ein Herz-Kreislauf-Tod in der Omega-3-Gruppe bei 12,0 % der Patienten auf gegenüber 12,2 % in der Placebogruppe. Die Hazard Ratio von 0,99 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,90 bis 1,09 nicht signifikant.

Hinzu kommt, dass die Behandlung mit den Omega-3-Fettsäuren nicht von allen Patienten vertragen wurde. Es kam häufiger zu gastrointestinalen Nebenwirkungen als in der Placebogruppe (24,7 gegenüber 14,7 %). Das Medikament wurde häufiger abgesetzt (10,8 gegenüber 8,0 %) oder die Dosis reduziert (12,0 gegenüber 6,1 %). Ebenso wie in der REDUCE-IT-Studie kam es zu einer höheren Rate von Neuerkrankungen an Vorhofflimmern (2,2 gegenüber 1,3 %).

Dies deutet auf eine negative Nutzen-Risiko-Bilanz hin und der Hersteller hat die Studie nach den jetzt publizierten Zwischenergebnissen bereis im Januar diesen Jahres vorzeitig abgebrochen.

Die Kardiologen beschäftigen sich seither mit der Frage, warum die beiden Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen sind. An der Zusammensetzung der beiden Präparate kann es nach Ansicht der meisten Experten nicht gelegen haben, da der Rückgang der Triglyzeridwerte in beiden Studien gleich war.

Eine andere Erklärung könnte die unterschiedliche Wahl des Placebos gewesen sein. In der REDUCE-IT-Studie hatte es Mineralöl enthalten, in der STRENGTH-Studie Maisöl. Könnte es sein, dass das Mineralöl-Placebo eine toxische Wirkung hatte und die Behandlung deshalb nur scheinbar die Zahl der Herz-Kreislauf-Ereignisse gesenkt hat?

Ein Argument hierfür könnten die CRP-Werte sein. Dieser Entzündungsparameter stieg in der REDUCE-IT-Studie in der Placebogruppe von 2,1 auf 2,8 mg/l an. In der STRENGTH-Studie kam es dagegen zu einem tendenziellen Rückgang von 2,1 auf 1,8 mg/l. Der Anstieg hatte im November bereits die US-Arzneimittelbehörde FDA beschäftigt.

Die Experten waren damals jedoch der Ansicht, dass von dem hochaufgereinigten Mineralöl, das seit langem in Medikamenten als Zusatzstoff eingesetzt wird, kein Risiko ausgeht. Es wird in jedoch Medikamenten normalerweise nicht in der gleichen Dosis verabreicht wie in der STRENGTH-Studie. Es bleibt abzuwarten, ob die Ergebnisse der STRENGTH-Studie hier zu erneuten Sicherheitsüberlegungen führen werden. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

26. November 2020
Berlin – Viele Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch viele Präventionsmöglichkeiten sind auf der Ebene der Familie angesiedelt. Hier sollten daher auch Präventionsanstrengungen
Für Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Familien ansetzen
17. November 2020
Berlin – Zwischen Frauen und Männern bestehen Unterschiede bezüglich der Morbidität an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diese münden oft in einer ebenfalls unterschiedlichen Mortalität. „Wenn Frauen einen
Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen häufig unbeachtet
17. November 2020
Hamilton/Ontario und Bangalore/Indien – Die einmal tägliche Einnahme einer Kombination aus einem Cholesterinsenker und 3 Blutdrucksenkern hat in einer Studie zur kardiovaskulären Primärprävention die
Polypille beugt Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Schwellenländern vor
12. November 2020
Berlin – Wenn Herzpatienpatienten während der COVID-19-Pandemie aus Angst vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 Herzbeschwerden bagatellisieren, kann das zu einer höheren Sterblichkeit an
Herzbericht zeigt gute herzmedizinische Versorgung – auch während der Pandemie
11. November 2020
Houston – Die Injektion von Äthanol in die Vena obliqua atrii sinistri, auch als Marshall-Vene bekannt, hat in einer randomisierten Studie im Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2020; DOI:
Studie: Alkoholinjektion in die Marshall-Vene kann Vorhofflimmern beenden
29. Oktober 2020
Edmonton – Muskelkrämpfe sind bekanntlich weit verbreitet und treten in den verschiedensten Situationen auf. Ältere Erwachsene und Schwangere klagen häufig über Beinkrämpfe im Ruhezustand, Sportler
Der Nutzen von Magnesiumgaben bei Krämpfen
19. Oktober 2020
Berlin – Die Zellen im menschlichen Herzen sind vielgestaltiger und komplexer organisiert als bislang angenommen. Das berichtet ein internationales Wissenschaftlerteam in der Fachzeitschrift Nature
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER