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Mediziner warnen vor fehlgeleiteter Debatte über Suizidhilfe

Montag, 23. November 2020

/CameraCraft, stock.adobe.com

Kassel – Vor einer fehl­geleiteten Debatte über Selbsttötungen warnen derzeit 17 Suizid­forscher und Palliativmediziner in Deutschland. In einem vorgestern veröffentlichten Schreiben an den Autor Ferdinand von Schirach begrüßen sie die durch dessen Theater­stück und das Buch „Gott“ ausgelöste Debatte über Suizide.

Zugleich kritisierten sie aber, dass das heute Abend in der ARD als Film gezeigte Stück Verkürzungen und Verzerrungen enthalte. Auch fehlten die Positionen der modernen Sui­zidprävention. Schirachs Werk drehe sich zentral um die Frage, ob es ein Recht auf Suizid gebe, schreiben die Unterzeichner.

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Das sei aber gar nicht mehr groß umstritten. „Jeder hat das Recht, sich das Leben zu neh­men.“ Dieses Recht sei sogar die Grundlage für Suizidpräven­tion: „Denn wie soll man mit suizidgefährdeten Menschen in ein Gespräch kommen, wenn man ihnen dieses Recht abspricht?“

Entscheidend ist nach Darstellung der Mediziner aber die Frage, ob es einen Rechts­an­spruch auf einen assistierten Suizid gibt und ob dieser Anspruch den Menschen in Notla­gen gerecht wird.

In dieser Debatte werde oft übergangen, dass die meisten Menschen mit Suizidwunsch vor allem den Wunsch hätten, dass sich andere Menschen ihrer Not annähmen, mit ihnen einen gemeinsamen Ausweg aus der krisenhaften Situa­tion suchten und mit ihnen zu einer selbstbestimmten Entscheidung gelangten.

„Am Ende kann dies – wenn auch eher selten – in einen Suizid münden. Meist finden sich andere Lösungen. Allerdings endet diese Arbeit nicht darin, dem Protagonisten ein Sui­zid­­­­­mittel zur Verfügung zu stellen“, heißt es.

Schirachs „Gott“ negiere und entwerte die Arbeit von tausenden in Deutschland tätigen Medizinern, Psychiatern, Palliativmedizi­nern, Pflegekräften, Seelsorger, Mitarbeiter von Hospizen, Krisendiensten und Beratungs­stellen, der Polizei, Feuerwehr oder Ehrenamt­lichen, die mit suizidalen Menschen zu tun haben. Diese Menschen kommen nicht zu Wort.“

Viel zu kurz kommt nach Ansicht der Unterzeichner in Schirachs Werk auch die Frage, welche Folgen ein Suizid für Familie, Freunde und das Umfeld hat. „Was tun wir mit dem assistierten Suizid auch uns, unseren Beziehungen, unseren Leidenden und Kranken, unseren Alten und nicht zuletzt der Zukunft unserer Gesellschaft an?“

Unterzeichnet ist das Schreiben unter anderem vom Palliativmediziner Lukas Radbruch, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin ist, den Palliativme­di­zinern Roman Rolke, Friedemann Nauck, Christoph Ostgathe und Arno Drinkmann, der Pflegewissenschaftlerin Henrikje Stanze oder den Psychiatern und Psychologen Ute Le­witzka und Andreas Reif.

Die ARD strahlt heute den Fernsehfilm zu Ferdinand von Schirachs neuem Theaterstück „Gott“ aus. In dem Stück, das im September auf mehreren Bühnen Premiere hatte und auch als Buch herausgekommen ist, werden in einem fiktionalen Ethikrat Themen wie Beihilfe zum Suizid, Selbstbestimmung am Lebensende und die Frage debattiert, wem mein Leben gehört.

Die Zuschauer sind eingeladen, nach der Sendung multimedial abzustimmen und mitzu­diskutieren. Das Ergebnis wird anschließend Thema in der Sendung „Hart aber fair“.

Im Februar hatte das Bundesverfassungsgericht ein weit reichendes Recht auf ein selbst­bestimmtes Sterben formuliert. Es schließe die Freiheit ein, auch die Hilfe Dritter in An­spruch zu nehmen, so die Karlsruher Richter. © kna/aerzteblatt.de

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