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Psychiater wollen Maßnahmen zum Schutz psychischer Gesundheit

Freitag, 27. November 2020

/zakalinka, stock.adobe.com

Berlin – Die SARS-CoV-2-Pandemie hat Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, insbesondere wegen der sozialen Isolation, die im Sinne des Infektionsschutzes not­wen­dig ist.

Darauf hat Andreas Heinz, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psycho­therapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), anlässlich des Jahreskongresses hingewiesen, der zurzeit (26. - 28. November) digital stattfindet.

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Der Kongress steht unter dem Leitthema „Psychiatrie und Psychotherapie in der sozialen Lebenswelt“. Je ausgeprägter die soziale Ungleichheit in der Bevölkerung sei, desto höher sei die psychische Belastung derjenigen, die am unteren Ende stehen, sagte der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte in Berlin.

„Wir wissen, dass Isolation, Wohnungslosigkeit, Armut und Arbeitslosigkeit zu sozialer Ausgrenzung führen und die psychische Gesundheit in hohem Maße gefährden können. Gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen sowie viele ältere, arme und insbeson­dere obdachlose Personen sind betroffen“, berichtete Heinz.

Therapeutische Unterstützung der sozialen Teilhabe

Alle Mittel und Möglichkeiten, die zur therapeutischen Unterstützung der sozialen Teil­habe notwendig seien müssten deshalb jederzeit, auch in der Krise, uneingeschränkt zur Verfügung stehen, forderte er. Denn: „Ohne soziale Teilhabe kann es keine psychische Gesundheit geben“, so Heinz.

„Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas. Dabei ist soziale Teilhabe so wichtig wie nie“, be­tonte auch Steffi Riedel Heller, Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health an der Universität Leipzig.

Psychisch kranke Menschen hätten sowie schon häufig reduzierte soziale Netzwerke. Sie seien zudem stressempfindlicher, die Symptome könnten sich durch Isolation und verrin­gerte soziale Kontakte noch verstärken.

„Ein verantwortungsvolles Krisenmanagement in Pandemiezeiten muss deshalb auch Maßnahmen zum Schutz der psychischen Gesundheit umfassen“, forderte Riedel-Heller. Vor allem auch, weil längerfristig durch die bekannten Zusammenhänge zwischen Epi­de­mien und wirtschaftlicher Rezession mit einer erhöhten Rate an psychischen Störungen zu rechnen sei.

Kein langer Atem

„Menschen können Pandemien nicht sehr lange durchhalten ­ psychische Störungen kom­men dabei meist mit Verzögerung“, erklärte Arno Deister, Chefarzt des Zentrums für Psy­chosoziale Medizin am Klinikum Itzehoe.

Depressive und posttraumatische Belastungssymptome hätten in der Pandemie indes zugenommen. Auch Angst und Einsamkeit seien ein Thema. „Doch Einsamkeit ist keine zwangsläufige Folge von sozialen Einschränkungen. Auch inmitten von Menschen kann ich soziale Nähe vermissen und mich einsam fühlen“, erläuterte der Psychiater.

Um hier das Risiko für die Entwicklung einer Depression zu reduzieren, sei Prävention sehr wichtig. Beispielsweise in Form von individuellen Unterstützungsangeboten oder Trainings, die helfen, Formen der emotionalen Nähe und der Solidarität einzuüben. „Hel­fen kann es auch, seine Beziehungen bewusst zu pflegen, positiven Erlebnissen mehr Raum zu geben und seinen Alltag zu strukturieren“, betonte Deister.

Telefonate sichern die Versorgung

Auf die Bedeutung von E-Mental-Health in Zeiten der Pandemie wies Iris Hauth, Direkto­rin des Alexianer St. Joseph Krankenhaus Berlin-Weißensee, hin. „Videotelefonate sichern die Versorgung von psychisch kranken Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht regelmäßig die Praxen aufsuchen können“, sagte Hauth.

Digitale Anwendungen, die seit kurzem verordnungsfähig sind, könnten ergänzend zur Therapie und zur Nachsorge eingesetzt werden. „Wichtig ist, dass am Anfang immer ein persönliches Gespräch und eine umfassende Diagnostik stehen“, betonte Hauth.

DGPPN-Präsident Heinz forderte darüber hinaus die Möglichkeit der Telefonsprechstunde auch für neue Patienten: „Das wäre unter anderem für obdachlose Menschen sehr wich­tig, von denen wir gerade in Berlin viele in den Kliniken haben.“ Obdachlose verfügten nicht über die technischen Möglichkeiten für Videotelefonie.

Zunahme von Suizidversuchen in Alten- und Pflegeheimen

Die Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Psychiater, Christa Roth-Sackenheim, berichtete von einer Zunahme von Suizidversuchen in Alten- und Pflegeheimen seit der Coronapandemie. „Das tragen uns Kollegen zu, die dort die Menschen versorgen“, sagte sie.

Zwei Drittel der Bewohner in den Heimen hätten eine Erkrankung aus dem psychiatri­schen Spektrum, wie beispielsweise Demenz. Alarmierend sei auch das 50-mal so hohe COVID-19-Infektionsrisiko in den Heimen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. „Hier ist schnelles Handeln gefordert“, sagte Roth-Sackenheim. © PB/aerzteblatt.de

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Avatar #93362
Wneu
am Mittwoch, 2. Dezember 2020, 12:06

Hilfe sollte tatsächlich helfen

Es ist erfreulich, dass Telefonate und Trainings als Hilfen angeboten werden. Das kann den Betroffenen wirklich etwas bringen.
Leute einfach mit Psychopharmaka ruhig zu stellen und sie sozusagen in Apathie zu treiben, so dass sie ihre Probleme nicht mehr bewusst spüren, ist keine Hilfe, die nachhaltig das Leben verbessert.
LNS
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