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Ärzteschaft

„International ist zu befürchten, dass SARS-CoV-2 erzielte Erfolge in der HIV-Bekämpfung zunichtemacht“

Dienstag, 1. Dezember 2020

Berlin – Etwa 2.500 Menschen infizieren sich in Deutschland jedes Jahr mit HIV. Niedergelassene Ärzte sind oft die erste Anlaufstelle und sollen ihren Patienten HIV-Tests niedrigschwellig und leitliniengerecht anbieten. Zudem soll Risikopatienten auch eine orale Präexpositionsprophylaxe nahegelegt werden.

Zur Versorgung von Menschen mit HIV sprach das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) mit Andreas Jenke. Er ist In­ternist mit infektiologischer Schwerpunktpraxis und Mitglied im Vorstand der Deutschen Arbeitsgemein­schaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter (DAGNÄ).

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5 Fragen an Andreas Jenke, Internist mit infektiologischer Schwerpunktpraxis und DAGNÄ-Vorstandsmitglied

DÄ: Wie hat sich die SARS-CoV-2-Pandemie auf die Versorgung von HIV-Patienten in Deutschland ausgewirkt?
Andreas Jenke: SARS-CoV-2 hatte natürlich auch Einfluss auf die HIV-Versorgung. Auf den Beginn der Coronapandemie war Deutsch­land insgesamt kaum vorbereitet. Dies führte im ersten Lockdown zu einer großen Verunsicherung bei Patientinnen und Patienten, aber auch bei den Ärztinnen und Ärzte.

Allein das Beschaffen von Schutzausrüstung stellte die Praxen vor große Probleme. Dennoch wurden Abläufe neu konzipiert und Schutzvorkehrungen getroffen. Wo es möglich war, nutzten viele Praxen Videosprechstunden. Zudem galt es, ein „Hamstern“ von HIV-Medikamenten zu verhindern. Im Sommer entspannten sich dann die Verhältnisse. Man konnte von einem neuen Alltag in der HIV-Schwerpunktpraxis sprechen.

In der aktuellen Phase mit einem erneuten Lockdown profitieren wir von den gewonnenen Erkennt­nissen über die COVID-19-Pandemie. So wissen wir hier heute, dass eine gut behandelte HIV-Infektion kein zusätzliches Risiko darstellt. Umso wichtiger, dass die Versorgung von HIV-Patientinnen und Patienten immer sichergestellt war. Insgesamt bin ich froh, dass die ambulante HIV-Schwerpunkt­versorgung die Herausforderung Corona bisher gut bewältigt.

Darüber hinaus sind viele HIV-Zentren infektiologisch tätig und engagieren sich als COVID-19-Schwerpunktzentren. „Über den Berg“ sind wir aber noch nicht. Die Gesundheitsämter sind überlastet. Die Nachfrage nach Beratung zu sexueller Gesundheit in den Schwerpunktpraxen steigt deshalb an. Zugleich gibt es Laborengpässe in der Diagnostik. Die Pandemie bleibt also auch in den kommenden Monaten eine Herausforderung.

DÄ: Die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) ist seit Herbst 2019 Kassenleistung. Wie hat sich die Versorgung dadurch im vergangenen Jahr verändert?
Jenke: Die PrEP ist eine große Chance für die HIV-Prävention. Deswegen freue ich mich, dass die DAGNÄ zum 1. Dezember 2020 einen Rahmenvertrag zur Erstattung mit dem PKV-Verband geschlossen hat. Nach Einführung der PrEP als GKV-Leistung im September 2019 hatten wir eine recht dynamische Nachfrage. In 2020 ging sie – wenig überraschend – zurück.

Die HIV-Praxen stellen bisher die PrEP-Versorgung sicher, was insgesamt gut funktioniert. Prophylaxen brauchen aber Zeit, bis Ergebnisse messbar werden. Genaueres werden wir hoffentlich im kommenden Jahr wissen, wenn die Ergebnisse der Begleitforschung des Robert-Koch-Instituts (RKI) vorliegen.

DÄ: Was sind derzeit die größten Hindernisse für die HIV-Versorgung, auch unabhängig von der Coronapandemie?
Jenke: Auf der einen Seite ist die ambulante HIV-Schwerpunktversorgung ziemlich erfolgreich. Die Zahlen des RKI haben dies gerade erst wieder gezeigt: 96 Prozent der Menschen, die in Deutschland in HIV-Therapie sind, werden auch medizinisch erfolgreich behandelt. Das ist ein starker Wert. Auf der anderen Seite dürfen wir uns nicht zurücklehnen. Versorgung muss immer sinnvoll weiterentwickelt werden.

Lassen Sie mich drei wichtige Punkte nennen: Sorgen bereitet uns erstens die unverändert hohe Zahl sogenannter „Late Presenter“, bei denen die HIV-Infektion zu spät festgestellt wurde. Dabei kann eine frühzeitige Diagnose Komplikationen verhindern und eine normale Lebenserwartung für die Patienten ermöglichen. Hier sind Fortschritte überfällig.

Zweitens müssen wir uns über die Versorgungssicherheit Gedanken machen. Bei den HIV-Therapeuten steht ein Generationenwechsel bevor. Die ambulante Infektiologie muss dringend gestärkt werden, um dem Nachwuchs bessere Möglichkeiten zu bieten. Wir brauchen gut aufgestellte Praxen, um auch zukünftig Infektionskrankheiten, wie beispielsweise COVID-19, wirksam zu bekämpfen.

Und drittens sollte die Regulatorik nicht überdreht werden. Für mögliche wirtschaftliche Vorteile – etwa durch die Einführung von Generikaquoten – Qualitätseinbußen in der Versorgung in Kauf zu nehmen, wäre jedenfalls ein Handeln mit Zitronen.

DÄ: Wie können Ärzte ihre HIV-positiven Patienten beim Kampf gegen Stigmatisierung oder anderen Herausforderungen unterstützen?
Jenke: Diskriminierung von HIV-Infizierten ist leider immer noch ein Thema, auch wenn die Formen subtiler geworden sind. HIV-Therapeuten sind seit jeher auch „Sozialanwalt“ ihrer Patientinnen und Patienten. Das reicht vom persönlichen Mutmachen und Unterstützen bis hin zum vielfältigen Engagement in der Zusammenarbeit mit Selbsthilfeorganisationen und Aidshilfen.

Nur ein Beispiel: Das Projekt „Gesundheitstraining HIV“ wurde ebenso wie das Präventionsprojekt „Let ́s talk about Sex“ wesentlich von HIV-SchwerpunktärztInnen initiiert und aktiv begleitet. Heute wird das Programm zu HIV und sexuell übertragbaren Infektionen in der ärztlichen Praxis durch den PKV-Verband und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) unterstützt.

DÄ: UNAIDS möchte AIDS bis 2030 weltweit beenden. Für wie realistisch halten Sie diesen Plan aktuell und was können wir in Deutschland dafür tun?
Jenke: Ehrgeizige Ziele sind wichtig und selbst wenn wir mit Blick auf die UNAIDS-Ziele in Deutschland insgesamt auf einem guten Weg sind, haben auch wir noch Hausaufgaben zu erledigen. Einige Stich­punkte hatte ich ja bereits genannt.

International ist allerdings zu befürchten, dass SARS-CoV-2 erzielte Erfolge in der HIV-Bekämpfung zunichtemacht. Sollte sich infolge der Coronapandemie eine soziale Ungleichheit verschärfen, wirft dies auch die HIV-Prävention zurück.

Unklug wäre es auch, wenn die SARS-CoV-2-Bekämpfung zu Lasten des Engagements gegen HIV oder anderer Infektionskrankheiten ginge. Hier kann Deutschland in den multilateralen Organisationen ein Zeichen setzen. Allerdings gilt dies auch in Deutschland selbst.

Als chronische, nicht impfpräventable pandemische Erkrankung erfordert die HIV-Infektion trotz großer Erfolge weiterhin unermüdliche Anstrengungen aller Beteiligten, um die UNAIDS-Ziele zu erreichen und die erreichten Erfolge in Deutschland nicht zu gefährden. HIV muss auf der politischen Agenda bleiben. © jff/aerzteblatt.de

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