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Medizin

Manaus: Keine Herdenimmunität trotz Infektionsrate von 76 %

Mittwoch, 9. Dezember 2020

/picture alliance, Eraldo Peres

São Paulo – In Manaus, der 2-Millionen-Metropole im Amazonas, haben sich in den ersten 8 Monaten der Epidemie drei Viertel der Bevölkerung mit SARS-CoV-2 infiziert. Dies geht aus einer Analyse von An­tikörper-Tests in Blutspenden hervor, die jetzt in Science (2020; DOI: 10.1126/science.abe9728) ver­öffentlicht wurde. Trotz vermeintlicher Herdenimmunität sterben weiter Menschen an COVID-19.

Brasilien gehört zu den weltweit am stärksten von der Epidemie betroffenen Ländern mit mehr als 6,5 Millionen bestätigten Infektionen und mehr als 175.000 Todesfällen. Innerhalb des Landes hat sich das Virus vor allem in der Amazonas-Region ausgebreitet.

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In Manaus, wo am 13. März die erste Infektion mit SARS-CoV-2 bestätigt wurde, hatten im April 4,8 % der Bevölkerung Antikörper im Blut. Im Mai waren es bereits 45,5 %, im Juni 52,5 %. In der 12-Millionen-Stadt São Paulo lag die Prävalenz damals erst bei 13,6 %. Die Zahlen hat ein Team um Ester Sabino vom Tropeninstitut der Universität in São Paulo aufgrund von Tests an Blutspenden ermittelt.

Nachdem der Höhepunkt der Epidemie überschritten war, fiel die Seroprävalenz in Manaus im Oktober wieder auf 25,8 %, was ein ungünstiges Licht auf die erhoffte langfristige Immunität wirft, die eine Infektion mit SARS-CoV-2 hinterlässt.

Bei vielen Einwohnern der Stadt ist es offenbar zu einer „Seroreversion“ gekommen. Wie oft es zu er­neu­ten Infektionen kam, konnte die Studie nicht klären. Der Rückgang der Antikörpertiter bedeutet jedoch, dass der Anteil der Menschen, die sich mit SARS-CoV-2 infizierten, höher ist als die Seroprä­valenz ver­muten lässt. Sabino schätzt die Befallsrate („attack rate“) für den Juni auf 66 %. Bis Oktober könnte sie auf 76 % gestiegen sein. Für São Paulo ermitteln die Forscher eine „attack rate“ von 29 % im Oktober.

Eine „attack rate“ von 76 % ist zum einen weniger, als bei einer ungehinderten Ausbreitung für SARS-CoV-2 rechnerisch zu erwarten wäre, schreibt Sabino. Nach Modellberechnungen müssten sich eigentlich 89 bis 94 % der Bevölkerung mit SARS-CoV-2 infizieren. Dass es weniger waren, könnte den Infektions­schutzmaßnahmen (Maske, Distanz, Hygiene) zu verdanken sein, vermutet Sabino.

Auf der anderen Seite würde die „attack rate“ eine Herdenimmunität erwarten lassen. Diese wurde in Manaus offenbar nicht erreicht. In der Stadt kommt es weiterhin zu Todesfällen an COVID-19, auch wenn die Zahl (laut Abb. 2A) seit dem Sommer deutlich gesunken und eine 2. Welle nicht erkennbar ist.

Dass sich das Virus in Manaus stärker ausbreiten konnte als in São Paulo, führt Mitautor Nuno Faria vom Imperial College London auf die ungünstigeren sozioökonomischen Bedingungen zurück.

In Manaus würden viele Menschen in überfüllten Haushalten leben, der Zugang zu sauberem Wasser sei eingeschränkt und auf den Flussbooten, die in Manaus ein wichtiges Verkehrsmittel seien, herrsche ein Gedränge wie auf einem Kreuzfahrtschiff, wo sich Viren ebenfalls schnell ausbreiten, erklärte Faria in der Pressemitteilung.

Die Infektionssterblichkeit („infection fatality rate“) lag in Manaus bei 0,17 bis 0,28 % und damit deutlich niedriger als in São Paulo, wo nach den Berechnungen der Forscher 0,46 bis 0,72 % der Infizierten an COVID-19 gestorben sind. Den Grund vermutet Sabino in dem höheren Anteil älterer Menschen in São Paulo. © rme/aerzteblatt.de

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