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Medizin

Polio: Neuer oraler Impfstoff soll Ausbreitung von pathogenen Impfstoffviren stoppen

Mittwoch, 30. Dezember 2020

/picture alliance, Fareed Khan

Antwerpen und Miami – Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) hat im November über eine neuartige Notverordnung („emergency use listing“, EUL) die Verwendung eines neuen oralen Impfstoffs gegen den Typ 2 des Poliovirus zugelassen.

Er soll die Ausbreitung von zirkulierenden Vakzine-abgeleiteten Polioviren (cVDPV) stoppen, die in den letzten Jahren immer öfter zu Ausbrüchen der Kinderlähmung geführt hatten. Die der EUL zugrunde liegenden Studien wurden jetzt im Lancet (2020; DOI: 10.1016/S0140-6736(20)32540-X und 32541-1) veröffentlicht.

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Der 1961 entwickelte orale Polioimpfstoff hat die früher weltweit verbreitete Kinderlähmung erfolgreich eingedämmt. Durch systematische Impfungen wurde die Zahl der Erkrankungen in den letzten 30 Jahren um 99,9 % gesenkt. Für die angestrebte Eradikation der Viren ist der Impfstoff jedoch nicht geeignet, da er aus lebenden Viren besteht. Es handelt sich um abgeschwächte Krankheitserreger. Sie können zwar keine Kinderlähmung auslösen, sie breiten sich allerdings wie das Wildvirus aus. Dabei kann es durch Muta­tionen zur Entwicklung von pathogenen Viren, den cVDPV, kommen.

Diese Gefahr wurde lange unterschätzt. Nachdem über Jahre keine Erkrankungen durch den Wildtyp 2 des Poliovirus mehr aufgetreten waren, hat die WHO ihn 2015 für eradiziert erklärt (Im Oktober 2019 wurde auch der Typ 3 für eradiziert erklärt. Alle Polioerkrankungen werden heute durch den Typ 1 ausgelöst).

Im Frühjahr 2016 wurde die orale Impfung gegen den Typ 2 eingestellt. Das Impfstoffvirus ist jedoch nicht verschwunden. Es zirkuliert weiter in vielen Ländern, und hin und wieder kommt es zu einer „Rückmuta­tion“ in ein pathogenes cVDPV, das dann eine Kinderlähmung verursachen kann.

Die Zahl der cVDPV-Fälle durch den Typ 2 ist zuletzt von 71 im Jahr 2018 auf 739 Fälle im Jahr 2020 (Stand: 3. Dezember 2020) angestiegen. Die WHO muss dann in Impfkampagnen wieder einen oralen Impfstoff einsetzen. Die Kinderlähmung lässt sich dadurch bekämpfen. Gleichzeitig werden jedoch wieder Impfstoffviren verbreitet, aus denen wieder neue cVDPV entstehen können.

Mit dem inaktivierten Polioimpfstoff (IPV), der keine zur Replikation fähigen Viren enthält, lässt sich das Problem nicht lösen. Dieser Impfstoff, der intramuskulär injiziert wird, erzeugt keine Immunität im Darm. Kinder, die mit IPV geimpft wurden, können sich weiterhin oral mit dem cVDPV infizieren. Sie erkranken zwar nicht, weil sie Antikörper im Blut haben. Sie scheiden das Virus aber über den Darm aus und gefährden damit nicht geimpfte Säuglinge.

Ein neuer oraler Impfstoff soll jetzt die cVDPV zurückdrängen. Er besteht zwar ebenfalls aus lebenden Viren. Die Viren unterscheiden sich jedoch gleich an 5 Stellen vom Wildtyp, so dass eine Mutation in ein pathogenes cVDPV unwahrscheinlich (aber nicht ausgeschlossen) ist. Im alten Impfstoff war nur eine Mutation erforderlich, um ein cVDPV zu erzeugen.

Bevor der neue Impfstoff eingesetzt werden konnte, musste er auf seine Immunogenität und Sicherheit hin überprüft werden. Dies geschah in den beiden Studien, deren Ergebnisse jetzt veröffentlicht wurden.

Die erste Studie wurde in Belgien durchgeführt. Dort waren in einer historischen Kontrolle im Jahr 2016 bereits 100 Personen mit dem alten oralen Impfstoff geimpft worden. Ende 2018 und Anfang 2019 erhielten dann 200 Personen den neuen Impfstoff in 4 unterschiedlichen Dosierungen. Getestet wurden zudem zwei unterschiedliche Impfstoffviren – einzeln oder in Kombination.

Die neue Vakzine erwies sich als verträglich und sie erzeugte eine hohe Immunogenität. Bei der Verwen­dung beider Stämme wurde bei 100 % eine Seroprotektion erzielt, bei der Verwendung der einzelnen Stämme betrug die Schutzwirkung 97 % beziehungsweise 98 %. Eine Analyse der von den Teilnehmern ausgeschiedenen Viren ergab keine Hinweise auf die Entstehung von cVDPV.

Auch die unter der Leitung von Ricardo Rüttimann von der Organisation „Fighting Infectious Diseases in Emerging Countries“ in Miami organisierten Studien verliefen ohne Überraschungen. In Panama wurden 100 Kinder (1 bis 4 Jahre) und 574 Säuglinge (18 bis 22 Wochen) geimpft. Auch hier erwiesen sich die beiden Impfstoffkandidaten als sicher und gut verträglich.

Der Tod eines Säuglings, der nach einer Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert wurde, war laut Rüttimann nicht auf die Impfung zurückzuführen. Die Immunogenität war genauso gut wie in einer historischen Vergleichsgruppe.

Ein Vorteil könnte die geringe Ausscheidung der Impfstoffviren mit dem Stuhl sein. Damit sinkt das Risiko, dass sich das Impfstoffvirus ausbreitet und irgendwann doch zu einem cVDPV mutiert, das dann wieder Erkrankungen auslöst. © rme/aerzteblatt.de

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