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Leopoldina empfiehlt Neuausrichtung der Alters- und Lebensver­laufsforschung in Deutschland

Mittwoch, 16. Dezember 2020

/farbkombinat, stock.adobe.com

Halle – Angesichts des demografischen Wandels sieht die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina massiven Nachholbedarf in Deutschland bezüglich der Alterns- und Lebenslaufforschung. „Wir haben auf diesem Gebiet ein großes Potenzial mit oft sehr hoher Qualität in den Einzeldisziplinen, aber auch einen hohen Grad an Fragmentierung und fehlender Interdisziplinarität“, sagte Leopoldina-Mitglied Ursula Staudinger von der Technischen Universität Dresden bei der heutigen Präsentation des Leopoldina-Zukunftsreports „Altern und Lebensverlauf: Forschung für die gewonnenen Jahre“. „Das verhindert eine breitere Wirksamkeit und nächste Schritte in der Forschung.“

Im Report stellen die Experten ausführlich den Stand und die Herausforderungen der Alterns- und Lebensverlaufsforschung in Deutschland dar und fordern eine systematische Förderung der Interdiszi­plinarität von Forschung. „Die Deutsche Forschungsgemeinschaft könnte hier Akzente setzen“, sagte Staudinger, die federführend an der Erstellung des Zukunftsreports beteiligt war. „Interdisziplinarität braucht lange Förderzeiträume.“

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Bislang würden in der Alterns- und Lebensverlaufsforschung vor allem jene Projekte gefördert, die sich mit der Entstehung und Behandlung von vorwiegend im Alter auftretenden Krankheiten beschäftigen. Diese Ausrichtung müsse überdacht werden, so die Autorinnen und Autoren des Reports. Förderanreize sollten künftig neben biomedizinischen Aspekten auch sozial- und verhaltenswissenschaftliche Perspektiven einbeziehen.

Um in Deutschland eine breit aufgestellte, interdisziplinäre Alterns- und Lebensverlaufsforschung zu etablieren und damit auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, müssen nach Ansicht der Leopoldina sechs Hauptaufgaben bewältigt werden:

Erstens müssten Disziplinen, die bisher in der Alterns- und Lebensverlaufsforschung unterrepräsentiert sind, gezielt gefördert werden, insbesondere die Sozial-, Verhaltens- und Geisteswissenschaften, aber auch bestimmte Bereiche der Lebenswissenschaften.

Zweitens sollten gesonderte Förderformate Anreize für interdisziplinäre Kooperationen schaffen.
Drittens sollte Nachwuchswissenschaftlerinnen und –wissenschaftlern ein Training in interdisziplinärer Forschung angeboten werden, das auf die Alterns- und Lebensverlaufsforschung zugeschnitten ist.
Viertens müsse die Datenerhebung vereinheitlicht und die Begutachtung interdisziplinärer Projekte erleichtert werden. Dafür sollten Qualitätskriterien und neue Modelle entwickelt werden, welche die komplexen Phänomene im Themenfeld der Alternsforschung beschreiben.

Ganz konkret sollte fünftens die Erwachsenenkohorte des Nationalen Bildungspanels bis ins hohe Alter fortgesetzt werden. Für kohortenvergleichende Längsschnittstudien empfiehlt die Leopoldina zudem die Einrichtung eines nationalen Verbunds.

Um Politik evidenzbasiert zu gestalten, sollten sechstens gewonnene Erkenntnisse der Forschung systematisch aufbereitet, bewertet und öffentlich zugänglich gemacht werden.

Förderthemen breiter aufstellen

In ihrem Report kritisiert die Leopoldina ferner, dass bisher vor allem Krankheiten und deren molekulare Grundlagen sowie Pflege und technische Assistenzsysteme im Alter die vorherrschenden Förderthemen in Deutschland seien. Sie seien jedoch weder auf die gesellschaftliche Gestaltung des Alterns und der vielfältigen Lebensverläufe noch auf die Unterstützung des aktiven und gesunden Alterns ausgerichtet.

Das thematische Spektrum müsse erweitert werden, auch innerhalb der bisherigen Förderschwerpunkte Biomedizin, erklärte Gerd Kempermann vom Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen Dresden und dem Forschungszentrum für Regenerative Therapien Dresden der Technischen Universität Dresden. Gerade innerhalb der Geriatrie gebe es große Lücken. „Dabei wird die Geriatrie zunehmend zur Allgemeinmedizin“, verdeutlichte der Mediziner, der ebenfalls federführend den Report erstellte.

Wie relevant das Alter und die Lebensumstände seien, zeige gerade sehr eindrücklich die COVID19-Pandemie. „Innovation entsteht oft in den Grenzbereichen“, sagte Kempermann. „Wir müssen gemeinsam die wirklich großen Fragen angehen.“

Beispielsweise würden Kompetenzen und Funktionsfähigkeit über den Lebensverlauf bis ins hohe Alter nicht allein durch die Therapie von Krankheiten erhalten, betonen die Autoren des Papiers. Ihre Erhaltung erfordere ebenso Forschung zur Gestaltung von Arbeit in einem längeren Leben, zur Weiterentwicklung des Bildungssystems im Hinblick auf lebensbegleitendes Lernen oder zur Stärkung von Gesundheitsressourcen.

Gleichermaßen sei bislang die technikorientierte Alternsforschung zu stark auf die kompensatorische Wirkung von Technik bei Funktionsverlust ausgerichtet. Die Erforschung des Einsatzes von Technik zur Aufrechterhaltung und Steigerung von Funktionsfähigkeit finde dagegen noch wenig Berücksichtigung.

Wie dringend eine vermehrte und breitere Interdisziplinarität der Forschung zu Altern und Lebensverlauf sei, zeige die COVID-19-Pandemie, so die Experten in einer Beilage zum Zukunftsreport. Die aufgezeigten Herausforderungen und forschungspolitischen Handlungsbedarfe würden durch die COVID-19-Pandemie verstärkt und um spezifische neue Fragen und Probleme ergänzt. Forschungspolitisch werde auf diese Herausforderungen zwar ansatzweise reagiert, ein systematisches und interdisziplinäres Vorgehen stünde jedoch aus, konstatiert die Leopoldina.

Auch das 9. EU-Rahmenprogramm klammere den demografischen Wandel weitgehend aus. Spürbarer Nachholbedarf bestünde auch bei Programmen anderer wissenschaftspolitischer Akteurinnen und Akteure sowie Förderinstitutionen.

„Die Herausforderungen der Gesellschaft durch demografischen Wandel, Klimawandel und nunmehr COVID-19 müssen zukünftig stärker im Zusammenhang gesehen werden“, meint die Wissenschafts­akademie. Die deutschen Defizite im Bereich der Forschung zu Altern und Lebenslauf einerseits und Institutionalisierung von Public Health andererseits verdienten gerade jetzt besondere Aufmerksamkeit.

So werde es in der klinischen, epidemiologischen und verhaltenswissenschaftlichen Forschung erforderlich sein, die durch die COVID-19-Pandemie in den Vordergrund gerückten sozioökonomischen und psychosozialen Risiko- und Schutzfaktoren systematisch und standardisiert zu dokumentieren und die durch sie begünstigten Einflüsse auf Gesundheit und Krankheit mithilfe disziplinübergreifender, theoriebasierter Analysen aufzuklären. Es müssten Interventionsstudien durchgeführt werden, um vermeidbare soziale Ungleichheiten angesichts von Chancen gesunden Alterns und gesellschaftlicher Teilhabe zu verringern. © ER/aerzteblatt.de

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