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Politik

Situation in den Kliniken: „Ich hätte mir diese Zustände nicht vorstellen können“

Freitag, 18. Dezember 2020

/picture alliance, Frank Molter

Hamburg – Pflegekräfte aus Hamburg haben auf einer Pressekonferenz der Hamburger Krankenhaus­be­wegung vorgestern darauf hingewiesen, wie sehr sich die Patientenversorgung in der zweiten Welle der Coronapandemie verschlechtert hat.

„In vielen Schichten sind wir auf der Intensivstation so wenige Pflegende, dass wir drei oder vier Patien­ten betreuen müssen“, sagte eine Intensivpflegerin aus der Asklepios Klinik St. Georg, die namtlich nicht genannt werden möchte. Das sei aber nicht zu schaffen, denn viele der Patienten benötigten eigentlich eine 1:1- oder 1:2-Betreuung.

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„Es kommt vor, dass ein Patient in eine lebensbedrohliche Krise kommt, weshalb wir bei diesem Patien­ten gebunden sind. Das bedeutet aber, dass die anderen Intensivpatienten alleingelassen werden müss­en und die Überwachung nicht mehr gewährleistet ist.“

Patienten in Todesangst

Die Intensivpflegerin gab ein Beispiel aus ihrer letzten Schicht: „Ich musste drei Patienten betreuen, ei­ner von ihnen war ein COVID-19-Patient, dem es sehr schlecht ging, der aber noch nicht beatmet werden musste.“ Die COVID-Intensivpatienten seien ohne jede Ressource, sie seien vollkommen erschöpft, wür­den um Luft ringen und hätten Todesangst.

„Für uns ist das eine sehr hohe Belastung. Wir geben alles, um diese Patienten zu begleiten und zu un­ter­stützen. Ich will sie nicht alleine lassen, ich möchte mitbe­kommen, ob sich ihr Zustand verschlech­tert“, sagte sie. „Doch die Zeit ist zu knapp und ich muss noch zwei andere Patienten betreuen, denen es ebenfalls schlecht geht“, fuhr sie fort.

„Ich springe zwischen den Patienten hin und her und muss zwischendurch die Schutzausrüstung an- und ablegen. Das bedarf sehr viel Achtsamkeit, passiert aber in großer Hetze. Die ganze Zeit bin ich dabei in Sorge, dass ich etwas übersehe und mich oder die Patienten infiziere. Diese Angst haben viele Kollegen. Viele besuchen ihre Eltern oder Großeltern nicht mehr, weil sie fürchten, sie anzustecken.“

Angst vor einer Triage

Derzeit werde auf jedes freie Intensivbett ein enormer Druck ausgeübt. „Deshalb kommt es zu Situa­tio­nen, dass Patienten auf Normalstationen verlegt werden, damit wir ein Intensivbeatmungsbett freima­chen können, obwohl wir diese Patienten gerne noch auf der Intensivstation behandeln würden, weil die das noch brauchen“, erklärte die Intensivpflegerin.

Auch auf den Normalstationen sei die Situation dramatisch. „Das sind zum Teil Stationen mit bis zu 30 Patienten, in denen pro Schicht drei Kollegen zuständig sind“, berichtete sie. „Die müssen über die ge­samte Schicht Schutzausrüstung tragen, sie haben kaum Zeit für eine Pause, machen Überstunden und haben das Gefühl, verheizt zu werden. Sie schreiben täglich Gefährdungsanzeigen, sie sind verzweifelt und wütend und fühlen sich alleine gelassen.“ Denn im Gegensatz zur ersten Pandemiewelle liefen ja viele elektive Operationen weiter.

„Ich mache den Job schon lange. Doch noch vor zwei Jahren hätte ich mir die Zustände, die wir jetzt haben, nicht vorstellen können“, fuhr die Intensivpflegerin fort. „Wir alle haben Angst vor den nächsten Wochen, dass unsere Arbeit nicht mehr zu schaffen sein wird und davor, was das mit uns macht. Noch größer ist unsere Angst, dass wir entscheiden müssen, wer einen Behandlungsplatz bekommt und wer nicht. Das ist der größte Horror.“

Unzureichende Schutzausrüstung

Ein Pfleger, der in der Asklepios Klinik St. Georg in der Neurologie arbeitet, berichtete: „Eine würdevolle Behandlung kann zurzeit nicht mehr gewährleistet werden. Die Patienten müssen zum Teil in die Schutz­hose urinieren, weil das Personal nicht mit ihnen auf die Toilette gehen kann. Sie müssen unsere hekti­schen Blicke ertragen, wenn wir ihnen beim Schlucken helfen.“

Sie lägen voller Angst und Schmerzen alleine in ihren Zimmern, weil sie nicht begleitet werden könnten. Und sie wüssten nicht, wie es mit ihren Untersuchungen weitergehe. „Für mich als frische Pflegekraft ist das schwer auszuhalten. Das sind Wunden, die man jeden Tag mit nach Hause nimmt und die nicht heilen.“ Ansprechpartner, mit denen sie über ihre Erlebnisse sprechen können, gebe es nicht.

Eine Pflegerin aus der Asklepios Klinik Wandsbek berichtete, dass es nicht ausreichend qualitativ gute Schutzausrüstung gebe. „Wir können uns nicht vernünftig schützen, auch nicht im COVID-Bereich“, sagte sie.

„Es gibt zu wenige Masken, manche Masken sitzen nicht richtig. Unsere Kittel sind wasserdurchlässig, unsere Handschuhe reißen, wenn wir sie anziehen.“ Die Kliniken hätten sich im Sommer vorbereiten müssen, es sei aber so getan worden, als komme die zweite Welle überraschend. „Jetzt ist es ernster als zuvor“, sagte sie. © fos/aerzteblatt.de

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Avatar #105660
Schanzer
am Montag, 4. Januar 2021, 20:40

Das sind die Folgen der "Flatrate"-Medizin

Alles, immer, zu jeder Zeit und so oft wie gewünscht.
Das v.a. hat das System kaputt gemacht.
Ich fordere Direktabrechnung der Leistungserbringer mit den Patienten. Die Patienten können es sich dann wieder von den Versicherungen holen.
Avatar #830245
Hortensie
am Donnerstag, 24. Dezember 2020, 19:38

Das sind Folgen der "Schwarzen Null"

Das gesamte Gesundheitssystem wurde kaputt gespart. Die "Schwarze Null" von Schäuble (CDU), der lange Finanzminister war, ist die Hauptursache dafür.
Wer ein besseres System will, sollte bei den nächsten Wahlen anders (sozialer?) wählen.
Avatar #860373
Mafey
am Montag, 21. Dezember 2020, 00:58

Personalschlüssel auf den Stationen sowie der Intensivstation im Rückblick

Ich kann die Aussagen der Intensivpflegerin nur bestätigen, da sie das widerspiegeln, was ich in jahrzehntelanger Tätigkeit als Krankennausarzt erlebt habe.
Das mag nun mit Covid19 eine neue Dimension erreichen, da man nun sehr rasche Einweisungen wegen der Quarantäne der Kontaktpersonen durchführt und deutlich höhere Hygieneanforderungen als bei einem Influenzapatienten bestehen.
Neu ist das Thema insgesamt jedoch keineswegs und mit der Impfung wird es auch nicht vom Tisch sein.
Neu wäre es allerdings, wenn die Politiker nicht nur applaudieren sondern endlich die Arbeitsbedingungen inklusive Bezahlung der Krankenpflegekräfte deutlich verbessern würden.
LNS
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