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Fresenius-Chef hält einseitigen Blick auf Intensivbetten für falsch

Montag, 14. Dezember 2020

Fresenius-Chef Stephan Sturm. /picture alliance, Frank Rumpenhorst

Bad Homburg – Fresenius-Chef Stephan Sturm kritisiert in der Coronakrise einen zu starken Blick auf die Intensivkapazitäten der Kliniken. „Der einseitige Fokus der Politik auf Intensivbetten ist falsch“, sagte der Vorstandschef des Medizinkonzerns und Krankenhausbetreibers. Dort, wo es zu Engpässen in Kranken­häusern gekommen sei, sei das meist wegen des Mangels an Intensivpflegekräften geschehen und nicht wegen fehlender Intensivbetten.

Den viel diskutierten Personalmangel habe es schon vor der Coronakrise gegeben, sagte Sturm. Freseni­us ist mit der Tochter Helios Deutschlands größter privater Klinikbetreiber. Die Kette behandelt jährlich rund 5,6 Millionen Patienten hierzulande. „Selbst wenn Intensivkapazitäten ausgeschöpft sein sollten, können COVID-19-Patienten stationär behandelt werden“, sagte Sturm.

Coronapatienten ließen sich etwa auch auf entsprechend aufgerüsteten Intermediate-Care-Stationen be­handeln, einer Zwischenstufe zwischen Normal- und Intensivstation. Klinische Daten zeigten in anderen Ländern eine vergleichbar niedrige Sterblichkeit bei Corona­patienten, während dort ein geringerer An­teil auf Intensivstationen läge.

Um die Pandemie zu bewältigen, sei eine bessere Vernetzung der Krankenhäuser in Deutschland nötig, meint Sturm. So könnten Klinken aus weniger betroffenen Regionen Coronapatienten aus Hotspots auf­nehmen. Helios habe das bei Berliner Krankenhäusern getan, wo Kapazitäten für Coronapatienten knapp wurden. „Wir brauchen mehr Transparenz im Gesundheitssystem“, sagte der Manager. Es gebe aber Wi­der­stände gegen ein zentrales Register, das ein Verteilen von Patienten erleichtern würde. „Auch wenn sicher nicht jeder Patient transportfähig ist, können wir hier besser werden.“

Nach Angaben der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) gab es bei steigenden Infektionszahlen zuletzt noch rund 4.600 freie Intensivbetten. Der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, wies jüngst darauf hin, dass es rund 40 Prozent mehr Intensiv­pa­tien­ten als im Frühjahr gebe. Die Situation sei für das Personal in vielen Kliniken belastend.

In den 89 deutschen Helios-Kliniken sei die zweite Coronawelle angekommen, sagte Sturm. „Aber wir ha­ben insgesamt noch ausreichend Kapazitäten“. Helios behandle derzeit mehr als 1.400 Corona­patien­ten, davon rund ein Fünftel oder rund 280 Menschen auf Intensivstationen. Helios habe rund 1.400 In­ten­sivbetten, kurzfristig könne man weitere 1.000 Intensivbetten bereitstellen. Die Lage sei mancherorts angespannt. „Wir stehen aber nicht vor dem Kollaps“, so Sturm.

Fresenius habe seit Frühjahr rund 9.000 Coronapatienten hierzulande behandelt, davon 27 Prozent auf Intensivstationen. Es gebe also aktuell weniger schwere Verläufe, so Sturm. Im stark betroffenen Spa­nien, wo Helios ebenfalls aktiv ist und es generell weniger Intensivbetten gibt, sei die Sterblichkeit ähn­lich wie in Deutschland.

„Corona ist da und eine sehr ernstzunehmende Krankheit“, betonte der Manager. Eine einseitige Ausrich­tung der Politik auf das Virus sei aber falsch. „Herzinfarkte und Schlaganfälle gibt es ja trotzdem. Es wä­re falsch, aus Angst vor dem Coronavirus auf Vorsorgeuntersuchungen zu verzichten. Ich appelliere an die Menschen: Gehen Sie zum Arzt.“ Andernfalls werde man in den kommenden Jahren den Preis bezah­len in Form von Übersterblichkeit, etwa bei Krebspatienten. „Auch viele Herzinfarkte und Schlaganfälle bekommen wir viel zu spät zu Gesicht.“

Sturm hatte wiederholt eine einseitige Ausrichtung der Politik auf die Coronakrise kritisiert. So musste Fresenius im Frühjahr generell nicht zwingend nötige („elektive“) Operationen verschieben, um Betten für Coronapatienten freizuhalten. Am Ende verlief die erste Welle der Pandemie hierzulande glimpflich und viele Betten standen leer. Das kostete Fresenius viel Geld. „Mir geht es in meiner Kritik aber nicht um wirtschaftliche Aspekte“, betonte Sturm.

Er monierte eine Einmischung der Politik. Welche Patienten behandelt werden sollten – ob Corona­kran­ke oder andere – „sollten nicht Politiker aus der Ferne entscheiden, sondern Ärzte vor Ort“. Die Hälfte der Kapazitäten in den Helios-Kliniken sei von elektiven Eingriffen belegt, Patienten blieben im Schnitt vier Tage. „Wir können also in vier Tagen ein halbes Krankenhaus freiräumen.“

Die Pandemie hat den Dax-Konzern auch wirtschaftlich getroffen. Vor allem im zweiten Quartal bekam Fresenius die Folgen im Klinikgeschäft zu spüren. Da weniger operiert wurde, litt auch die auf flüssige Nachahmermedikamente wie Narkosemittel und klinische Ernährung spezialisierte Tochter Fresenius Kabi. Im dritten Quartal gab es dann Nachholeffekte. Gemildert wurden die finanziellen Coronafolgen mehrere Monate durch staatliche Pauschalen für frei gehaltene Betten.

Im laufenden Schlussquartal werden dank neuer Gesetzesvorgaben deutschen Kliniken etwaige Minder­erlöse gemessen am Vorjahr großteils erstattet. Fresenius werde seine – schon gesenkte – Jahres­prog­no­sen halten können, sagte Sturm: „Ich gehe fest davon aus.“ © dpa/aerzteblatt.de

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