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OECD: Wo Deutschlands Nachbarn bei der Gesundheit besser abschneiden

Mittwoch, 30. Dezember 2020

/picture alliance, Britta Pedersen

Paris – Trotz medizinischen Fortschritten steigt die Lebenserwartung Neugeborener in Deutschland seit knapp zehn Jahren nur noch im Schneckentempo. Bei den noch zu erwartenden Lebensjahren 75-Jähriger liegt die Bundesrepublik mittlerweile unter dem EU-Durchschnitt und wird von Ländern eingeholt, die zu Beginn des Jahrtausends noch weit abgeschlagen waren – wie etwa Estland.

Erkenntnisse wie diese lassen sich aus dem kürzlich erschienen Report der Organisation für wirtschaftli­che Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) „Health at a Glance: Europe 2020“ herauslesen, der sich mit dem Gesundheitszustand der Europäer befasst.

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In den Tiefen des mehr als 200 Seiten starken Papiers schlummern viele Ergebnisse, die eine genauere Betrachtung in den einzelnen Staaten wert sein könnten, glaubt der OECD-Analyst für Gesundheitspoli­tik Michael Müller. In vielen Bereichen stehe Deutschland gut da, könne aber auch noch dazu lernen – etwa beim Thema Prävention.

Spanier mit höchster Lebenserwartung

Den EU-Vergleich der Lebenserwartung führt Spanien mit 83,5 Jahren an, heißt es in dem Bericht, der die Datenlage aus den Jahren 2017/2018 wiedergibt. Gesammelt werden die Angaben unter anderem vom Statistischen Amt der Europäischen Union (Eurostat), der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) sowie von den Nationalstaaten und der OECD selbst.

Dass ausgerechnet die Deutschen mit einer Lebenserwartung von rund 81 Jahren nur noch im EU-Durch­schnitt liegen, obgleich das deutsche Gesundheitssystem in vielen Punkten als eines der besseren im eu­ropäischen Vergleich gilt, bezeichnet Müller als überraschend. „Der Anstieg bleibt seit 20 Jahren hinter anderen europäischen Staaten zurück“, so der Experte.

Eine entscheide Rolle dürfte dabei auch der Lebenswandel spielen. „In Deutschland ist beispielsweise der Alkoholkonsum historisch vergleichsweise hoch und der Anteil der adipösen und übergewichtigen Personen in den letzten Jahren angestiegen.“

Deutschland als Schlusslicht bei Tabakregulation

Zudem würde bei anderen EU-Mitgliedern teils stärker regulatorisch eingegriffen, Deutschland sei etwa das letzte EU-Land in dem derzeit noch Außenwerbung für Tabakprodukte erlaubt sei. Der Beschluss zu einer starken Einschränkung solcher Werbung wurde erst in diesem Jahr gefasst.

Dabei ist Rauchen einer der Hauptrisikofaktoren für die mit 37 Prozent häufigste Todesursache der Euro­pä­er: Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und daraus resultierende Herzinfarkte und Schlaganfälle. 1,7 Millionen Menschen in der EU verstarben daran laut OECD allein 2017.

Deutschland liegt etwa bei der Sterblichkeit an der Koronaren Herzkrankheit mit 139 pro 100.000 Ein­wohnern deutlich über dem EU-Durchschnitt von 120 und weit über seinen westlichen Nachbarn Frank­reich mit 47 Todesfällen pro 100.000, den Niederlanden mit 55 pro 100.000 oder auch Spanien mit 64 pro 100.000.

Zwar habe sich die Raucherrate in der EU insgesamt verringert, heißt es in dem Bericht. Doch zugleich entwickele sich der Trend vieler anderer Risikofaktoren in die falsche Richtung. Hohe Cholesterinwerte, Bluthochdruck, zu wenig körperliche Bewegung, Adipositas und Diabetes seien in vielen europäischen Ländern auf dem Vormarsch. Die Autoren verweisen explizit auf steuerliche und regulierende Maßnah­men, um das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen zu senken und die Gesundheitssysteme zu entlasten.

Mehr als 40 Prozent der Krebsfälle vermeidbar

In Deutschland werden derartige Maßnahmen bislang vor allem von den Unionsparteien abgelehnt. So verhinderten CDU und CSU zuletzt eine verbindliche Nährstoffkennzeichnung auf Lebensmitteln, eine Steuer auf stark zuckerhaltige Getränke sowie ein Verbot von Werbung für ungesunde Kinderlebens­mit­tel.

Risikofaktoren wie Rauchen und Übergewicht können auch Einfluss auf die zweitrelevanteste Sterbe­ur­sache in Europa haben: Krebs. Laut Bericht haben allein in diesem Jahr 2,7 Millionen EU-Bürger eine Krebsdiagnose erhalten, etwa 1,3 Millionen werden den Angaben zufolge daran sterben. Mehr als 40 Prozent der Fälle seien vermeidbar, zudem könne die Sterblichkeit durch frühere Diagnosen sowie frühe­re und effektivere Behandlung reduziert werden.

Die niedrigsten Sterberaten an Krebs weisen dem Bericht zufolge Finnland, Malta, Spanien, Luxemburg und Schweden auf, alle liegen mehr als 15 Prozent unter dem EU-Durchschnitt. Mehr als 20 Prozent da­rüber liegen etwa Polen, Ungarn und die Slowakei. Deutschland liegt mit einer Sterblichkeitsrate von etwa 250 pro 100.000 Einwohnern knapp unter dem EU-Durchschnitt.

Der Bericht zeige insgesamt, dass die Bundesrepublik auf dem Gebiet der Prävention noch nachbessern könnte, glaubt Müller. „Im Vergleich zu anderen Ländern sinkt die mithilfe von Prävention vermeidbare Sterblichkeit in Deutschland langsamer.“

Corona sorgt für extreme Abnahme der Lebenserwartung in Schweden

Wie sich die Coronapandemie auf die Daten auswirken wird, ist bislang noch unklar. „Sie ist in diesem Bericht noch nicht erfasst“, so Müller. Die Autoren gehen jedoch von einem deutlichen Effekt etwa auf die erwartete Lebensdauer aus.

Allein in Frankreich, wo besonders viele Menschen an COVID-19 starben, rechnete die OECD bereits im Juni, als der Bericht entstand, mit einem möglichen Absinken der Lebenserwartung um 0,2 Jahre bei den Männern und um 0,1 Jahre bei den Frauen. Die zweite Welle ist darin noch nicht berücksichtigt.

Das statistische Zentralamt Schweden bezog in einer jüngst veröffentlichten Berechnung noch Daten vom August mit ein und rechnet mit einer Abnahme der Lebenserwartung von 0,5 Jahren bei den Män­nern und um 0,3 bei den Frauen.

Dabei könne es sich um die stärkste Abnahme innerhalb eines Jahres seit Beginn der Aufzeichnung im Jahr 1944 handeln, heißt es in der Mitteilung. Dabei hatten auch schon die Grippewellen in den Jahren 2014/15, 2016/17 sowie 2017/18 deutliche Spuren in den Lebenserwartungskurven der Europäer hinter­lassen.

Bundesrepublik belegt Spitzenplatz bei Krankenhausbetten

Die Behandlungsmöglichkeiten für schwer kranke Patienten spielen dabei eine wesentliche Rolle. Mit acht Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohnern belegt Deutschland in der EU den Spitzenplatz in dieser Kategorie, gefolgt von Bulgarien und Österreich. Am weitesten unter dem EU-Schnitt von fünf Betten liegt den Angaben zufolge Dänemark mit 2,4 und Schweden mit 2,1 Betten pro 1.000 Einwohner.

Die Skandinavier folgten damit einem Trend, erklärt Müller. „Seit dem Jahr 2000 haben die meisten eu­ropäischen Länder die Anzahl an Krankenhausbetten um 20 Prozent reduziert. Auch Deutschland hat abgebaut, allerdings etwas weniger.“ Ein Grund sei etwa der medizinische Fortschritt, die Verweildauer in Krankenhäusern sei gesunken, viele Operationen würden mittlerweile ambulant durchgeführt.

Da der Bettenabbau in Deutschland langsamer vonstattenging als im europäischen Durchschnitt, gibt es größere Kapazitäten zur Behandlung von COVID19-Patienten, insbesondere bei den Intensivpflegebett­en. Der Bericht lasse jedoch darauf schließen, dass dieser Umstand auf weniger positive Ursachen zu­rückgeht, so Müller. So gebe es in Deutschland schon deshalb mehr Betten, weil deutlich mehr Patienten stationär behandelt würden als in anderen europäischen Staaten.

„Im Jahr 2018 wurden 255 von 1000 Einwohnern in Deutschland stationär behandelt, das sind 50 Pro­zent mehr als im EU-Durchschnitt. Zudem verbleiben die Patienten länger im Krankenhaus und es gibt einen relativ hohen Anteil an Einweisungen für Krankheiten, die eigentlich nicht stationär behandelt werden müssten“, erklärt der OECD-Experte. Darunter beispielsweise Diabetes, Asthma oder COPD.

Das ließe auf Probleme in der Versorgungskoordination schließen, da Patienten mit chronischen Erkran­kungen gar nicht erst eingewiesen werden sollten. „Da sind andere Länder schon weiter, die dortigen Systeme schaffen es, solche Patienten aus dem Krankenhaus heraus zu halten“, so Müller.

Hinzu komme, dass der Indikator Bettenverfügbarkeit allein wenig aussagekräftig sei. „Auch das ent­sprechende Personal muss zur Verfügung stehen“, erklärt Müller. Mit 13,2 Pflegekräften auf 1.000 Ein­wohner liegt Deutschland auch hier weit vorn in der EU und wird nur von Finnland mit 14,3 Pflege­kräften pro 1000 Einwohnern übertroffen.

Beim Schlusslicht Griechenland indes sind es nur 3,4 Pflegekräfte pro 1000 Einwohner. „Auf die Bevöl­kerung gesehen ist die Pflegekraftquote hierzulande gut, das Problem ist eher die Pflegekraft-Betten-Relation“, so Müller.

Alle Länder müssen mehr in Gesundheitspersonal investieren

Hier gelte es, sowohl in der Bundesrepublik aber auch europaweit, die Bedingungen für die Pflegekräfte zu verbessern. Hohe Arbeitsbelastung und ein in Relation dazu geringes Einkommen seien wenig attrak­tiv, man müsse neue Wege erschließen, die Menschen in dem Beruf zu halten.

Besonders während der Coronapandemie sei der Mangel an gut ausgebildetem Personal aufgefallen, heißt es in dem Bericht. Vielerorts sei es zwar gelungen, schnell zusätzliche Intensivbetten zu schaffen, meist habe aber das zusätzliche Personal gefehlt, da eine qualifizierte Ausbildung mehr Zeit brauche.

In Frankreich, Belgien oder Irland habe man mit Reservelisten versucht, ausgebildetes, aber nicht mehr im medizinischen Bereich tätiges Personal auf Abruf zu mobilisieren. Langfristig müssten aber alle Länder mehr Geld in ihr Gesundheitspersonal investieren. © alir/aerzteblatt.de

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