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Politik

„Der Anlass für die Qualitätssicherung ist nicht Misstrauen“

Mittwoch, 30. Dezember 2020

Berlin – Seit seiner Gründung im Jahr 2015 ist das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) für die Ausarbeiten und Durchführung der Qualitätssicherungsmaßnahmen zuständig, die der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) auf den Weg bringt.

Dazu gehört unter anderem die externe Qualitätssicherung, über die die Qualität verschiedener Leistun­gen im Krankenhaus über eine Auswahl an Qualitätsindikatoren gemessen wird. Die sechsjährige Amts­zeit des ersten IQTIG-Leiters, Christof Veit, geht zum 31. Dezember dieses Jahres zu Ende.

Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) erklärt Veit, wie die deutsche Qualitätssicherung (QS) im internatio­nalen Vergleich dasteht, welche Neuerungen es künftig geben wird und was er seinem Nachfol­ger wünscht.

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Fünf Fragen an Christof Veit, Leiter des IQTIG

Deutsches Ärzteblatt: Herr Veit, wie hat sich die Qualitätssiche­rung in Deutschland in den vergangenen Jahren entwickelt?
Christof Veit: Dass wir in sehr vielen Aspekten inzwischen eine durchgängig gute bis sehr gute Qualität haben, ist das Ergebnis der mehrjährigen Arbeit der Leistungserbringer sowie der Verfahrens­partner auf Landes- und Bundesebene. Dies belegt auch der diesjährige Qualitätsreport.

Darin wird beispielsweise über die Entwicklung der präoperativen Verweildauer nach Femurfraktur berichtet. Im Jahr 2015 mussten noch über 22 Prozent der betroffenen Patientinnen und Patienten länger als gefordert auf eine Operation warten. Im Jahr 2019 wa­ren es nur noch 12,8 Prozent. Das ist eine enorme Verbesserung der Versorgungssituation, von der tausende Patienten profitieren. Studien belegen, dass sich deren Situation hinsichtlich Sterblich­keit und Morbidität bei kurzer präoperativer Verweildauer deutlich verbessert.

Die zusätzliche Einführung der Qualitätsstrukturrichtlinie für die Versorgung von Femurfrakturen und die inhaltliche Weiterentwicklung der Qualitätsindikatoren durch das IQTIG flankieren die Bemühungen aller Beteiligten in diesem QS-Verfahren. Die Ergebnisse zeigen, welche Effektivität die fokussierten Aktivitä­ten haben können. Dies ist eines von mehreren Beispielen, auf die alle stolz sein können; es ist auch ein Ansporn für all die Aspekte, bei denen eine solche Verbesserung noch nicht erreicht werden konnte.

DÄ: Welche Rahmenbedingungen haben Ihre Arbeit befördert, welche haben Ihre Arbeit behindert?
Veit: Parallel zur Gründung des IQTIG schuf der Gesetzgeber die rechtlichen Grundlagen für etliche neue QS-Verfahren und -Instrumente, wie zum Beispiel die sektorenübergreifende Qualitätssicherung, die Nutzung von Routinedaten, die künftige Integration von Patientenbefragungen oder die laienverständ­liche Darstellung der Ergebnisse im Internet.

Dadurch konnte die Qualitätssicherung etliche neue Wege einschlagen, die langfristig zu einer besseren Darstellung der Versorgungsqualität, zu einer Reduktion des Dokumentationsaufwands sowie zu einer intensiveren Nutzung der Ergebnisse führen werden.

Vieles wurde schon erreicht, einiges übersteht gerade die Phase der unvermeidlichen Anfangsschwierig­keiten und anderes – wie zum Beispiel die Patientenbefragungen – steht kurz vor der Einführung. Diese Möglichkeiten haben natürlich die Arbeit des IQTIG sehr befördert.

Die hohen Anforderungen an die Qualität der Instrumente der Qualitätssicherung und die sicher nicht immer leichten Entscheidungswege im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss bedingen allerdings noch sehr lange Zeitverläufe zwischen der Beauftragung und dem Start im Regelbetrieb. Hier muss die künftige Entwicklung der Methodik – zum Beispiel über abgestufte Konzepte – Wege finden, damit die QS-Ver­fahren bei aktuellen Fragestellungen zeitnaher, fokussierter und noch effektiver eingesetzt werden können.

Eine große Herausforderung für das IQTIG war sicher, in kurzer Zeit ein Institut von dieser Größe gänz­lich neu aufzubauen und den Regelbetrieb und die Neuentwicklungen nach elf Monaten vollumfänglich zu übernehmen, während gleichzeitig die Verfahren selbst einem enormen Umbau unterworfen waren und noch sind. Neuentwicklungen und Konsolidierungsmaßnahmen konkurrierten. Dies wird auch künf­tig noch ein wichtiges Thema für das IQTIG sein.

DÄ: Wie bewerten Sie die Qualität der Qualitätssicherung in Deutschland derzeit – auch im Vergleich zu anderen Ländern?'
Veit: In Deutschland gibt es eine gute Mischung aus vielen dezentralen, eigenmotivierten Aktivitäten zum Qualitätsmanagement und zur Qualitätssicherung. Gleichzeitig setzt die externe Qualitätssicherung flächendeckend einheitliche Maßstäbe für die Versorgungsqualität in wichtigen Themenbereichen.

Nicht zuletzt erhält Deutschland immer wieder hohe Anerkennung für den Umfang der verfügbaren, detaillierten Qualitätsdaten, für deren transparente Herleitung sowie für das Konzept des strukturierten Dialogs – der künftig Stellungnahmeverfahren heißen wird –, in dem keine Bewertung der Versorgungs­qualität nur nach statistischen Kriterien erfolgt.

Dies ist für die Akzeptanz der Qualitätsbewertungen von großer Bedeutung. Wir müssen nur darauf achten, dass solche Stellungnahmeverfahren so weit als möglich von unnötiger Bürokratie befreit werden, sodass sie sich standardisiert mit akzeptablem Aufwand auf die Klärung tatsächlicher Probleme konzentrieren können. Das IQTIG hat hierzu konkrete methodische Konzepte erarbeitet, sodass die Stellungnahme­verfahren künftig noch einheitlicher und damit noch fairer und effizienter durchgeführt werden können.

Die internationalen Vergleiche, die zum Beispiel der Commonwealth Fund jedes Jahr aufgrund von Be­fragungen der Bevölkerung und der Allgemeinärzte in elf Industrienationen veröffentlicht, zeigen deut­liche Unterschiede in diesen vergleichbaren Ländern. So zeigte sich bei den letzten Ergebnissen, dass Deutschland – bekanntermaßen – bei der Digitalisierung noch Aufholbedarf hat. Es nimmt andererseits zum Beispiel bei der Erreichbarkeit medizinischer Versorgung außerhalb der üblichen Öffnungszeiten von Praxen eine internationale Spitzenposition ein.

Spannend wird sein, wie die Ergebnisse für die ambulant erworbenen Pneumonien im Jahr 2020 ausse­hen werden, zu denen ja auch coronabedingte Pneumonien zählen – insbesondere auch aus epidemio­logischer Sicht. Die Qualitätssicherung erfüllt hier gleichzeitig die Funktion eines Monitorings, die in anderen Ländern, aber auch in Deutschland, durch Register realisiert wird. Daher ist künftig eine engere Zusammenarbeit von externer Qualitätssicherung und verschiedenen Registern geplant.

DÄ: Viele Ärzte fühlen sich durch die Qualitätssicherung gegängelt. Sie argumentieren, dass die Qualität der medizinischen Versorgung steigen würde, wenn sie mehr Zeit für die Patientenversorgung hätten und weniger mit Dokumentationsaufgaben verbringen müssten. Wie sehen Sie das? Herrscht im deutschen Gesundheitswesen zu wenig Vertrauen in die Arbeit der Ärzteschaft?
Veit: Umfragen zeigen, dass das Vertrauen der Bevölkerung in die Ärzteschaft nach wie vor groß ist. Der Anlass für die Qualitätssicherung ist nicht Misstrauen. Qualitätssicherung ist selbstverständlicher Teil professionellen Handels in allen zentralen Bereichen der Gesellschaft geworden. Die meisten derzeiti­gen QS-Verfahren gehen auf ärztliche Initiative zurück. Mit neuen Leitlinien werden inzwischen meist auch Qualitätsindikatoren formuliert.

Das Gefühl der Gängelung ist aber dennoch vorhanden und muss adressiert werden. Die Frage, ob die Qualitätsindikatoren die relevanten Aspekte der Versorgungsqualität valide adressieren, ob die Quali­täts­vergleiche fair sind, die Frage der Praktikabilität in der Regelversorgung, die Frage, ob die Verfahren für diejenigen, die die Patienten versorgen, hilfreich sind, und das Aufwand-Nutzen Verhältnis müssen beachtet werden.

Nur dann kann es gelingen, angemessen die Versorgungsqualität darzustellen. Aber dazu zählt natürlich auch, dass wissenschaftlich fundierte Standards eingehalten werden. Das ist keine Gängelung, sondern dient der Gewährleistung von Patientensicherheit, die ja gerade auch von ärztlicher Seite unterstützt und gefordert wird.

DÄ: Welche Pläne haben Sie für Ihre Zukunft? Und was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?
Veit: Gerne folge ich einer Einladung des BQS-Instituts, das ja bis zum Jahr 2009 im Auftrag des G-BA die externe Qualitätssicherung durchgeführt hat und dessen Geschäftsführer ich zwischen 2007 und 2015 war. Ab Januar 2021 werde ich dort wieder Institutsleiter in einer erneuerten Teamaufstellung sein.

Das beinhaltet vor allem direkte Projektarbeit mit verschiedenen Partnern des Gesundheitswesens in ganz unterschiedlichen Projekten, unter anderem mit Registern, Patientenbefragungen und anderen zentralen Themen der Gesundheitsversorgung. Ich freue mich, hier weiterhin meine Expertise mit Engagement einbringen zu können.

Meinem Nachfolger, Professor Claus-Dieter Heidecke, wünsche ich allzeit eine gute Mischung aus Geduld und Ungeduld sowie den Humor, den man in diesem schwierigen Amt braucht. Aber so, wie ich ihn kenne, hat er von beidem reichlich. Das ist gut. © fos/aerzteblatt.de

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