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„Die Bedürfnisse von Betroffenen müssen bei allen technologischen Fortschritten im Mittelpunkt stehen.“

Dienstag, 22. Dezember 2020

Berlin – Die Nutzung von patientenindividuellen medizinischen Daten und KI-Assistenzsystemen könnte künftig zu einer verbesserten medizinischen Versorgung führen. Eine aktuelle wissenschaftliche Studie befasst sich damit, wie Patientenvertretungen die sich bietenden Chancen, aber auch die Herausfor­derungen beim Einsatz von KI-Systemen bewerten. Das Deutsche Ärzteblatt sprach mit dem Mitautor der Studie, Karsten Hiltawsky, Leiter der Abteilung Technology & Intellectual Property der Drägerwerk AG & Co. KGaA und Co-Leiter der Arbeitsgruppe Gesundheit, Medizintechnik, Pflege der Plattform Lernende Systeme.

5 Fragen an Karsten Hiltawsky, Co-Leiter der Arbeitsgruppe Ge­sundheit, Medizintechnik, Pflege der Plattform Lernende Systeme

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Deutsches Ärzteblatt: Welche Potenziale sehen Sie bezüglich des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz (KI) für das Gesundheitswe­sen?
Karsten Hiltawsky: Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz kann künftig bei der Prävention, frühzeitigen Diagnose sowie bei indivi­du­alisierten Therapien zu besseren Behandlungsergebnissen füh­ren, die Entdeckung neuer medizinischer Zusammenhänge und innovativer Präventionsansätze ermöglichen und somit unsere Gesundheitsfürsorge verbessern.

Mit Hilfe von KI könnten etwa in naher Zukunft die Bilddiagnostik verbessert und beispielsweise Ultraschall- und Röntgen­bilder oder auch Pathologiebefunde noch präziser, schneller und zuverlässiger analysiert werden. Ärztinnen und Ärzte könnten sich künftig daher beim Auswerten bildgebender Verfahren flächende­ckend auf KI-Systeme stützen und so präzisere Diagnosen stellen.

Aus vernetzten Daten können KI-Systeme zudem Vorschläge zu geeigneten Präventionsansätzen oder Therapiemaßnahmen ableiten – und auf diese Weise Medizinerinnen und Mediziner im Entscheidungs­pro­zess unterstützen.

DÄ: Werden bei der Diskussion um die möglichen technologischen Fortschritte mittels KI die Bedürfnisse von Patienten beziehungsweise Pflegebedürftigen genügend berücksichtigt?
Hiltawsky: Das Wohl und die Bedürfnisse von Betroffenen müssen bei allen technologischen Fortschrit­ten im Mittelpunkt stehen, auch bei der Nutzung von KI im Gesundheitswesen. Ein zentrales Anliegen für uns in der Arbeitsgruppe Gesundheit, Medizintechnik, Pflege der Plattform Lernende Systeme war es da­her immer, auch die Perspektive von Patientinnen und Patienten sowie von Pflegebedürftigen in den Blick zu nehmen.

In bisherigen Studien ist die Perspektive Betroffener bei der Analyse von Potenzialen und Herausforde­rungen der Digitalisierung des Gesundheitswesens und dem Einsatz von KI-Systemen nur teilweise be­rücksichtigt worden – meist liegt der Fokus auf technischen Potenzialen.

Im Hinblick auf die Qualitätssicherung und -verbesserung sowie die Zufriedenheit mit der medizinischen Betreuung, ist die Perspektive Betroffener und deren Einbezug in die verschiedenen Prozesse aber von größter Relevanz. Nur dadurch können eine nachhaltige Einführung digitaler und KI-basierter Technologien in der Medizin gelingen und die neuen Methoden ihre vollen Nutzenpotenziale entfalten.

DÄ: Könnten Sie uns kurz die Methodik der Studie des Teams skizzieren?
Hiltawsky: Da die Perspektive Betroffener in Bezug auf die Verwendung von KI-Systemen in der Medizin bisher kaum untersucht wurde, haben wir uns für ein mehrstufiges, qualitatives Studiendesign entschie­den, mit dessen Hilfe wir – in Anlehnung an die Methode der Delphi-Befragung – Wahrnehmungen ver­schiedener Patientenvertretungen bündeln wollten. Die Patientenvertreterinnen und -vertreter kennen die Wünsche, Ängste und Bedürfnisse bestimmter Betroffenengruppen aus erster Hand und können so valide Aussagen zu wahrgenommenen Chancen und Herausforderungen treffen.

Die Auswahl der von uns befragten Patientenvertretungen erfolgte unter Berücksichtigung möglichst verschiedener Krankheitsbilder. In einem ersten Schritt wurden 12 Patientenvertretungen einzeln zu bestimmten Themen der Digitalisierung und KI-basierten Assistenzsystemen im Gesundheitswesen befragt. Basierend auf diesen ersten Ergebnissen konnten anschließend 16 Patientenvertretungen im Rahmen einer qualitativen Gruppendiskussion Standpunkte im Format eines World Cafés interaktiv diskutieren und gemeinsam Priorisierungen von Themenkomplexen vornehmen.

DÄ: Welche Chancen und Risiken beim KI-Einsatz sehen die Patientenvertretungen?
Hiltawsky: Die Befragung der Patientenvertretungen zeigt, dass diese den Potenzialen neuer KI-Techno­logien grundsätzlich aufgeschlossen gegenüberstehen. So überwiegen die Chancen durch den Einsatz von KI im Gesundheitswesen in der Wahrnehmung der Betroffenen gegenüber den potenziellen Risiken. Die Mehrzahl der Patientenvertreterinnen und -vertreter erhofft sich mit Hilfe von KI-Systemen eine stärker personalisierte Behandlung und eine umfassendere und schnellere Diagnosefindung. Als viel­ver­sprechend werden auch neue Möglichkeiten der Teilhabe und Inklusion im Behandlungsprozess einge­stuft.

Die größte Gefahr beim Einsatz von KI-Systemen im Gesundheitswesen sehen die verschiedenen Betroffenengruppen in der fehlenden Datensicherheit und in den Folgeproblemen von Datenmissbrauch und Cyberkriminalität. Ein umsichtiger Datenschutz ist daher für die Patientenvertretungen eine notwen­dige Voraussetzung, um die KI-gestützte Versorgung zu stärken.

Die Angst vor fehlerhaften oder diskri­mi­nierenden Therapieentscheidungen des medizinischen oder pflegerischen Personals, die auf Basis von KI-Technologien getroffen werden, stellt ebenfalls eine große Herausforderung dar. Befürchtet wird dabei vor allem, dass falsche oder für die Betroffenen nachteilige Entscheidungen getroffen werden. Hier gilt es, durch eine stabile IT-Sicherheit Datenmissbrauch zu verhindern und Datensätze hinsichtlich Zweck, Qualität und Größe stets kritisch zu analysieren.

DÄ: Wie sollten sich diese Ergebnisse idealerweise in der Zukunft auswirken?
Hiltawsky: Wir sollten die Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten sowie Pflegebedürftiger zukünftig noch stärker bei der Entwicklung und Anwendung von KI-Systemen berücksichtigen. Nur dadurch wird die nachhaltige Einführung digitaler und KI-basierter Technologien in der Medizin möglich. Ebenso kann die Wirksamkeit der neuartigen Behandlungsmethoden nur durch eine gute Benutzerfreundlichkeit sichergestellt werden. Wichtig ist dabei die strukturelle Einbindung der Patienteninteressen in allen Bereichen des Gesundheitswesens und eine kritische Diskussion der Entwicklung von KI-basierten Medizinprodukten.

Aus unseren Ergebnissen kann auch abgeleitet werden, dass noch weiterer Aufklärungsbedarf über die Funktionsweise und Anwendungsmöglichkeiten von KI-basierten Assistenzsystemen besteht und wir erst am Anfang eines notwendigen breiten Dialogprozesses zum Thema KI in der Medizin stehen. Potenziale und Grenzen von KI-Systemen in der Medizin sollten daher öffentlich kommuniziert und politisch disku­tiert werden, um die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Relevanz zu stärken und die Akzeptanz weiter zu erhöhen. © aha/aerzteblatt.de

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