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Medizin

SARS-CoV-2: Neuer Stamm jetzt „Variant of Concern“

Dienstag, 22. Dezember 2020

SARS-CoV-2-Infektion/ picture alliance, ZUMAPRESS

London – Die neue Virusvariante VUI-202012/01, die inzwischen als VOC-202012/01 (für „Variant of Concern“) bezeichnet wird, bereitet den britischen Virologen Sorgen. Die oberste Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) ist mittlerweile überzeugt, dass das mehrfach mutierte Virus für den raschen Anstieg der Fallzahlen im Süden Englands mitverantwortlich ist, was aus der Zunahme teilweise falsch-negativer PCR-Tests abgeleitet wird. Eine nachlassende Wirkung von Impfung und Antikörper durch die Mutation N501Y wird nicht ausgeschlossen. Erkenntnisse zur Pathogenität gibt es noch nicht.

In Großbritannien werden weltweit die meisten Genome von SARS-CoV-2 sequenziert. Aktuell sind es laut der Webseite des COG-UK-Konsortiums 157.439 Genome (von etwa 285.000 Genomen, die der Datenbank GISAID übermittelt wurden). Die britischen Forscher achten vor allem auf Veränderungen im Gen für das S-Protein von SARS-CoV-2, weil das Virus mit ihm an den Epithelzellen andockt.

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Mutationen sind keineswegs selten. Bis zum 15. Dezember wurden 1.777 sogenannten nichtsynonymen Mutationen im S-Gen nachgewiesen. Nichtsynonym sind Mutationen, die die Aminosäureabfolge verän­dern. Dies kann im S-Protein weitreichende Folgen haben.

Zum einen kann sich die Bindungsfähigkeit und damit die Ansteckungsfähigkeit des Virus verändern. Die Mutationen können auch dazu führen, dass die Tests das Virus nicht mehr erkennen, und drittens könnten die Antikörper des Immunsystems das Virus nicht mehr erkennen. Dies könnte die Wirkung einer Impfung abschwächen. Betroffen sein könnten aber auch Antikörperpräparate.

Die neue Variante VOC-202012/01 zeichnet sich durch 23 Mutationen aus, darunter sind 13 nichtsynony­me Mutationen, 4 Deletionen und 6 synonyme Mutationen. Eine Folge ist, dass in den PCR-Tests der Abstriche 1 von 3 Komponenten (die nach dem S-Gen fahndet) negativ ausfällt, die anderen beiden (die nach den Genen F und ORF1ab suchen) dagegen weiter positiv bleiben.

Diese diskrepanten Ergebnisse haben es möglich gemacht, die Ausbreitung von VOC-202012/01 zu unter­suchen. Es stellte sich heraus, dass die Zahl der selektiv im S-Gen negativen Abstriche im Osten und Süd­osten Englands in den letzten Wochen stark zugenommen hat. Aus der Zunahme lässt sich der Anteil von VOC-202012/01 am Rt-Wert abschätzen.

Das ist die aktuelle Reproduktionszahl des Virus. Nach den Berechnungen der britischen Forscher hat VOC-202012/01 den Rt-Wert um 0,52 erhöht (95-%-Konfidenzintervall 0,39 bis 0,70). Dies kann beispielsweise bedeuten, dass der Rt-Wert in einer Region von 0,8 auf 1,32 ansteigt. Da bei einem Rt-Wert über 1,0 ein exponentielles Wachstum einsetzt, könnte VOC-202012/01 daran beteiligt sein, dass in England die Infektionszahlen derzeit wieder stark ansteigen.

Dies könnte vor allem an der Mutation N501Y liegen, da diese Mutation ausgerechnet 1 von 6 Amino­säuren in der Rezeptorbindungsdomäne im S-Protein verändert. Auch die Deletion von 2 Amino­säuren (69-70del) im S-Protein könnte sich negativ auf das Bindungsverhalten des Virus auswirken.

Sorgen bereitet zudem die Mutation P681H (ebenfalls im S-Gen), da sie sich unmittelbar neben der Furinspal­­tungs­stelle befindet. Sie beeinflusst nach der Bindung das weitere Eindringen des Virus in die Zelle.

Die bisherigen Untersuchungen zeigen, dass vor allem die Mutation N501Y das Verhalten des Virus verän­dert. Sie erhöht zum einen die Interaktion des Virus mit dem humanen ACE2-Rezeptor, was die beobachtete gesteigerte Übertragbarkeit erklärt. N501Y könnte allerdings auch die Fähigkeit von Antikörpern, das Virus zu neutralisieren, gefährden.

Ob dies der Fall ist, wird derzeit untersucht. Andere Mutationen an Position 501 haben in Laborexperi­menten die Wirkung des Antikörpers LYCoV016 herabgesetzt, der derzeit in der BLAZE-2 Studie an Pati­enten mit COVID-19 getestet wird (der Antikörper ist nicht identisch mit Bamlanivimab, das in den USA im November zugelassen wurde). Sollte N501Y die Antikörper ins Leere greifen lassen, könnte dies auch dazu führen, dass Patienten sich ein 2. Mal mit SARS-CoV-2 infizieren. Dafür gibt es derzeit keine Hinweise.

Völlig unklar ist, ob VOC-202012/01 die Pathogenität erhöht. Dann könnte die Mortalität an COVID-19 ansteigen. Auch hierfür gibt es derzeit keine Hinweise. © rme/aerzteblatt.de

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