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Politik

Impfstrategie der Bundesregierung erntet harsche Kritik

Montag, 4. Januar 2021

/picture alliance, Felix Kästle

Berlin – Die Coronaimpfungen haben im vergangenen Jahr in Deutschland am 27. Dezember offiziell be­gonnen. Nach Problemen bei der Beschaffung und der Verteilung des Impfstoffes werden in Deutschland von vielen die Schuldigen dafür gesucht.

„Ich halte die derzeitige Situation für grobes Versagen der Verantwortlichen", sagte etwa die Neurologin Frauke Zipp, Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der Welt. Sie fragt, wa­rum man im Sommer nicht viel mehr Impfstoff auf Risiko bestellt habe. Mit genügend Impfstoff könnten 60 Prozent der Bevölkerung in zwei bis drei Monaten immunisiert werden, sagte die Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurologie an der Universität Mainz.

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FDP-Generalsekretär Volker Wissing sagte, am Beispiel Israels und anderer Länder zeige sich, „dass es möglich ist, schneller zu impfen“. Die Bundesregierung muss sehr gut erklären, warum das in Deutsch­land so schleppend laufe. Auch Linken-Chef Bernd Riexinger zeigte sich „schon ein wenig verwundert, wie wenig Impfdosen die EU bestellt hat“.

Grünen-Gesundheitsexpertin Kordula Schulz-Asche sagte der Welt, es wäre aus heutiger Sicht besser ge­wesen, „mehr und verschiedene Impfstoffe“ auf Risiko zu bestellen. Allerdings verwies sie darauf, dass sich im Sommer auch das Biontech-Vakzin noch in den Testphase befunden habe.

Der AfD-Forschungspolitiker Götz Frömming erklärte in Berlin, „das zögerliche Handeln der Bundesre­gie­rung führt nun dazu, dass Deutschland später wieder zur Normalität zurückkehren wird als andere Länder“.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte der Rheinischen Post, offenbar habe die Regierung zu sehr auf spätere und vielleicht preiswertere Impfstoffe gehofft. Er forderte eine schnelle Zulassung des Impfstoffs von AstraZeneca – notfalls im deutschen Alleingang.

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) aufgefordert, sich einzu­schalten. Deutschland stehe im Vergleich mit anderen Ländern schlechter da, sagte er im ARD-„Morgen­magazin“. Die Schuld hierfür gibt Klingbeil Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU).

Klingbeil forderte „eine nationale Kraftanstrengung“ unter der Leitung Merkels. Ähnlich sagte er das auch der Bild. Er wiederholte die Forderung, alle Pharmaunternehmen an einen Tisch zu rufen, um aus­zu­loten, wie Kooperationsverträge aussehen könnten.

Komplexe Angelegenheit

Anders als zahllose Kritiker der Impfstrategie von EU und Bundesregierung hält der Virologe Christian Drosten es nicht für möglich, das Vorgehen bei der Bestellung von Impfstoffen rückblickend zu bewer­ten. „Das ist so eine komplexe Angelegenheit. Man musste den Impfstoff mit Monaten Vorlauf bestellen – und wusste zu dem Zeitpunkt gar nicht, ob der betreffende Impfstoff auch funktionieren würde“, sagte er der Berliner Morgenpost. „Es ist jetzt praktisch unmöglich, das im Nachhinein zu bewerten.“

Die EU sollte aber schnell hinterherkommen, den in Großbritannien bereits Notfall zugelassenen Impf­stoff von Astrazeneca zu bekommen. „Denn dieser Impfstoff kann auch in normalen Arztpraxen geimpft werden. Bei diesem Impfstoff hat man nicht die besondere Kühlpflicht“, erklärte er.

Auch der CDU-Vorsitzkandidat Norbert Röttgen wies Kritik daran zurück, dass Deutschland sich nicht an der EU vorbei im Alleingang Impfstoffe gesichert hat. „Ich finde es richtig, dass die deutsche Politik ei­nem Impfnationalismus eine klare Absage erteilt hat“, sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Der nordrhein-westfälische Ge­sund­heits­mi­nis­ter Karl-Josef Laumann (CDU) betonte, er sehe „überhaupt keine Fehler". Es sei „völlig richtig“ gewesen, bei der Beschaffung der Impfdosen auf mehrere Hersteller zu setzen. Bei der Bestellung sei schließlich noch nicht klar gewesen, welcher Impfstoff wann zugelas­sen werde.

„Dass es am Anfang knapp ist, war eigentlich allen, die mit dem Thema beschäftigt sind, hinlänglich be­kannt“, sagte Laumann zur Frage, ob auf EU-Ebene zu wenige Dosen bestellt worden seien. Das zentrale Problem seien die begrenzten Produktionskapazitäten. Auch die gemeinsame Beschaffung der EU-Mit­gliedsstaaten sei richtig gewesen und „nationalen Alleingängen“ vorzuziehen.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hat die Vorgehensweise zuletzt ebenfalls mehr­fach ver­teidigt. „Es läuft genauso, wie es geplant war“, sagte Spahn etwa in der Nachrichtensendung „RTL Aktu­ell“. 1,3 Millionen Dosen des Biontech-Pfizer-Impfstoffs seien bis Ende 2020 an die Bundesländer aus­geliefert worden. Bis Ende Januar werde sich diese Zahl auf insgesamt vier Millionen erhöhen.

Das seien genau die Mengen, die er seit Wochen angekündigt habe, „mit dem Hinweis, dass es am An­fang knapp sein würde und wir deshalb priorisieren müssen“. Spahn verwies zudem auf Pläne, schon im Februar in Marburg eine zusätzliche Produktionsstätte für den Impfstoff von Biontech und Pfizer zu schaffen.

Rund 260.000 Impfungen

Im Verlauf des Monats könnte laut Spahn weiterer Impfstoff vom Hersteller Moderna dazukommen. Das Ministeriums rechnet damit, dass dieser am 6. Januar zugelassen wird. „Die genauen Lieferpläne für die­sen Impfstoff werden wir dann zügig mit der EU und dem Unternehmen abstimmen“, hieß es. Im Laufe des ersten Quartals seien außerdem weitere Zulassungen wahrscheinlich.

Stand heute Mittag waren in Deutschland insgesamt 264.952 Impfungen an das Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldet worden. Im Vergleich zum Vortag stieg die Zahl dort erfasster Geimpfter um 22.234, wie aus den RKI-Angaben hervorgeht. Diese Zahl könne allerdings auch Nachmeldungen enthalten und spiegele nicht die Zahl der an einem Tag tatsächlich Geimpften wider, betont das RKI.

Die meisten Impfungen pro 1.000 Einwohner wurden vom RKI bisher für Mecklenburg-Vorpommern (7,1) erfasst, gefolgt von Sachsen-Anhalt (6,1) und Hessen (5,3). Die wenigsten Impfungen im Verhältnis zur Einwohnerzahl wurden bisher aus Thüringen (0,4), Niedersachsen (0,7) und Sachsen (1,2) gemeldet. Der Bundesschnitt liegt bei 3,2 Impfungen pro 1.000 Einwohner.

Unter den Geimpften sind rund 114.300 Bewohner von Pflegeheimen. Etwa 122.400 Menschen erhielten die Impfung aus beruflichen Gründen. Darunter fällt medizinisches Personal mit sehr hohem Anste­ckungsrisiko sowie Personal in der Altenpflege. Insgesamt 62.805 Menschen wurden wegen ihres hohen Alters über 80 Jahre geimpft. In knapp 8.000 Fällen gab es einen medizinischen Anlass. Pro Person kann es mehr als einen Grund für die Impfung geben.

Die Werte, die den Behörden der einzelnen Bundesländer vorliegen, können deutlich höher liegen als die vom RKI gemeldeten, da die Meldungen zum Impfgeschehen teilweise mit einigem Verzug an das Institut übermittelt werden. © dpa/afp/may/aerzteblatt.de

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