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Ausland

Corona: So könnte Europa den Impfstoffengpass überwinden

Dienstag, 5. Januar 2021

/picture alliance, Henning Kaiser

Brüssel – Einen Impfstoff gegen COVID-19 hat die EU bereits zugelassen, ein weiterer steht kurz zuvor. Doch von beiden hat die Europäische Kommission vergleichsweise wenig vorbestellt und die Produktion läuft bislang nur schleppend. Die Hersteller, die den Europäern die meisten Dosen liefern sollten, käm­pfen mit Schwierigkeiten. Wie lässt sich die Situation noch retten?

Vor allem aus Deutschland kommt seit der Zulassung des Impfstoffs der Unternehmen Biontech und Pfizer harsche Kritik und der Vorwurf, Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hätte frühzeitig auf eine nationale Lösung umschwenken und mehr Impfstoff für die Bundesrepublik sichern sollen.

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Eine Diskussion über die Versorgung mit Impfstoff sei zwar verständlich, die heftige Kritik an der Arbeit der Europäischen Kommission, die mit den Herstellern verhandelte, sei jedoch unverhältnismäßig, er­klärt der gesundheitspolitische Sprecher der größten Christdemokraten im Europäischen Parlament (EVP) Peter Liese.

Er appelliert an die Kritiker, lösungsorientier zu diskutieren und schlägt Maßnahmen vor, wie trotz der momentanen Schwierigkeiten, möglichst viele Menschen in den kommenden Monaten geimpft werden könnten. Dies könne etwa über Kooperationen sowie Strategieänderungen der insgesamt sechs Her­steller gelingen, mit denen die EU Abnahmevereinbarungen über insgesamt zwei Milliarden Impfdosen abgeschlossen hat.

Neues Biontech-Werk in Marburg könnte schon im Februar in Betrieb gehen

300 Millionen davon sollen Biontech und Pfizer beisteuern, produktionsbedingt können diese aber nur schrittweise geliefert werden und erfordern viel logistischen Aufwand, da sie bei minus 70 Grad gelagert werden müssen.

Auch Liese unterstützt den Plan, aus den von Biontech gelieferten Ampullen sechs statt wie bisher von der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA zugelassen nur fünf Impfdosen zu entnehmen. Ein entspre­chender Antrag von Biontech liegt der EMA bereits vor.

Ein zur Ankurblung der Produktion des Biontech-Impfstoffs geplantes neues Werk in Marburg könnte nun schon im Februar in Betrieb gehen, so Liese. Zunächst hatte es dabei Schwierigkeiten mit den Behörden gegeben. „Nach Aussagen von Biontech-Vorstandsmitglied Sean Marett können bei Inbetriebnahme des Werks in Marburg 50 Millionen Dosen, die bisher für die EU erst nach dem Sommer zur Lieferung anstan­den, auf vor den Sommer vorgezogen werden“, so Liese.

Curevac erwägt Kooperation mit Biontech

Der mRNA-Impfstoff von Moderna, der nach Angaben der EMA schon morgen eine Zulassung für die EU erhalten könnte, sei ähnlich wirksam wie der Biontech-Impfstoff, aber weniger anspruchsvoll bei der La­gerung und könne so für weitere Entspannung sorgen. Allerdings hat die EU bislang nur 160 Millionen Dosen bei den Amerikanern geordert.

Die größte Menge an Impfstoff sollte eigentlich das deutsche Unternehmen Curevac liefern – 405 Milli­o­nen Dosen. Doch bislang hinkt der Hersteller der Konkurrenz hinterher. Sollte der Impfstoff in der drit­ten Phase der klinischen Prüfungen scheitern, schlägt Liese eine enge Kooperation der beiden deutschen Impfstoffhersteller vor, die beide auf neuartige erbgutbasierte Impfstoffe gesetzt haben.

„Franz-Werner Haas, CEO von Curevac hat mir letzte Woche zugesagt, dass in diesem Fall die Firma be­reit ist, den Biontech-Impfstoff zu produzieren“, erklärte der Europaparlamentarier. Da diese Umstellung allerdings mehrere Monate in Anspruch nehmen könnte, sei dies momentan noch keine Option. Es be­stünde weiterhin die Chance, dass Curevac sein Produkt zur Marktreife bringen und damit die Bekäm­pfung der Pandemie voranbringen könne.

Deutsche Politiker schlagen Sanofi Strategiewechsel vor

Bei dem französischen Pharmakonzern Sanofi, bei dem die EU 300 Impfdosen geordert hat, gibt es indes erns­tere Probleme. „Die Immunantwort bei Risikopersonen ist in ersten Studien nicht ausreichend“, so Liese, „Er kann aber eine Alternative für jüngere Personen darstellen. “

Sanofi hatte bereits im Dezember angekündigt, einen Impfstoff nicht vor Ende 2021 zur Verfügung stell­en zu können. Die derzeitige Planung des Unternehmens sei aus seiner Sicht nicht hilfreich, erklärte Lie­se.

„Sie wollen den Impfstoff im letzten Quartal 2021 zulassen, dann sollte keiner der Risikopersonen in Europa noch auf einen Impfstoff warten.“ Sowohl der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach als auch er selbst seien mit Sanofi im Gespräch, damit die Firma ihre Strategie umstellt und sich auf den Schutz Jüngerer konzentriert.

Problematisch sei auch der Umgang mit dem Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers Astraze­ne­ca. Laut EMA befindet sich dieser bereits in einem Rolling-Review-Verfahren, man habe aber kurz vor Jahreswechsel noch weitere Dokumente anfordern müssen, da wichtige Informationen fehlten.

Liese sieht weitere Baustellen. Das Vakzin sei ein Vektorimpfstoff, beruhe also im Gegensatz zu den neu­artigen erbgutbasierten Produkten von Biontech und Moderna auf einer bewährten Technologie, seine Schutzwirkung sei aber gerade bei älteren Personen nicht so hoch wie bei diesen beiden.

„Deshalb gibt es berechtigte Bedenken, diesen Impfstoff an Risikopersonen zu verabreichen. Die Wirk­sam­keit bei Risikopersonen scheint nicht ausreichend zu sein. Bei Jüngeren ist sie aber durchaus beacht­lich“, so Liese. Eine Zulassung müsse also gegebenenfalls auf Bevölkerungsgruppen begrenzt werden, bei denen in der klinischen Prüfung eine gute Schutzwirkung erzielt wurde.

Es müsse zudem gewährleistet werden, dass diejenigen, die lieber auf die Verfügbarkeit eines stärker schützenden Impfstoffs warten möchten, statt frühzeitig mit dem „weniger wirksamen“ Produkt geimpft zu werden, diese Möglichkeit auch bekommen.

Als problematisch bezeichnete der Europapolitiker darüber hinaus, dass Astrazeneva einem Teil der Stu­dienteilnehmer versehentlich nur die halbe Dosis des Impfstoffs verabreichte und dies im Nachhinein als Erfolg verkauft habe, als sich herausstellte, dass sich bei der halben Dosis eine bessere Schutzwirkung aufbaue.

„Das stärkt sicher nicht das Vertrauen in diesen Hersteller“, erklärte Liese. Unter normalen Umständen sei eine nicht korrekt durchgeführte klinische Prüdung keine Basis für eine Zulassung. Es sei aber in diesem Fall gerechtfertigt, eine Ausnahme zu machen. © alir/aerzteblatt.de

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