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Ärzteschaft

Neue und aktualisierte S3-Leitlinien zu Medikamenten-, Alkohol- und Tabakabhängigkeit

Mittwoch, 20. Januar 2021

/Africa Studio, stock.adobe.com

Berlin – Alkohol-, Tabak- und Medikamentenabhängigkeit sind die schwerwiegendsten Suchterkran­kun­gen in Deutschland. Rund 200 Menschen sterben täglich durch Alkoholmissbrauch, durch Rauchen sind es jährlich mehr Todesfälle als durch AIDS, Alkohol, illegale Drogen, Verkehrsunfälle, Morde und Suizide zusammengenommen und bei schädlichem und abhängigem Medikamentenkonsum ist von knapp drei Millionen Fällen pro Jahr auszugehen.

Auf diese Zahlen hat die Deutsche Gesellschaft Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) heute bei einer digitalen Pressekonferenz hingewiesen. Die Fachgesellschaft stellt dabei zu­sammen mit der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht) die beiden aktualisierten S3-Leitlinien zum Screening, Diagnostik und Behandlung alkoholbezogener Störungen, zu Rauchen und Tabakabhängigkeit ebenso wie die neue S3-Leitlinie zu Medikamentenbezogenen Störun­gen vor.

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„Die drei S3-Leitlinien zur Sucht sind ein wichtiger Meilenstein. Sie geben nicht nur den Experten gezielt Unterstützung und Orientierung, sie sollen auch die Gefahren, die vom Alkohol-, Tabak- und Medika­men­tenkonsum ausgehen können, in der Gesellschaft bekannter machen und für eine frühe Diagnostik, frü­hes Screening und rechtzeitige Interventionen werben“, sagte der im Dezember gewählte neue DGPPN-Präsident Thomas Pollmächer, Zentrum für psychische Gesundheit und Klinik für Psychiatrie und Psycho­therapie aus Ingolstadt.

Die Coronapandemie hat Einfluss auf die Zunahme des Konsums. Pollmächer wies beispielsweise auf eine Erhebung in Süddeutschland im Frühjahr 2020 hin, bei der rund 40 Prozent der befragten Personen einen erhöhten Alkohol-und Tabakkonsum aufwiesen. „Wir wissen, dass Isolation ein Faktor für den An­stieg von Suchtmittelkonsum ist. Belegbare Daten werden wir aber wohl erst zum Ende der Pandemie haben“, berichtete Pollmächer.

Die grundsätzliche Tolerierung des Konsums von Alkohol und Tabak durch die Gesellschaft und die Angst der Betroffenen vor Stigmatisierung tragen seiner Ansicht aber generell dazu bei, dass die zahlreichen Therapie- und Präventionsangebote, die das Gesundheitssystem in Deutschland vor der Pandemie be­reit­hielt, viel zu wenig in Anspruch genommen wurden. Corona hat die Situation außerdem verschärft. Es fehle zudem an Aufklärung, an Vernetzung und an ausreichend Wissen darüber, was moderne Sucht­the­rapien und Rehabilitation leisten könne.

Drogenbeauftragte setzt auf Prävention

„Rauchen schafft das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko. Es gibt kein gutes Argument, einen Stoff, der so vielen Menschen Schaden zufügt, im legalen Verkauf zu lassen“, betonte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig. In einer freiheitsliebenden Gesellschaft sei es zudem kaum mög­lich, Alkohol zu verbieten.

Ludwig sieht ihre Mittel daher in der Prävention. Sie will in diesem Jahr eine breite Initiative zum Rauch­ausstieg auflegen. Die aktualisierte S3-Leitlinie sieht sie als Richtlinie für diese Kampagne. In die Ju­gend­kampagne „Alkohol – kenn dein Limit“ sollen in diesem Jahr zwei Millionen Euro investiert werden, um den „niedrigen Bekanntheitsgrad“ zu steigern.

„Viel zu häufig noch konzentriert sich die ärztliche Behandlung allein auf die vorhandenen Begleit-und Folgeerkrankungen der Suchtstörungen. Nur ein Zehntel der Suchtkranken erhält auch eine angemesse­ne Suchttherapie“, konstatierte Rainer Thomasius, Deutsches Zentrums für Suchtfragen des Kindes-und Jugendalters im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Präsident der DG-Sucht.

Für die alkoholbezogenen Störungen bestehe der größte Handlungsbedarf bei der möglichst flächen­deckenden Früherkennung riskanter und gesundheitsschädigender Gebrauchsmuster sowie der Bereit­stellung früher Interventionen. Hilfen müssen Thomasius zufolge gestuft und am individuellen Bedarf der Betroffenen ausgerichtet werden. Interventionen sollten ein weites Spektrum an Therapiezielen umfassen – von der Trinkmengenreduktion bis hin zu lebenslanger Abstinenz.

Des Weiteren ständen für den Rauchstopp innovative psychotherapeutische und pharmakologische Interventionen zur Verfügung. Bei der Medikamentenabhängigkeit seien die neu auf dem Verschrei­bungsmarkt befindlichen Stoffgruppen mit relevantem Suchtpotenzial neben den bekanntermaßen Abhängigkeit erzeugenden und vielfach missbräuchlich verwendeten Medikamenten (Opioide, Benzo­diazepine, Stimulanzien) von besonderem Interesse.

Nur wenige werden vom Suchthilfesystem versorgt

„Alkohol ist in unserer Gesellschaft ein allgegenwärtiges Konsum-und Wirtschaftsprodukt, dessen Ge­brauch breit beworben wird“, sagte Falk Kiefer, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, aus Mannheim.

Ein Werbeverbot für Alkohol gibt es leider nicht“, bedauerte der wissenschaftliche Leiter der S3 Leitlinie Alkoholbezogene Störungen. Treten jedoch alkoholbezogene psychische oder körperliche Folgestö­run­gen auf, sei es meist mit der gesellschaftlichen Toleranz vorbei.

In einem unmittelbaren Zusammenhang mit einem übermäßigen Alkoholkonsum, sterben Kiefer zufolge täglich in Deutschland 200 Menschen. Die Betroffenen sind allgemeinen Stigmatisierungen ausgesetzt und sie bekommen zu selten Hilfe.

„Nur rund zehn Prozent der alkoholabhängigen Menschen in Deutschland werden vom Suchthilfesystem versorgt“, berichtete Kiefer. Hochwirksame Behandlungsangebote würden zu wenig mit den Betroffenen in Verbindung gebracht. Deshalb müsse die S3-Leitlinie bei Ärzten und Therapeuten bekannter gemacht werden.

Neu in der Leitlinie ist Kiefer zufolge der Fokus auf Frühdiagnostik und Frühintervention. „Bei vielen Be­troffenen wird beim Arzt nicht danach gefragt. Frühintervention, Screening und Komorbiditäten müssten aber früher einbezogen werden.“ Wichtig sei es, den Alkoholkonsum standardisiert in Haus­arztpraxis zu erheben. „Es gibt Fragebögen, die man im Wartezimmer auszufüllen kann. Das hilft sehr“, sagte Kiefer.

Medikamente: Fließender Übergang zwischen Heilbehandlung und schädlichem Gebrauch

Mit der erstmals eigenständigen S3-Leitlinie „Medikamentenbezogene Störungen“ soll das Thema Medi­kamentensucht mehr Aufmerksamkeit in Politik und Gesellschaft erfahren, betonte Ursula Havemann-Reinecke, Leiterin des Referats Abhängigkeitserkrankungen der DGPPN.

In Deutschland sei von 2,9 Millionen Fällen von schädlichem und abhängigem Konsum von Medika­men­ten in der Gruppe der 18-bis 64-Jährigen auszugehen (12-Monats-Prävalenz), berichtete sie. Je nachdem welche Medikamente in den Untersuchungen erfasst werden, könnten diese Zahlen auch höher sein.

„Das Risiko für schwere körperliche und psychische Folgen ist hoch, und es gibt einen fließenden Über­gang zwischen dem bestimmungsgemäßen Gebrauch in einer Heilbehandlung und dem schädlichen Gebrauch“, sagte die Psychiaterin.

Ärzte sollten klare Indikation für die Medikamentenverordnung stellen und die Dosierung immer wieder überprüfen, riet Havemann-Reinecke. Wichtig sei die psychischen und sozialen Konstellationen der Pa­tienten im Blick zu haben und auch daran zu denken, eine Medikamententherapie zu beenden.

Raucher leben etwa zehn Jahre weniger als Nichtraucher

„Der Tabakkonsum ist mit zahlreichen körperlichen Folgeerkrankungen verbunden. Schätzzahlen gehen davon aus, dass etwa 13,5 % der Mortalität durch den Tabakkonsum mitbedingt sind“, berichtete Anil Batra, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Tübingen.

„Raucher leben etwa zehn Jahre weniger als Nichtraucher und nur 26 % der Raucher erleben das 80. Le­bensjahr.“ Während die Rauchquote insbesondere bei Kindern und Jugendlichen in jüngster Zeit rückläu­fig sei, halte sie sich bei Erwachsenen zwischen 25 und 60 Jahren und häufiger bei Männern unverändert auf hohem Niveau.

„Wenngleich Nikotin keine mit Alkohol vergleichbare betäubende Wirkung hat, ist es doch ein Sucht­mittel, das mit körperlicher Abhängigkeit, Gewohnheitsbildung und psychischer Abhängigkeit einher­geht“, betonte der Suchtexperte.

Nach derzeitiger Gesetzeslage sei die Finanzierung einer Unterstützung von Menschen, die einen Rauch­stopp beabsichtigen, jedoch nur im Rahmen von Präventionsmaßnahmen möglich – selbst dann, wenn eine Tabakabhängigkeit oder schwere tabakassoziierte somatische Erkrankung vorliege, bemängelte er.

Krankenkassen bezuschussten zwar die verhaltenstherapeutisch orientierten Raucherentwöhnungs­grup­pen, finanzierten jedoch nicht die medikamentöse Unterstützung und die in Einzelfällen notwendige ver­haltenstherapeutische Behandlung.

„Begrüßenswert wäre, wenn Politik und Krankenkassen jegliche Maßnahmen, die zum Rauchstopp moti­vieren, unterstützen und fördern“, betonte Batra. Anzustreben sei eine absolute Abstinenz – eine Harm Reduction könne nur in Einzelfällen eine Alternative sein. © PB/aerzteblatt.de

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