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Politik

Barmer wirbt für gezielteres Impfen bei Risikogruppen

Dienstag, 19. Januar 2021

/picture alliance, Weber/ Eibner-Pressefoto

Berlin – In der Diskussion um die Reihenfolge bei der Impfung gegen das SARS-CoV-2-Virus hat die Kran­ken­kasse Barmer ein Impfmodell entwickelt, dass auf eine schnellere Impfung innerhalb von Risikogrup­pen abzielt und damit schwere Verläufe und Todesfälle verhindert werden könnten.

Mit dem Modell könnte es doppelt so schnell gehen, Menschen mit Vorerkrankungen zu impfen und damit zu schützen, hieß es von der Kasse heute vor Journalisten. Um die Menschen zu identifizieren, die durch ihre Vorerkrankung einen besonders hohe Wahrscheinlichkeit für einen schweren Verlauf sowie Sterb­lichkeit haben, könnten die Daten der Krankenkassen deutlich besser genutzt werden, heißt es.

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Dafür hat das Barmer Institut für Gesundheitsforschung (bifg) 66 Krankheiten identifiziert, die bei einer COVID-19-Infektion ein höheres Risiko zur Hospitalisierung, Beatmung sowie Sterblichkeit haben. Dazu zählen beispielsweise Trisomien, degenerative Hirnerkrankungen, Lungenmetastasen, Hämatologische Neubildungen, psychische Erkrankungen sowie Nierenversagen und HIV/Aids.

Ähnlich wie die Priorisierungsliste der Ständigen Impfkommission (STIKO) stehen auch auf den Barmer-Berechnungen Trisomien sowie Demenz-Erkrankungen weit oben auf der Liste. Psychische Erkrankungen, bei denen das bifg von einem 2,86-fachen Risiko einer Sterblichkeit ausgemacht hat, befindet sich derzeit in der Impfverordnung des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums nicht auf der Liste und ist bei der STIKO-Empfehlungen in der Priorisierungsgruppe vier.

Die Barmer hält ihre Ergebnisse für den deutschen Versorgungskontext für spezifischer und deutlich ausgeweiteter. Man könne mit der Auswertung aus den Kassendaten das „Zusammenwirken von Alter und Multimorbidität sowie das Risiko schwerer COVID-19-Verläufe systematisch berücksichtigen“, erklärte Uwe Repschläger, Leiter des bifg.

Impfungen effektiver einsetzen

Mit dieser Analyse ließen sich bei gleicher Anzahl von wöchentlichen Impfungen, wie sie derzeit vorge­sehen sind, „mehr Hospitalisierungen, Beatmungen und Todesfälle“, minimieren. In einem Modell hat das bifg zudem die vermeidbaren Todesfälle bei der vorgeschlagenen Optimierung der Impfreihenfolge errechnet: So könnten sich nach zehn Impftagen die Todesfälle an oder mit COVID-19 bei der „verfeinerten Priorisierung“ um 45 Prozent gesenkt werden.

Bereits nach 100 Tagen der Impfaktion, dies würde 14 Millionen Impfungen mit 28 Millionen Impfdosen bedeuten, geht das bifg von einer Reduktion von etwa 90 Prozent der Todesfälle aus. Bei einer Priorisie­rung laut der derzeitigen Impfverordnung längen dieser Wert bei 73 Prozent.

Mit diesem Konzept würden auch die Krankenhäuser deutlich schneller entlastet werden: So geht die Barmer nach etwa drei Wochen von einer Entlastung von etwa 25 Prozent aus, wenn nach dieser Priori­sierung geimpft wird.

Auch die Notwendigkeit, Patienten beatmen zu müssen, können bereits nach zehn Impftagen um etwa 25 Prozent zurück gehen. Im Vergleich zur aktuellen Impfverordnung würde man diese Reduktion nur um sieben Prozent erreichen, so das Institut für Gesundheitssystemforschung.

Da die Impfungen bereits stattfinden, wurden in den Analysen der Barmer die Effekte auf die Impfungen der Menschen über 80 Jahren nicht mit eingerechnet.

Die Krankenkasse betont, dass ihr Konzept nicht als Kritik an den Empfehlungen vom Ethikrat, der Leopol­dina sowie der STIKO zu verstehen seien. Nach Aussage von Kassenchef Christoph Straub sei das Konzept im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium bekannt und man wolle nun weiter speziell mit den Landesgesund­heits­ministern ins Gespräch kommen.

Diese sind für die Impfeinladung zuständig. Auch mit anderen Krankenkassen wolle man sich dazu austauschen, um hier für den besseren Einsatz von Krankenkassendaten zu werben. © bee/aerzteblatt.de

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Andre B.
am Mittwoch, 20. Januar 2021, 16:02

RKI räumt ein: Geringe Evidenz für eine Wirksamkeit der Impfung bei alten Menschen

Die Frage muss erlaubt sein, aber kennt denn die Barmer überhaupt die tatsächlichen medizinisch-wissenschaftlichen Daten dazu, um so offensiv für solche Empfehlungen zu werben?

Im Kleingedruckten einer 74-seitigen Fachpublikation, die vom Robert Koch-Institut (RKI) am 8. Januar veröffentlicht wurde steht: Die Wirksamkeit des Biontech-Impfstoffs ist in der Altersgruppe über 75 Jahre „nicht mehr statistisch signifikant“ schätzbar. Aussagen über die Wirksamkeit seien daher „mit hoher Unsicherheit behaftet“, die Evidenzqualität für eine Wirksamkeit bei alten Menschen „gering“.

>>> https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/Ausgaben/02_21.pdf?__blob=publicationFile

Im RKI-Papier liest sich das so (S. 27):

„Der Endpunkt Covid-19-Erkrankung wurde in der Studie als erster primärer Endpunkt (…) erhoben. Tabelle 8 zeigt, dass die Impfeffektivität bezogen auf diesen Endpunkt 95 % betrug. Auch in der altersstratifizierten Analyse zeigten sich vergleichbar hohe Effektivitätsschätzer, die allerdings bei kleiner werdenden Altersgruppen bzw. Fallzahlen teilweise weite Konfidenzintervalle aufwiesen bzw. nicht mehr statistisch signifikant waren. In der höchsten Altersgruppe (≥ 75 Jahre) ist daher eine Aussage über die Effektivität der Impfung mit hoher Unsicherheit behaftet.“

Dem Epidemiologisches Bulletin, Ausgabe 2/2021, S. 27 ist zu entnehmen, dass weniger als 5 % der insgesamt etwa 40.000 Studienteilnehmer über 75 Jahre alt waren – also zu der Gruppe gehören, die mit der Impfung vorrangig geschützt werden soll. Daher sind auch die absoluten Zahlen der Covid-Infizierten in dieser Altersgruppe verschwindend gering: In der geimpften Hälfte sind es 0 von 774, in der anderen Hälfte, die ein Placebo erhielt, 5 von 785. Rein rechnerisch beträgt die Impfeffizienz bei den Alten damit 100 % (5. Zeile der Tabelle, Seite 27), da eben keiner der Geimpften erkrankte. Doch aufgrund der absurd niedrigen absoluten Zahlen (null, fünf) liefert die Studie eine ebenso absurd riesige Schwankungsbreite, die von ‑13 % bis 100 % Wirksamkeit reicht.

Der von den Studienautoren berechnete negative Wert von ‑13 % bedeutet, dass es durchaus im Rahmen des Wahrscheinlichen liegt, dass alte Menschen ohne Impfstoff sogar besser vor Covid-19 geschützt sein könnten als mit Impfstoff. Man kann also aus den vorliegenden Daten zur Zeit keine seriöse Aussage über die Wirksamkeit der Impfung bei alten Menschen treffen, also gerade bei denen, um deren Schutz es gehen soll – und die derzeit zu Hunderttausenden geimpft werden.

Beim Moderna-Impfstoff sind die absoluten Zahlen der getesteten Menschen über 75 Jahre sogar so niedrig und die Unsicherheit einer Wirksamkeit damit so hoch, dass in den Papieren zu dieser Altersgruppe überhaupt kein Konfidenzintervall mehr angegeben wird (S. 28, Tabelle 9, 4. Zeile).

Die vermeintlich 95 prozentige Effektivität – über alle Altersklassen gerechnet – ergibt sich aus einem sehr speziellen Studiendesign: Als erfolgreich gilt der Impfstoff nicht etwa, wenn er eine schwere Erkrankung, eine Krankenhauseinweisung oder gar den Tod verhindert, sondern bereits dann, wenn er eine simple Covid-19-Infektion verhütet, die bekanntlich in den meisten Fällen symptomfrei verläuft. Das hatte bereits im Oktober vergangenen Jahres Peter Doshi, Mitherausgeber der medizinischen Fachzeitschrift The BMJ (vormals „British Medical Journal“) kritisiert.

Es bedeutet, dass es Biontech und Moderna zur Behauptung der Wirksamkeit im Wesentlichen ausgereicht hat, zu messen, dass Menschen in der Placebo-Gruppe „einen Husten und einen positiven PCR-Test haben“, so Doshi, und nicht etwa, dass diese Nichtgeimpften auch schwer erkrankten. Das Ziel – die Impfstoffzulassung – ist so natürlich viel leichter zu erreichen.

Zur „Vertrauenswürdigkeit der Evidenz“ heißt es im RKI-Papier mit Blick auf die Impfstoffe von Biontech und Moderna, die Evidenzqualität für die Annahme, dass die Impfung Covid-19 verhindere, sei allgemein „moderat“, in der Altersgruppe ab 75 Jahre jedoch „gering“. Für die These, dass die Impfung eine Krankenhauseinweisung verhindere, gebe es sogar nur „eine sehr geringe Evidenzqualität“. (S. 33)

Lesetipp dazu: Peter Doshi: Pfizer and Moderna’s “95% effective” vaccines – we need more details and the raw data >>> https://blogs.bmj.com/bmj/2021/01/04/peter-doshi-pfizer-and-modernas-95-effective-vaccines-we-need-more-details-and-the-raw-data/
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