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„Viele Menschen wollen anderen helfen“

Montag, 25. Januar 2021

Berlin – Heute vor 100 Jahren wurde in Bamberg das Deutsche Rote Kreuz (DRK) als Dachorganisation der bereits bestehenden Landesverbände gegründet. Die Jubiläumsfeier ist für den 8. Mai 2021, den Weltrotkreuztag, in Bamberg geplant. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) erklärt DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt, wie sich die Aufgaben des DRK in den letzten 100 Jahren verändert haben, warum die Zahl der Mitarbeiter und Mitglieder seit 2010 angestiegen ist und welchen Einfluss die Coronapandemie auf das DRK hat.

Fünf Fragen an Gerda Hasselfeldt, Präsidentin des Deutschen Roten Kreuz

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DÄ: Frau Hasselfeldt, wie kam es im Jahr 1921 zur Gründung des Deutschen Roten Kreuzes?
Hasselfeldt: Das Rote Kreuz in Deutschland ist ja deutlich älter. Die ersten Rotkreuzvereine wurden bereits seit 1863 gegründet. Aber der Erste Weltkrieg mit dem Versailler Vertrag machte eine völlige Neuausrichtung notwendig.

Die bisherige Hauptaufgabe, die Vorbereitung auf den Sanitätsdienst im Krieg, die sich aus der Genfer Konvention von 1864 ergibt, wurde untersagt. Zukünftig wollte sich das Rote Kreuz in Deutschland deshalb auf die sogenannten Friedensaufgaben, insbesondere die Wohlfahrtsarbeit, konzentrieren.

Notwendig wurde eine einheitliche, geschlossene Interessenvertretung auf nationaler Ebene. Die bis dahin nur lose miteinander verbundenen Landesmänner- und Landesfrauenvereine schlossen sich deshalb am 25. Januar 1921 in Bamberg zu einem gemeinsamen Dachverband, dem Deutschen Roten Kreuz e.V., zusammen.

DÄ: Wie haben sich die Aufgaben des DRK seither verändert?
Hasselfeldt: Die Änderungen seither sind grundlegend. Die gesamte Wohlfahrts- und Sozialarbeit, der gesamte Pflegebereich etwa, hat seither einen großen Aufschwung genommen und erheblich an Bedeutung gewonnen. Das gilt auch für den Rettungsdienst und den Katastrophenschutz sowie die Bergwacht und die Wasserwacht. Außerdem wurde die Jugendarbeit intensiviert.

Seit 1926 gehört das DRK zu den Spitzenverbänden der freien Wohlfahrtspflege. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam in den 1950er-Jahren das Blutspendewesen hinzu. Und ab Ende der 60er-Jahre wurde auch die internationale humanitäre Hilfe bei bewaffneten Konflikten und Katastrophen, die vor dem Ersten Weltkrieg schon einmal eine Rolle spielte, immer wichtiger.

Den ersten großen Auslandseinsatz nach dem Zweiten Weltkrieg gab es ab 1954 im Koreakrieg im Auftrag der Bundesregierung. Das DRK richtete in Korea ein Hospital ein. Ein ganz besonderer DRK-Einsatz folgte dann im Vietnamkrieg von 1966 bis 1972 mit dem Hospitalschiff Helgoland, das ebenfalls im Auftrag der Bundesregierung Zivilisten medizinisch versorgte.

Die Botschaft war ganz klar: Das Deutsche Rote Kreuz ist auch auf internationaler Ebene in der Lage, seinen humanitären Verpflichtungen nachzukommen. Heute helfen wir in rund 50 Ländern. Leider sind Hunger, Katastrophen, bewaffnete Konflikte sowie Flucht und Vertreibung weit verbreitet, sodass Menschen in vielen Staaten auf Jahre hinaus auf unsere Hilfe angewiesen bleiben.

DÄ: Wie hat sich die Zahl der Mitarbeiter, der ehrenamtlichen Helfer, der Mitglieder und der Spenden beim DRK in den vergangenen zehn Jahren entwickelt?
Hasselfeldt: Hier gibt es zum Teil eine sehr erfreuliche Entwicklung. 2010 hatten wir rund 395.000 ehrenamtliche und 131.000 hauptamtliche Mitarbeiter. Anfang vergangenen Jahres waren es 443.000 Ehrenamtliche und 180.000 Hauptamtliche. Die Zahl der Fördermitglieder ist in diesem Zeitraum dagegen von 3,4 Millionen auf 2,8 Millionen gesunken, hauptsächlich als Folge der demografischen Entwicklung.

Ein Faktor für diese Entwicklung ist sicherlich der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz. Es hat einen massiven Ausbau der Kitainfrastruktur gegeben, der sich deutlich in den Mitarbeiterzahlen nieder­schlägt. Insgesamt gelten die Jahre zwischen 2010 und 2020 allgemein als eine Zeit, in der die soziale Infrastruktur ausgebaut wurde. Allein die großen Bundesprogramme bei den Freiwilligendiensten und der Migrationsberatung sind deutlich ausgeweitet worden.

Mit 12.000 Plätzen ist das DRK zum Beispiel der größte Anbieter beim Freiwilligen Sozialen Jahr. Das macht sich alles auch bei den Mitarbeiterzahlen bemerkbar. Bei den Ehrenamtlichen hat die Flüchtlings­bewegung 2015/16 einen Schub gebracht. Viele Menschen haben damals als freiwillige Helfer zum ersten Mal zum DRK gefunden, sind auch bei uns geblieben und engagieren sich jetzt zum Teil in anderen Bereichen.

Das Spendenaufkommen ist immer wieder Schwankungen unterworfen und hängt sehr stark von einzelnen Großereignissen ab, insbesondere von Naturkatastrophen. Bei einem großen Erdbeben wie in Haiti 2010 mit 300.000 bis 400.000 Toten ist die Hilfsbereitschaft besonders ausgeprägt. Das gilt auch für die Flüchtlingsbewegung 2015 oder die Coronapandemie.

Wir haben im vergangenen Jahr rund 50 Millionen Euro an Spenden erhalten, zum großen Teil für unsere Coronanothilfe. 2019 waren es etwas über 30 Millionen Euro. Das ist ein großer Sprung. Viele Menschen wollen anderen helfen. Das erfreut uns sehr. Allerdings ist der Bedarf auch sehr groß. Denn wir enga­gieren uns ja nicht nur in Deutschland, sondern derzeit besonders auch in Ländern wie dem Jemen, Libanon, Somalia oder Syrien. Dort sind die Menschen nicht nur von Corona schwer betroffen, sondern auch von Hunger, bewaffneten Konflikten und anderen Katastrophen.

DÄ: Welche Bedeutung kommt Wohlfahrtsverbänden wie dem DRK zu Beginn des 2020er-Jahre – sowohl national als auch international – zu?
Hasselfeldt: Die Wohlfahrtspflege wird auch künftig unverzichtbare Leistungen im sozialen und gesund­heitlichen Bereich anbieten. Das gilt vor allem dort, wo es für private Akteure nicht lukrativ oder attraktiv erscheint.

Damit agieren wir im Sinne des Gemeinwohls. Wir entlasten den Staat und mobilisieren ehrenamtliche Hilfe. In Notsituationen wie zum Beispiel jetzt in der Pandemie sind es die Wohlfahrtsverbände und Hilfsorganisationen, die ohne zu zögern auf allen Ebenen Unterstützungen anbieten – mit hoher fachlicher Kompetenz und menschlicher Zuwendung.

DÄ: Welche Entwicklungen erwarten Sie in den 2020er-Jahren, die die Arbeit des DRK betreffen?
Hasselfeldt: Die Pandemie ist einschneidend, auch für die Wohlfahrtspflege. Wir brauchen eine deutlich größere Wertschätzung der Pflege- und Erziehungsarbeit. Das ist eine der wichtigsten Lehren aus der Pandemie. Es wird keine Rückkehr zum Status Quo davor geben, aber es wird auch nicht alles kaputt sein.

Orte des Engagements und des Ehrenamts, des Miteinanders werden gerade nach der Pandemie an Bedeutung gewinnen. Und gleichzeitig werden die neuen Formen des Arbeitens und der Kommunikation, wie jetzt im Lockdown täglich erprobt, ein stärkeres Gewicht erhalten.

Wir haben schon in den vergangenen Jahren Digitalisierungsprozesse mit viel Engagement angeschoben. Davon profitieren wir bereits. Jetzt wird es darauf ankommen, den beschrittenen Weg konsequent weiter­zugehen.

Klar ist aber auch: Menschliche Zuwendung lässt sich nicht durch Digitalisierung ersetzen. Ehrenamt­liches Engagement spielte schon bei der Gründung des DRK eine große Rolle. Ich bin überzeugt, dass es künftig noch mehr an Bedeutung gewinnen wird, weil es für den Zusammenhalt einer Gesellschaft fundamental ist. © fos/aerzteblatt.de

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