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Studie: Coronafallzahlen in England sinken trotz Lockdowns nicht

Donnerstag, 21. Januar 2021

/picture alliance, Dominic Lipinski

London – Trotz des Lockdowns in Großbritannien nimmt die Zahl der Infektionen mit SARS-CoV-2 einer neuen Studie zufolge nicht ab, sondern hat zuletzt sogar noch zugelegt. Demnach war im größten Lan­desteil Eng­land zwischen dem 6. und 15. Januar bei jedem 63. getesteten Menschen das Ergebnis positiv, wie die Forscher des Imperial College London mitteilten.

Das waren 50 Prozent mehr als Anfang Dezember. Die Wissenschaftler werteten nach eigenen Angaben Abstriche von etwa 143.000 Menschen aus. „Während der ersten zehn Tage des dritten COVID-Lockdowns in England im Januar 2021 war die Verbreitung von SARS-CoV-2 ohne Anzeichen eines Rückgangs sehr hoch“, betonten die Forscher.

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Der Infektiologe Steven Riley sagte dem Sender Sky News zufolge, der Lockdown mit weitreichenden Ausgangs- und Reisebeschränkungen sei offenbar nicht so wirkungsvoll wie noch im Frühjahr 2020. Die Ergebnisse zeigten zudem, dass die in Großbritannien entdeckte Virusvariante schneller übertragen werde.

Nach Regierungsangaben hatte die Zahl der Neuinfektionen zuletzt abgenommen. Gestern wurden 38.905 neue Fälle gemeldet, deutlich weniger als in der Vorwoche. Allerdings war die Zahl der Todes­fälle zuletzt stark gestiegen, gestern auf den Tagesrekord von 1.820.

Die Forscher erklären sich die Unterschiede in den Zahlen damit, dass die Regierungsangaben von Tests aus der Zeit nach Weihnachten stammen. Ihre eigenen Untersuchungen seien aber vom Januar, als die Menschen nach den Feiertagen wieder mehr unterwegs waren. Aus der Regierung hieß es Medienberich­ten zufolge, die Studie spiegele nicht die Auswirkungen des Lockdowns wider. © dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #88255
doc.nemo
am Mittwoch, 27. Januar 2021, 09:44

@Practicus

Sind Migranten in London auch überproportional häufig infiziert? Oder werden sie unterproportional häufig getestet?
Avatar #79783
Practicus
am Mittwoch, 27. Januar 2021, 00:08

Lockdown im UK

Mein Sohn lebt und arbeitet in London. Da sind zwar die Pubs zu, aber auf den Straßen ist es voll wie eh und jeh, kein Abstand, keine Masken...
Vor allem in den von Migranten dominierten Stadtteilen kümmert sich niemand um den Lockdown. Was auf dem Papier passiert, passiert dort längst nicht in der Realität... ziviler Ungehorsam ist in GB Bürgerpflicht!
Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Dienstag, 26. Januar 2021, 22:06

RE: Theorie und Praxis

Selbstverständlich hat die Realität und damit die Praxis immer den Vorrang. Das Problem dabei ist, wenn man immer auf die bestätigten Daten wartet, kann man nur reagieren, aber niemals vorausschauend agieren. Natürlich haben mathematische Modelle ihre Grenzen. Bei Klima- oder Wettermodellen ist es z.B. üblich, alle Modelle mit unzähligen kleinen Abweichungen bei den Anfangsparametern wiederholt durchlaufen zu lassen.

Eine Erfahrung aus der aktuellen Phase der Epidemie besteht darin, dass der Lockdown regional unterschiedlich effektiv war, in Regionen mit niedriger Inzidenz hat er sehr schnell gewirkt, in den Hotspotregionen erst mit deutlicher Verzögerung. Der in meinem vorigen Beitrag genannte Vergleich mit einem Feuersturm ist natürlich erst einmal nur eine Hypothese (*). Sollte sich diese Hypothese bestätigen, dann hätte dies drei Konsequenzen: Erstens braucht man nach Überschreiten eines Kipp-Punkts keine Schuldzuweisungen an die Bürger, sondern nur einen langen Atem. Zweitens braucht man dann andere Parameter, um die Maßnahmen zu steuern (**). Und drittens, sollte man mit dem Wissen um derartige Kipp-Punkte rechtzeitig reagieren. Selbst ein harter Lockdown rechtzeitig vor einem derartigen Kipp-Punkt ist um Größenordnungen billiger als die lange Durststrecke nach Überschreiten des Kipp-Punktes.

(*) Der Grund für diese Hypothese: In dem SEIR-Modell ist die maximale mögliche Zahl der Infizierten deutlich höher als die kritische Immunisierungsschwelle. Dieses Phänomen erfordert eine positive Rückkopplung und damit einen Kipp-Punkt.

(**) Was sollte man in einer überhitzten Phase anstatt der Inzidenz messen? Z.B. die Anzahl der Risikokontakte. Die Gesundheitsämter wären in einer derartigen Phase überfordert. Wenn man alternativ die Corona-Warn-App auf maximale Empfindlichkeit einstellt und regional die Summe der Risikoereignisse im Verlauf betrachtet, dann könnte dies ein brauchbarer Surrogatmarker sein.
Avatar #88255
doc.nemo
am Freitag, 22. Januar 2021, 13:23

Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis

Natürlich sind die Aussagen von S. rex zur mathematischen Epidemiologie richtig (S. rex kennt sich hier wirklich gut aus), aber was auf einem Computerausdruck wunderbar aussieht, funktioniert in der Praxis noch lange nicht, denn menschliches Verhalten ist mathematisch nicht berechenbar. Mit bestimmten Algorithmen lässt sich zwar perfekt zeigen, dass Hotspots mit sehr hohen Inzidenzen durch einen vollständigen Lockdown rasch abgekühlt werden können - nur ist in der täglichen Praxis ein solcher absoluter Lockdown, wie es ihn bräuchte, nicht realisierbar, noch nicht einmal regional begrenzt. Schließlich kann man mathematisch auch die Zahl von Autounfällen auf Null reduzieren, wenn man das Autofahren verbietet. Bei einem Scheitern der auf solchen Modellen basierenden Maßnahmen grundsätzlich immer widerborstige Bürger anzuschuldigen, die sich nicht an die Vorschriften halten, ist m. E. unzulässig. Vielmehr sollten die Modelle die Lebensrealität berücksichtigen. Wenn Prof. Brockmann vom RKI aufgrund von Handydaten der Deutschen (wer gibt ihm eigentlich das Recht, diese einzusehen?) eine massive Einschränkung der Bewegungsfreiheit fordert, so geht er damit ebenfalls weit an der Wirklichkeit vorbei, denn relevant ist nicht das Mobilitätsausmaß von Menschen, sondern deren Kontaktverhalten. Und das lässt sich nicht anhand von Funkzellendaten bewerten. Im Supermarkt 500 m von zuhause entfernt ist das Infektionsrisiko sicher beträchtlich größer als auf dem 30 km entfernten Wanderweg im Wald, selbst wenn noch ein paar andere unterwegs sind.
Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Donnerstag, 21. Januar 2021, 23:03

Das infektiologische Gegenstück zu einem Feuersturm

In der Infektionsepidemiologie zeigen sich wieder einmal die Grenzen des linearen Denkens.
Ein mathematisches Modell einer Infektion kann durch ein nichtlineares System von Differentialgleichungen beschrieben werden:
https://de.wikipedia.org/wiki/SEIR-Modell
Derartige Differentialgleichungen führen manchmal zu ungewöhnlichen Effekten, die der gewöhnlichen intuitiven Wahrnehmung widersprechen. Ein Beispiel ist die Immunitätsgrenze 1-1/R0. In einer Beispielrechnung im o.g. Wikipedia-Artikel wird R0 als 2,4 angenommen. Die kritische Immunisierungsschwelle 1-1/R0 liegt dann bei 58%. Bei einer überhitzten ersten Welle kann aber der maximal mögliche Anteil der Infizierten deutlich höher ausfallen, in diesem Fall bis zu 88%.

Wie lässt sich dies erklären? Die kritische Immunisierungsschwelle geht von einer niedrigen Inzidenz in der Nähe der Immunisierungsschwelle aus. Jeder Infizierte hat nur einen relevanten Infektionskontakt. Je näher man an diese Schwelle kommt, desto häufiger sterben die Infektionsketten ab, an diese kritische Schwelle kann man sich asymptotisch annähern, diese aber nicht überschreiten. Anders sieht es aus, wenn die Inzidenz extrem hoch ist. Jeder Infizierte hat mehrere kritische Kontakte in seiner Anamnese. Selbst wenn ein Lockdown die Zahl der Kontakte reduziert, für eine Infektion reicht ein kritischer Kontakt. Das bedeutet, ein Lockdown ist nicht wirkungslos, er reduziert die Zahl der Kontakte. Messbar wird dieser Effekt allerdings erst, wenn die meisten Infizierten „nur noch einen“ kritischen Kontakt haben. Das bedeutet, in dieser besonderen Situation braucht man einen besonders langen Atem.

Um einen anschaulichen Vergleich zu bringen, man kann einen Feuersturm mit einem Löschzug bekämpfen, allerdings braucht man dann sehr viel Geduld, bis man ein Ergebnis sieht.
https://de.wikipedia.org/wiki/Feuersturm
Das ist die Tücke bei Prozessen, die durch derartige Differentialgleichungen beschrieben werden, darin sind gern mal Kipp-Punkte versteckt. Wenn diese Kipp-Punkte überschritten sind, ist dieses System nicht mehr linear.
https://de.wikipedia.org/wiki/Tipping-Point
Ab welcher Inzidenz bei Sars-CoV-2 ein derartiger Kipp-Punkt überschritten wird, das müssen die Mathematiker sagen. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus dürften derartige Effekte bei Inzidenzen >600/100T und Woche auftreten. Dieser Effekt könnte auch erklären, warum die Hotspots in Ostbayern und in Sachsen so lange gebraucht haben, ihre Inzidenzen zu senken. Für derartige Inzidenzen ist das aktuelle Modell des Lockdowns viel zu zaghaft und in etwa so wirksam wie ein Handfeuerlöscher bei einem Großfeuer.
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