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Politik

Justizministerin warnt vor versteckter Triage in Pflegeheimen

Dienstag, 26. Januar 2021

/Igorzvencom, stock.adobe.com

Berlin – Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) hat vor einer versteckten Triage in Altenpflege­heimen gewarnt. „Natürlich weiß ich nicht, was in jedem einzelnen Pflegeheim gesprochen wird“, sagte Lambrecht dem Redaktionsnetzwerk Deutschland heute.

„Aber es wäre schrecklich, wenn alte Menschen wegen fehlender 'Erfolgsaussichten' nicht mehr aus Pflegeheimen in Krankenhäuser überwiesen würden.“ Triage bezeichnet eine Entscheidung, wer eine intensivmedizinische Behandlung oder ein Beatmungsgerät erhält, wenn nicht hinreichend Ressourcen vorhanden sind.

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Hinweise und Äußerungen, wonach in Altenpflegeheimen bereits eine informelle Vorauswahl für die Überweisung von hochbetagten Coronapatienten zur Behandlung ins Krankenhaus getroffen werde, kommentierte Lambrecht mit den Worten: „Das wäre völlig inakzeptabel. Darüber muss doch Einigkeit herrschen, ethisch wie rechtlich: In diesem Land ist uns jedes Leben gleich viel wert.“

Zuvor hatte die Gesundheitsexpertin der Grünen im Bundestag, Corinna Rüffer, angesichts der Verteilung der Coronatodeszahlen von einer versteckten Triage in Altersheimen gesprochen. „Wir müssen befürchten, dass insbesondere erkrankte Hochbetagte in Pflegeheimen nicht die medizinische Versorgung bekommen, die sie eigentlich bräuchten.“

Laut den Statistiken des Robert-Koch-Instituts (RKI) seien rund zwei Drittel der Coronatodesfälle nicht auf Intensivstation verstorben. „Das könnte darauf hindeuten, dass vor Ort in einer Art Triage entschieden wird, schwer Erkrankte nicht mehr ins Krankenhaus zu bringen. Das muss untersucht werden“, so Rüffer.

Weder schnelle Krankheitsverläufe, noch Patientenverfügungen würden die hohe Zahl derjenigen erklären, die außerhalb von Intensivstationen sterben. „Für mich besteht daher der Verdacht, dass Menschen aus Pflegeheimen keine Chance auf eine intensivmedizinische Behandlung bekommen, weil sie von vornherein aussortiert werden. Wenn das zutrifft, würde das im Prinzip bedeuten, dass eine Vor-Triage in Einrichtungen stattfindet.“

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, dringt auf eine Statistik zu den Sterbe­orten von Coronapatienten. Das Durchschnittsalter auf den Intensivstationen sei teilweise auf unter 60 Jahre gesunken, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Freitag).

Zugleich liege der Anteil der über 70-Jährigen, die an COVID-19 gestorben seien, bei über 90 Prozent. „Dieser Widerspruch ist besorgniserregend“, sagte Brysch. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach verwies gegenüber den Funke-Zeitungen auf Aussagen von Intensivmedizinern und Pflegeleitern, denen zufolge viele Pflegebedürftige, die an COVID-19 erkrankten, auf ihren Stationen sterben.

Er vermute, dass sich die zuständigen Ärzte auf Basis von Patientenverfügungen oder in Rücksprache mit den Angehörigen in vielen dieser Fälle gegen eine Einweisung in die Klinik entschieden, so der Politiker. Stattdessen werde eine Palliativbehandlung begonnen. „Ich glaube nicht, dass hier verdeckte Rationierung eine Rolle spielt, etwa um die Intensivstationen zu entlasten.“ © kna/aerzteblatt.de

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Avatar #82378
eiden
am Donnerstag, 28. Januar 2021, 13:37

Steile Thesen.

Über unterlassene Hilfeleistung spekulieren die Bundesjustizministerin und die Gesundheitsexpertin der Grünen, wohlbemerkt beide ohne medizinsche Ausbildung. Wer in so promienter Stellung damit an die Öffentlichkeit geht, der hätte auf informeller Ebene durchaus auf alternative Erklärungsansätze stoßen können. Wer soll den in Altenheimen den Bewohnern eine adäquate stationäre, ggf. intensivmedizinsche Behandlung verweigern? Die Pflegenden? Warum sollten die sich den Schuh anziehen, nicht den Rettungsdienst oder zumindest den Hausarzt zu rufen? Der Rettungsdienst lässt den COVID-Patienten bei Atemnot nicht vor Ort zurück. Würde ich als Hausarzt, vielleicht aus falsch verstandener Rücksichtnahme gegenüber meinen ehemaligen intensivmedizinischen Kollegen, auf einer grundsätzlich sinnvollen Einweisung verzichten? Wohl kaum. Tatsächlich erlebe ich es regelmäßig, dass Patienten im Allgemeinen und Heimbewohner im Besonderen eine medizinisch angezeigte Krankenhauseinweisung kategorisch ablehnen, trotz all meinen Überredungskünste als langjähriger Notarzt. Dass die Krankenhäuser in der Coronakrise für Angehörige praktisch dicht sind, tut da ein übriges. Bitter, hat aber berechtigte Gründe. Abgesehen vom fehlenden Einverständnis des Patienten bzw. seine Betreuers oder Vorsorgebevollmächtigten gibt es sicher auch seriöse Entscheidungen von Hausärzten, Notärzten und Intensivmedizinern, bei tatsächlich - nicht "scheinbar", wie es die Justizministerin formuliert - offenkundig fehlenden Erfolgsaussichten auf eine intensivmedizinische Behandlung zu verzichten und statt dessen nur für eine Linderung zu sorgen. Intensivmedizin ist nun mal kein Wert an sich, sondern eine erhebliche, belastende Therapie, die am Lebensende hinterfragt werden darf und muss - von Ärzten, Pflegenden und der breiten Bevölkerung - Stichwort: "Apparatemedizin". Hier hätte ich vom Vorstand der Stiftung Patientenschutz ein wenig mehr Differenzierung erwartet.
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